Mein Körper gehört mir

Mein Körper gehört mir! Gedanken zu einem Unterricht zur körperlichen Selbstbestimmung im Judo.

von Ralf Pöhler

Bemerkungen, Ergänzungen, Kritik und weitere Praxisbeispiele bitte an ralf@judo-praxis.de.

Lernziele

Die Kinder/Jugendlichen sollen zur Selbstbestimmung über ihren Körper finden und dabei gleichzeitig anderen mit Respekt und Toleranz begegnen.

  • Sie sollen Körpersprache und Körpersignalen verstehen lernen.
  • Sie sollen eigene und fremde Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen lernen.
  • Sie sollen ihnen angenehme und unangenehme Gefühlen unterscheiden lernen.

Grundlagen

Selbstbestimmung über den eigenen Körper setzt voraus, dass ein gefestigtes Selbstbild vorhanden ist. Mein Selbstbild ist bestimmt von meinen Erfahrungen und den Erwartungen, die an mich gestellt werden. Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl (= starkes, positives Selbstkonzept) sind Voraussetzung dafür, dass Kinder “Nein!” sagen können. Opfern, so wurde festgestellt, mangelt es oftmals an Selbstvertrauen und sie haben wenig oder gar keine Freunde.

Wie entwickelt sich durch Judo ein möglichst starkes, positives Selbstkonzept? (in Anlehnung an Zimmer u.a. 1999)

Ein stabiles Körperselbst (sensorisches Selbst) entwickeln

Judo ist Körperarbeit, d.h. Tun mit dem eigenen Körper und Umgang mit dem Körper anderer. Kinder sollen ihren Körper als etwas Einmaliges entdecken mit besonderen Merkmalen und seiner spezifischen Leistungsfähigkeit. Im Judo-Unterricht soll deshalb eine breite motorische Basis von unspezifischen Fertigkeiten spielerisch und turnerisch bereitet werden, um den eigenen Körper in möglichst verschiedenenartigen Situationen und Anforderungen entdecken zu können. Diese Spielformen werden ergänzt durch spezielle Formen der Körperwahrnehmung.

Wirksamkeit des eigenen Verhaltens entdecken und bestätigt bekommen

Judo ist Partnerarbeit, d.h. fast alle Übungen sollten mit einem Partner oder in der Gruppe ausgeführt werden. Judo ist immer auch soziales Lernen, denn ohne einen Partner geht im Judo nichts. Deshalb wird positives Gruppen-/Partnerverhalten und Zusammenarbeit ebenso mit Lob versehen wie gelungene Bewegungsversuche.

Sich erfolgreich mit anderen vergleichen/messen

Judo ist “raufen”, d.h. von den ersten Judo-Stunden an ein spielerisches Gegeneinander nach festgelegten Regeln. Wichtig ist es dabei, auf gleiche Ausgangsbedingungen zu achten, also vor allem auf gleiches Körpergewicht.

Von anderen mir zugeordnete positive Eigenschaften aufnehmen

Judo ist Höflichkeit, d.h. Judo unterliegt festgelegten “Benimm-Regeln”. Diese sollten nicht aufgeweicht werden. Weder Übungsleiter noch Schüler untereinander sollten andere herabwürdigen, verächtliche Bemerkungen über andere machen oder deren Leistungen (vor allem für die Gemeinschaft), und seien sie noch so klein, abtun. Kinder sind als Personen ernst zu nehmen.

Erfahrungen sammeln

In Bedrängnis geraten; bedrängt werden; sich machtlos fühlen

  1. Haltet den Dieb! Einer ist der Dieb. Dieser soll von allen anderen Gruppenmitgliedern ohne Gebrauch der Hände nur mit deren Körpern eingekreist werden.
  2. Drei klammern einen vierten ein, der sich entwinden soll. Die drei halten sich an den Ärmelenden fest und können zusätzlich mit ihren Körpern den in der Mitte stehenden in die Klammer nehmen.
  3. Mauerkämpfe
  4. Einer wird von zweien im Boden festgehalten.
  5. ...

Die anderen sind anders und doch haben wir vieles gemeinsam

  1. Alle, die eine bestimmte Eigenschaft aufweisen, wechseln im Kreis den Platz
  2. Sich den anderen mit einer positiven Eigenschaft vorstellen, sich von anderen mit einer positiven Eigenschaft begrüßen lassen
  3. Fremde Bewegungen weitergeben, statt “Stille Post”
  4. ...

Sich berühren, sich berühren lassen

  1. Die Hände des anderen legen sich auf verschiedene Teile meines Körpers, während ich die Augen geschlossen halte
  2. Pizza-Backen (sich dabei verwöhnen lassen) (s. Judo-Magazin 2000)
  3. Waschanlage
  4. Selbst- und Partnermassage
  5. Spiele mit Kontaktflächen: Hände-Hände, Rücken-Bauch, Hand-Hüfte (Leider fällt mir dazu nichts ein)
  6. ...

Dem anderen vertrauen

  1. Sich von einem anderen bei geschlossenen Augen mit den Fingern führen lassen
  2. Vertrauenskreis
  3. Vertrauensfall rückwärts
  4. ...

Zu sich selbst finden

  1. Anspannungs- und Entspannungsreise durch den Körper (nach Jakobson)
  2. Wie fühle ich mich gerade: Ein Selbstbildnis modellieren
  3. Gehen wie jemand der Angst hat, der sich freut, der gerade einen Wettkampf gewonnen hat, der ...
  4. Bewegungen so oder so ausführen: Kraftvoll – lasch, schnell – langsam, laut – leise ..
  5. ...

