Arbeiten mit Ausbildungs- und 
 Prüfungskarten

Zum Einsatz von Ausbildungs- und Prüfungskarten im Judo-Unterricht
von Ralf Pöhler

Bereits seit vielen Jahren wird über eine trainingsbegleitende Überprüfung der Ausbildungsinhalte besonders im Unterricht mit Kindern und Jugendlichen nachgedacht. Argumente, die für ein solches Vorgehen sprechen, gibt es genug:

  1. Der Prüfungsstress für Breitensportler und Kinder kann reduziert werden.
  2. Der Übungsleiter (im folgenden für beide Geschlechter benutzt!!), der eine Gruppe ausbildet und damit die Teilnehmer am besten kennt, nimmt deren Leistungs-Einschätzung selbst vor.
  3. Die Gruppenteilnehmer/innen können ihren Fähigkeiten und ihrer Entwicklung angemessen ihr “Prüfungstempo” selbst bestimmen.
  4. Aufgrund der Leistungsdokumentation auf einer Prüfungskarte wird die Selbsteinschätzung verbessert und der Prüfling aktiv zur Leistungsverbesserung ermutigt.

Aus diesen Gründen hat die Mitgliederversammlung des DJB 1998 für ein solches Verfahren einer Graduierung (Graduierung ohne formelle Prüfung) als Alternative zur herkömmlichen Prüfung (an einem Nachmittag mit teils 20 Kindern) gestimmt.

Allgemeine Voraussetzungen zur Graduierung ohne formelle Prüfung

  1. Die Graduierung ohne formelle Prüfung kann lt. DJB-Prüfungsordnung maximal bis zum 5.Kyu-Grad (Orange-Gurt) erfolgen.
  2. Prüfungsinhalte, Vorbereitungszeit und Mindestalter sind genauso einzuhalten wie bei der herkömmlichen Prüfung.
  3. Während der Vorbereitungszeit sind die Prüfungsinhalte des Judoka vom Prüfer, der zugleich Übungsleiter der Gruppe sein soll und die Gruppe durchgehend betreuen soll, zu kontrollieren und auf den offiziellen Prüfungskarten zu dokumentieren. Am besten eignen sich dazu die farbigen und mit den anderen Lehrmaterialien des DJB abgestimmten Ausbildungs- und Prüfungskarten.

 

Organisation und Durchführung der Graduierung ohne formelle Prüfung

  1. Die Dokumentation der Leistung des Prüflings erfolgt auf den offiziellen Prüfungskarten
  2. Die Ergebnisse des Leistungsnachweises aufgrund der Prüfungskarte sind wie bisher auf einer Prüfungsliste einzutragen.
  3. Die Verleihung der neuen Gürtel sollte in einem würdigen Rahmen innerhalb der Gruppe oder des Vereins erfolgen.

Ausbildungskarten in der Praxis

Soviel zum Formalen. Doch wie sieht nun der Einsatz der Karten in der Praxis aus?

Die Karte ist bewusst nicht nur als Prüfungskarte gestaltet, denn sie soll die Judo-Schüler während der mindestens halbjährigen Ausbildungszeit begleiten. Sie haben das gesamte Ausbildungsprogramm ihrer Ausbildungsstufe auf einen Blick vor sich. Die Vorderseite gibt einen Überblick über die Falltechnik und die geforderten Wurftechniken, die Rückseite der Karte über die Stand-/Komplexaufgabe und über die Bodentechniken. Alle Prüfungsinhalte sind mit Bildern der jeweils wichtigsten Technik-Phase versehen. Alle auf den Karten abgebildeten Techniken sind mit dem offiziellen DJB-Lehrbuch “Judo lernen” von Ulrich Klocke abgestimmt.

Angaben zum Namen und Zeitraum

Der/die Übungsleiter/in tut gut daran, kleineren Kindern bis 7/8 Jahre den Namen und alle weiteren Angaben (u.a. zum Zeitraum der Ausbildung/Prüfung) vorher auszufüllen. Die Karte wird von nun an zu jedem Training mitgebracht, vielleicht auch zusammen mit einem Bleistift. Der Judoka bestätigt, wenn die Karte als Prüfungskarte eingesetzt wird, dass er davon weiß. Eine entsprechende Besprechung zum Prüfungszeitraum, den Anforderungen und wie im Training mit der Karte umgegangen werden soll, erfolgt durch den Übungsleiter.

