Gewaltpräventionsprojekt

Ein Beitrag von Matthias Siebert

“Es ist doch nur Spaß!”, versucht Fabian und sein Klassenkamerad der einschreitenden Lehrerin zu verstehen zu geben. Was für Frau Meyer-Schmidt wie eine handfeste Prügelei aussah, soll Spaß gewesen sein? “Egal, Kämpfen ist verboten! Damit ist jetzt Schluß! Nach der Schule schreibt ihr die Schulordnung ab!”

Übertrieben? Realität? Viele Eltern, Lehrer/innen und Erzieher/innen machen tagtäglich die Erfahrung, wie faszinierend Aggressionen für Kinder sind. Auch unsere Erinnerungen sind noch nicht so verblaßt, daß wir uns nicht an unsere Raufereien in unserer Kindheit erinnern könnten. Warum sollten sich diese Bedürfnisse in den letzten 20 Jahren geändert haben? Vielleicht hat Frau Meyer-Schmidt in ihrer Kindheit nicht mit anderen gerauft, aber ihre Klassenkameraden und manche ihrer Klassenkameradinnen werden es getan haben. Und haben Sie gerauft? – Wenn ja, hat es Spaß gemacht? - Oder raufen Sie sogar noch heute?

Fabian und sein “Raufpartner” wollten diese Auseinandersetzung. Es ging auch fair zu, so wie es die nie ausgesprochenen Regeln, der Ehrenkodex, vorsieht. Von außen ist es oft schwer zu erkennen, wo der Spaß aufhört und der Ernst anfängt. Das aus einer harmlosen Rauferei eine unfaire Schlägerei wird, ist auch keine Seltenheit. Also gleich den Keim ersticken?

So heißt oft das Eingrenzen von Aggressionen, den Versuch zu unternehmen diese völlig zu verbieten. Allerdings ist Aggression “eine Kraft, die durch Verleugnung und Verdrängung nicht aus der Welt, schon gar nicht aus der Entwicklung von Kindern auszugrenzen ist” (Rogge, 1998). Es gilt also, Aggressionen in die Welt der Kinder mit einzubeziehen, ohne dabei das Wohlergehen anderer zu beeinträchtigen. Dies gelingt nur, wenn Kinder lernen, kontrolliert mit ihrem eigenen und respektvoll mit dem Körper anderer “umzugehen”.

Beim Judo lernen Kinder genau das. Allerdings erfordert Judo zu betreiben gewisse Rahmenbedingungen (z.B. Judoanzug, Judomatte), die nicht überall vorzufinden bzw. herzustellen sind. Auch das Technik-Lernen schreckt manche Kinder ab, besonders wenn Lernschwierigkeiten vorhanden sind und ausreichende Geduld fehlt.

Eine Alternative oder Ergänzung bietet “Raufen nach Regeln”. “Ergänzung” deshalb, da natürlich Judo und “Raufen nach Regeln” parallel angeboten werden können. Das macht gerade dann Sinn, wenn man das faire Raufen loslösen möchte vom Judo, um ein ähnliches Setting, wie es auf dem Pausenhof oder allgemein im Alltag vorzufinden ist, herstellen zu können.

Was ist denn nun eigentlich “Raufen nach Regeln”?

Der Name ist ein Mitbringsel vom DJB-Workshop 1999, “Judo und Pädagoik”. Judotrainer Volker Gößling stellte in seinem Arbeitskreis Helfen seine Erfahrungen mit “Raufen nach Regeln” vor. Wir haben diesen treffenden Namen danach einfach übernommen. “Raufen nach Regeln” ermöglicht Kindern sich mit anderen Kindern und - besonders spannend – evtl. mit dem/der Betreuer/in zu messen. Hier wird kein Wert auf sportliche Ertüchtigung gelegt, sondern ein Raum für Aggressionen geschaffen, die im Rahmen von Regeln eingegrenzt werden können.

“Raufen nach Regeln” wird auf den Grundsätzen des Judos aufgebaut. So wird besonders auf Rituale, die Respekt und Achtung vor der körperlichen Unversehrtheit anderer Menschen beinhalten, Wert gelegt.

Die Regeln sind einfach:

  • Handlungen die vorsätzlich Schmerzen auslösen sollen (z.B. Schlagen, Treten, Beißen, etc.), sind verboten. (Solche Handlungen bewerten wir in unserem Kontext als “unfair”, auch wenn das nicht unbedingt der zutreffen Ausdruck ist, siehe Distanz-Kampfsportarten)
  • Jedes Kind kann durch “Abschlagen” oder mit dem Ruf “Stop” den Kampf beenden.

Es gibt viele Varianten dieser kämpferischen Spiele, die sowohl Zweikämpfe, als auch Gruppenkämpfe ermöglichen.

Unsere Arbeit: “Raufen nach Regeln”

Wir bieten seit drei Jahren unter anderem “Raufen nach Regeln” einmal wöchentlich in den Tagesgruppen Lichtenrade der Drogenhilfe Tannenhof Berlin e.V. an. Die Kinder, die diese Tagesgruppen besuchen, gelten allgemein als verhaltensauffällig, hyperaktiv und schuldistanziert. Viele haben durch Gewalttätigkeiten z.B. in der Schule auf sich aufmerksam gemacht.