Pädagogische Überlegungen für den Judo-Unterricht

Schulung der Differenzwahrnehmung

  1. Körperwahrnehmung ist die Basis für ein Körperselbst und lebt vom Erfahren von Gegensätzen. Viele dieser Gegensätze lassen sich beim Üben und in den Versuchen der Kinder aufgreifen. Gegensätze sind z.B.:
    • mit Kraft – ohne Kraft
    • eng – locker
    • angespannt – entspannt
    • schnell bewegt – ruhig oder still
    • laut – leise
  2. Wie erlebe ich die Bewegungen meines Partners, kann ich mich ihnen anpassen, sie mitmachen, sie nachmachen?

Äußerungen zu Befindlichkeiten zulassen und anregen

  1. Gefühle sind vor allem in Bezug auf den eigenen Körper wichtige Parameter. Mein Gefühl sagt mir, dass ich etwas schaffe oder dass ich noch Angst davor habe, oder ob ich jemanden mag und mit ihm klar kommen werde oder nicht.
  2. Über Bewegungen kann ich Gefühle darstellen, sie spielen. Umgekehrt: Bestimmte Körperhaltungen bewirken bestimmte Gefühle. Das Darstellen ermöglicht mir u.a., auch bei anderen an Gesten und Körperhaltungen diese Gefühle zu entdecken.
  3. Beim Gegeneinander ist es vor allem wichtig, auf den anderen zu “hören”, d.h. es wird immer ernst genommen, wenn sich jemand unbehaglich fühlt. Es wird Hilfe, Hilfsstellung, Hilfsübungen angeboten, wenn sich jemand noch unsicher ist. Ängstlich zu sein ist keine Schande; oftmals übersehen/verdrängen wir Übungsleiter Ängste im Unterricht (oder reden diese klein).

Den Körper und Körpersicht zum Unterrichtsgegenstand machen

  1. Der eigene Körper wird besonders von Jugendlichen als ihr “Kapital” angesehen, vor allem dann, wenn sich für sie keine sonstige Perspektive eröffnet (Körperkult, Kleidung ...).
  2. Besonders Jungen brauchen die Gelegenheit, sich über ihre Körperlichkeit auszutauschen. Es sollte Übungen und Gespräche geben, in denen es Jungen möglich ist, sich zu öffnen, ohne sich outen zu müssen.
  3. Judo-Unterricht gibt viele Gesprächsanlässe, um über den eigenen Körper zu reden (Muskelkater, Muskelverkrampfung, ..). Dies findet meistens im Austausch mit dem Übungsleiter statt (?).
  4. Alle Judoka sind verschieden! Junge – Mädchen, hässlich – hübsch, stattlich gebaut – zierlich gebaut, groß – klein, ... Doch alles dies sagt nichts über das Können oder das aus, was einen Menschen liebenswert macht. Jeder Mensch ist so wie er ist einmalig. Alles, was ich mit meinem Körper erspüre und kann, kann mir keiner wegnehmen und gehört mir.
  5. Wir lernen den eigenen Körper und den des Partners besser kennen durch massieren, durch anspannen und entspannen, durch Benennen von Körperteilen, durch Bewegungsbeschreibungen, ...
  6. Ausgrenzung aufgrund körperlicher Merkmale darf es im Judo-Unterricht nicht geben.

Vom “Stopp!”-Sagen, “Nein!”-Sagen und von der Auszeit

  1. Im Judo-Training sollen alle mit allen üben. Dennoch bestimme ich allein, ob und von wem ich berührt werden möchte, zumindest, wenn es um Körpererfahrung geht und nicht um Judo-Technik. Die Schwelle von Zwang, Überwindung durch Einsicht usw. ist schnell überschritten.
  2. Die Möglichkeit “Stopp!” zu sagen und damit das Kämpfen für sich zu beenden sollte schon in den ersten Stunden eingeführt werden. “Stopp!” ist immer einzuhalten. Aber gibt es auch die Möglichkeit in anderen Situationen im Judo-Training “Stopp!” zu sagen?
  3. Gibt es Situationen im Judo-Training, in denen Du gerne “Nein!” sagen würdest? Es muss erlaubt sein, auch einmal “Nein!” sagen zu dürfen (Angst, Schmerz ...). Wie sage ich “Nein!” ohne den anderen/die anderen zu verletzen, vor den Kopf zu stoßen?
  4. Gibt es die Möglichkeit, im Judo-Training eine Auszeit zu nehmen, ohne dass dies als “Schwänzen” oder “Sich-entziehen” gewertet wird? Kinder entziehen sich gerne bei Aufgaben, die ihnen motorisch nicht liegen.

Schutzraum Judo-Dojo

Wenn es um Körperwahrnehmung und ein starkes positives Körperselbst geht, darf es im Judo-Training keine körperlichen Grenzüberschreitungen geben, weder von Kindern gegenüber anderen Kindern noch von Erwachsenen gegenüber Kindern und auch nicht von Kinder gegenüber Erwachsenen.

Im Judo-Dojo sind folgende Handlungen unter keinen Umständen zu dulden und zwar weder von Kindern noch von Erwachsenen:

  • keine mutwilligen Körperverletzungen
  • keine Beleidigungen
  • keine Ungleichbehandlungen
  • keine Sachbeschädigungen

Übungsleiter/innen stehen mit ihrer ganzen Person für den Erhalt dieses Schutzraumes ein. Es müssen Sanktionen festgelegt werden, wenn diese Regeln nicht eingehalten werden.