Wenn alle Prüfungselemente erarbeitet wurden, zeichnet der Übungsleiter abschließend auf der Karte gegen.

 

Unterrichtsplanung mit der Ausbildungs- und Prüfungskarte

Einsatz der Prüfungskarte setzt einen konkreten Ausbildungsplan des Übungsleiters voraus! Er muss

  • den Zeitraum der Vorbereitung festlegen,
  • welche Inhalte in welchen Stunden unterrichtet werden sollen und
  • wann Wiederholungen und Überprüfungen stattfinden sollen.

Die Ausbildungs- und Prüfungskarten sind für den Übungsleiter ein Leitfaden, damit er nichts vergisst, denn spätestens die Kinder erinnern daran, wenn ihnen eine Unterschrift fehlt.

Offene Wertung für den Übungsleiter

Ein Grund dafür, warum sich die Ausbildungs- und Prüfungskarten noch nicht so vielen durchgesetzt haben, ist m.E. dass der Übungsleiter beim deren Einsatz mit den Judoka in eine Diskussion einsteigen muss, wie seine Leistungsbewertung zustande kommt. Dies liegt nicht jedem Übungsleiter! Aber gerade hierin liegt eine große Chance der Karten: Sie fördern Selbsteinschätzung und selbstständiges Lernen und sie vermitteln Sicherheit in Sachen Bewertung, weil vorher darüber gesprochen wurde. Die Karten können Judo-Schüler/innen enorm motivieren.

Wichtig ist allerdings, dass im Unterricht klare Beobachtungskriterien für alle verständlich herausgearbeitet wurden. Wer sich als Übungsleiter darin noch unsicher ist kann u.a. bei judo-praxis (Lektionen zur Ausbildungs- und Prüfungsordnung) weitere Informationen erhalten.

Der linke Teil der Karte

Der linke Teil der Karte gibt eine Kurzbeschreibung der in der Prüfung zu demonstrierenden Aufgabe und drei Smilies zum Ankreuzen. Wie geht man mit diesem Bereich um?

Beispiel 1: Seit einigen Stunden haben sich die Kinder mit einer Form von O-goshi beschäftigt. Der Übungsleiter sammelt zu Beginn des Trainings die Karten der Kinder ein und überprüft während des Trainings beim Herumgehen, die Qualität der Ausführung. Das Ankreuzen und die Zurückgabe der Karte sollte zur Diskussion über die Selbsteinschätzung des Kindes anregen.

Beispiel 2: Seit einigen Stunden haben sich die Jugendlichen intensiver mit Seoi-otoshi beschäftigt. Der Übungsleiter lässt Dreiergruppen bilden und fordert dazu auf, sich gegenseitig zu beobachten. Die Jugendlichen achten auf die bereits erläuterten Beobachtungskriterien. Sie nehmen nach kurzer Diskussion in der Kleingruppe eine Einschätzung vor, ob die Technik bereits gut, mittelmäßig oder noch ungenügend ausgeführt wurde. Der Übungsleiter kann hinzugerufen werden.

Der rechte Teil der Karte

Dieser Teil ist allein dem prüfenden Übungsleiter vorbehalten. Hier attestiert er, dass die gezeigte Leistung für das Bestehen der Prüfung zum nächsten Kyu-Grad ausreicht.

Beispiel 1: Der Übungsleiter lässt zum Ende eines Stundenteiles alle Kinder in der Mitte Seoi-otoshi demonstrieren, die sich dies zutrauen. Dabei werden noch einmal die Beobachtungskriterien angesprochen. Er bestätigt die Leistung bei den Kindern, die diese Kriterien erfüllen.

Beispiel 2: Die Jugendlichen wissen, dass es in jeder Übungsstunde einen Block gibt, in dem Prüfungsaufgaben erarbeitet und wiederholt werden. Wenn sie ihrer Meinung nach die Anforderungen (Beobachtungskriterien) erfüllen, dürfen sie sich beim Übungsleiter melden, der dann die Leistung ggf. bestätigt.

 

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