Unsere Arbeit wird psychotherapeutisch begleitet und wird von den Teams der Tagesgruppen unterstützt. So nehmen die Erzieher/innen ebenfalls am “Raufen nach Regeln” teil und sorgen für einen reibungslosen Ablauf. Es wurde ein kleines Dojo für uns eingerichtet, das im Sinne der Budo Charta geehrt und genutzt werden soll.

Neben dem “Raufen nach Regeln” bieten wir auch Ju Do und Sport (Ballspielarten) an.

Ablauf einer “Raufen nach Regeln”-Einheit

Zu Beginn betritt die Gruppe gemeinsam das Dojo. Zur Begrüßung bilden wir einen Kreis. Das Begrüßungsritual – vergleichbar mit dem aus dem Judo – soll gleichzeitig das Versprechen der Gruppenmitglieder sich fair zueinander zu verhalten symbolisieren. Nach dem Begrüßen werden kurz aktuelle Themen angesprochen, wie z.B. das Vorstellen neue Teilnehmer/innen. Dies würde auch eine Wiederholung der geltenden Regeln erforderlich machen. Auch Konflikte werden von Seiten der Kinder angesprochen, oft mit der Bitte verbunden, sie kämpferisch austragen zu dürfen.

Regelmäßig stellen sich die Kinder vor dem Raufen nach der aktuellen Rangordnung auf. Diese hängt zwar auch schwarz auf weiß aus, aber die Kinder können sich meist ohne irgendwelche äußeren Einflüsse aufstellen. Dieses Phänomen konnten wir von Anfang an beobachten. Die Kinder wußten immer - auch wenn es nie ausgesprochen wurde - wo ihr Platz ist und sie sich einzuordnen haben. Sollte es doch mal Uneinigkeit zwischen zwei Gruppenmitgliedern um einen Platz geben, findet man dieses Bild auch in dem sehr ausgewogenen Zweikampf zwischen den beiden wieder. Gerade Kinder die den gleichen Rangplatz beanspruchen, versuchen dies bei vielen Gelegenheiten immer wieder auszuloten. Und genau das bekommt nun einen Raum, in einem öffentlichen und fairen Rahmen. Die öffentliche Rangfolge, die die Gruppe ordnet, läßt die Kinder zur Ruhe kommen. Es scheint in der Welt der Kinder ein existentielles Bedürfnis zu sein sich in eine Rangfolge einzuordnen. Konflikte um den Rangplatz, die sonst im Alltag in Verbindung mit “Nebenkriegsschauplätzen” ausgetragen wurden, haben sich merklich in den Tagesgruppen reduziert.

Nach der Aufstellung der Rangfolge beginnen wir mit dem Raufen. Zur Festlegung der Rangfolge haben wir ein kämpferisches Spiel, was dem Sumo ähnelt, ausgewählt. Ziel ist es den/die Gegner/in aus der Kampffläche zu bringen. Die Kinder kämpfen der Rangfolge nach aufwärts. Wie bei einem “japanischen Turnier” bleibt immer der Sieger auf der Matte. Dabei gibt es immer einen Herausforderer und einen Favoriten. Um in der Rangfolge aufzusteigen, muß ein Herausforderer zweimal gegen einen Favoriten gewinnen. Frei nach dem Motto, jede/r kann mal einen schlechten Tag bzw. Glück haben. Vor und nach einem Kampf verbeugen sich die Kämpfer. Sieger ist, der zweimal seinen Gegner aus der Kampffläche befördern konnte.

Nach den Kämpfen um die Rangplätze, darf sich jede/r zwei oder drei, je nach Zeit, Gegner/innen aussuchen. Zum sogenannten “Freundschaftskampf” wird durch Verbeugung aufgefordert. Dabei war immer das zentrale Thema: die Freiwilligkeit. Viele Autoren, die sich mit Varianten des Kämpfens auseinandergesetzt haben, setzen Freiwilligkeit als Bedingung voraus. Dies hat sicher seine Berechtigung, nur trat bei uns folgendes Phänomen auf. Die Kinder neigten dazu je nach Sympathie die Herausforderung anzunehmen bzw. abzulehnen. Wir haben darauf hin die Regel eingeführt, daß jeder, der auffordern möchte, auch jede Aufforderung annehmen muß. Diese Regel öffnet allerdings stärkeren Kindern Tür und Tor nur schwächere Kinder herauszufordern. Die aktuelle Regel der Freiwilligkeit ermöglicht das Ablehnen, wenn ein Stärkerer zum Kampf auffordert. Sollte ein Favorit einen Herausforderer ablehnen, fällt er um einen Rangplatz.

Viele Kinder lieben die Herausforderung und wählen kräftigere Kinder aus. Da in der Tagesgruppe die Alterspanne von 6 bis 13 Jahren reicht, sind auch die Spannen Körpergewicht und Größe sehr breit gefächert. Sollte der Unterschied zu groß sein, wird dem Favoriten ein Handicap auferlegt, d.h. er muß seine Arme auf den Rücken nehmen. So gewinnt auch mal der Herausforderer und der Favorit hat das neue Ziel, zukünftig auch mit Handicap gegen den Herausforderer zu gewinnen.

