Einige Überlegungen vorneweg

Die offiziellen Wettkampfregeln bestimmen, wie die Sportart Judo “aussieht”. Diese Regeln legen z.B. die Größe der Matte oder die Kampfzeit fest und “sagen”, was verbotene Handlungen sind oder welche Handlungsziele der Judoka verfolgen soll. Schon kleine Veränderungen dieses Regelwerks führen im Wettkampf zu völlig veränderten Verhaltensweisen der Kämpfer. Die Diskussion um die Weite der Judogi oder das Verhalten am Mattenrand sind beste Beispiele für solche Regelveränderungen und ihre Wirkung: Neue taktische Verhaltensweisen traten auf, oder es wurden gar neue Würfe und Grifftechniken entwickelt.

Aus pädagogischen Gründen weichen wir als Übungsleiter und Trainer im Judo-Unterricht oft und schon immer vom offiziellen Regelwerk ab.

Wir beschneiden die Regelvielfalt

Bestimmte Handlungen sind mithin von vornherein nicht erlaubt, die aber im Wettkampf gebräuchlich wären. Ziel solcher Regeleinschränkungen ist es

    1. die Komplexität der Situation und dadurch das Verletzungsrisiko zu verringern. Um Verletzungen zu vermeiden, lassen wir z.B. im Anfängerunterricht keine Übergänge vom Stand in die Bodenlage zu oder wir untersagen das Ausführen von Würgetechniken im Kindes- und Jugendbereich.

    2. das Üben von Standardsituationen des Stand- und Bodenkampfes zu intensivieren. Um bestimmte Situationen zu isolieren, erhält einer oder beide Partner bestimmte Aufgaben, die seine “normalen” Handlungsmöglichkeiten beschneiden; sein Verhalten wird dadurch für den anderen “berechenbar”. Dadurch wird die Kampfsituation und das Partnerverhalten bewusst gemacht, und es fällt leichter, Handlungsspielräume und –alternativen zu erkennen/entdecken.

Wir verändern Regeln

Indem wir eine oder mehrere Regeln entgegen dem offiziellen Regelwerk abändern und damit neue Situationen schaffen, verlangen wir vom Übenden andere Verhaltensweisen und neue Techniken zur Lösung der Situation.

Ziel solcher Regelveränderungen, wie ich sie im folgenden vorstellen möchte, ist:

  • die Kreativität der Judoka zu fördern
  • sie zu zwingen, sich in ungewohnten Situationen zurechtzufinden und selbständig Lösungen zu erarbeiten
  • spielerische Zweikampfmöglichkeiten “zu erfinden” und anzubieten
  • vielfältige Zweikampfmöglichkeiten zur Schulung der Koordination für Breiten- und Wettkampfsportler anzubieten
  • die Schulung von Standardsituationen des Stand- und Bodenkampfes wie z.B. das Kumi-Kata oder das Kämpfen am Mattenrand im Unterricht abwechslungsreich zu gestalten
  • taktische Elemente spielerisch auszuprobieren
  • Spaß im Judo-Unterricht und –Training zu haben.

Man unterscheidet insgesamt sechs Arten von Regeln (s.Abb. oben). Zum besseren Verständnis möchte ich diese jeweils kurz erläutern, um anschließend einige Veränderungen für alternative Zweikampfspiele vorzustellen. Die Zuordnung ist nicht immer eindeutig, weil meistens mehr als eine Regeln verändert wird. Auf mögliche unterrichtliche Einsatzmöglichkeiten wird hingewiesen.