Zum Ende der Zweikämpfe hin, dürfen dann noch die Erwachsenen auffordern. Erwachsene sollten nicht aus Nettigkeit das Kind gewinnen lassen. Zum einen haben Erwachsene dem Kind gegenüber eine Beschützerrolle. Verlieren sie besteht die Gefahr, daß das Kind die Gewißheit beschützt zu werden verliert (Vgl. Funke, 1988). Zum anderen wollen Kinder erkennen, “was ein Erwachsener ist, wie stark er ist, welchen Widerstand er bieten kann, was ihre Aussicht ist und ob sie dem schon etwas Beeinträchtigtes beifügen können, ob sie auch schon jemand sind.” (Funke-Wienecke, 1999). Auch für die Erzieher/innen, die die Kinder fünf Tage in der Woche betreuen, hat “Raufen nach Regeln” einen hohen Selbsterfahrungswert, bezüglich der eigenen Körperwahrnehmung, des Selbstbewußtseins und auch der akzeptierten körperlichen Auseinandersetzung.

Am Ende der Einheit bilden Gruppenspiele den Ausklang. Vor der Verabschiedung im Kreis gibt es ein Feedback. Fairneß und Kampfgeist werden besonders hervorgehoben. Mit dem Verabschiedungsritual symbolisieren wir die Danksagung an alle Gruppenmitglieder, für ihr faires Verhalten. 

Häufig gestellte Fragen zur Rangfolge:

Ist der der ganz am Ende der Rangfolge steht nicht frustriert?

    Wir haben die Erfahrung gemacht, daß auch beim “Schwächsten” die Ordnung eher eine erleichternde Wirkung hat. Für die Gruppenmitglieder geht von ihm keine Bedrohung aus, er ist der “Letzte”, der in der Gruppe aufgrund seines Ranges, bekämpft werden müßte. Befürchtungen die Gruppe würde lästern oder ihn belächeln, bestätigten sich nicht. Im Gegenteil, die Tatsache löste oft eher fürsorgliche und motivierende Tendenzen aus.

    Es ist natürlich auch die Aufgabe des Trainers / der Trainerin hier besonders sensibel vorzugehen. Da ja oft der Rangplatz mit objektiven Gegebenheiten (Gewicht, Körpergröße) korreliert, können solche Gründe ggf. zur Milderung von negativen Gefühlen herangezogen werden. Die Aussicht eines Tages auch zu den Stärksten zu gehören, beflügelt die Phantasiewelt des Kindes.

    Liegt es an der fehlenden Motivation, kann der Trainer / die Trainerin versuchen diese zu fördern, z.B. in dem er/sie sich selbst als Gegner/in zur Verfügung stellt und so versuchen das Kind aus der Reserve zu locken.

    Nur eins steht fest: Es gibt immer einen Schwächeren und jeder kann wachsen.

...Und fördert die Rangfolge nicht den Größenwahn des “Stärksten”?

     Da sich die Trainer/innen auch als Gegner zur Verfügung stellen, sieht die Gruppe, daß beim vermeintlich Stärksten aus der Gruppe noch nicht Schluß ist. Auch Trainer/innen sind besiegbar und das geben wir gerne zu.

Warum werden nicht so wichtige Kriterien, wie Intelligenz oder soziale Kompetenzen, in der Rangfolge mit berücksichtigt?

     Die Rangfolge zeigt nur hauptsächlich die Kraft und Geschicklichkeit beim Sumo. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, daß die Rangfolge die tatsächlichen Kräfteverhältnisse der Gruppenmitglieder widerspiegelt. Der öffentliche Kräftevergleich macht die Kämpfe im Alltag unnötig und das ist das Hauptziel von “Raufen nach Regeln”. Die Folge ist, daß Aspekte wie Intelligenz oder soziale Kompetenz im Gruppenalltag besser gefördert werden können.

Kontakt

Matthias Siebert, Marienstraße 10 B, 12207 Berlin-Lichterfelde,

Tel./Fax: 030 / 743 18 00
Funk: 0172 / 312 98 57

EMail: Matthias.Siebert@camelot-system.de

Ab Mai 2002 auch unter www.camelot-system.de

Literaturliste und meine Empfehlungen zu diesem Thema:

Beudels, W., Anders, W., Wo rohe Kräfte sinnvoll walten, Borgmann 2001

Funke, J., Ringen und Raufen. In Sportpädagogik 12/1988

Funke-Wienecke, J., Die pädagogische Bedeutung des Judos für Kinder und Jugendliche (1999). In Judo und Pädagogik, JSM – Judo Sport Marketing GmbH 2000

Happ, S., Zweikämpfe mit Kontakt 5/1998

Pöhler, R., Schladt, H., Judo & Pädagogik, JSM – Judo Sport Marketing GmbH 2000

Rogge, J.-U., Eltern setzen Grenzen, Rowohlt 1998

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