Vortrag  von Prof. G.Pilz
Vermerk:

Da dieser Text nicht auf Diskette vorlag, habe ich ihn eingescannt, durch das Rechtschreibprogramm laufen lassen und ins "html-Format" gebracht. Ich bitte die verbliebenen Rechtschreibprobleme selbst zu ändern oder bei der Geschäftsstelle des LPRN eine Originalkopie anzufordern.

Wolfgang Wellmann

 

 

 

Sport - ein Königsweg in der Gewaltprävention?
Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen
sport- und bewegungsbezogener (Jugend-)Sozialarbeit'
Dr. Gunter A. Pilz, Universität Hannover

 

Einige kritische Vorbemerkungen

"Der Sport leistet noch immer die preiswerteste Sozialarbeit in der Gesellschaft, hat einen hohen Bildungswert, integriert problemlos Randgruppen der Gesellschaft.

Vereinsmitglieder sind keine Radaubrüder und keine Extremisten, Sportler werfen keine Brandsätze auf Flüchtlingsheime, gehören auch keiner Drogenszene an. "

Wenn wir diesen Glauben schenken, dann erweist sich der Sport als eine Insel der Seligen, in der Tat als Königsweg in der Gewaltprävention.

Ist dem wirklich so, ist dies so einfach? Bereits 1925 hat MUSIL in seiner ihm eigenen Art darauf hingewiesen, dass der Sport eine

"grandiose Arbeitsteilung zwischen Gut und Böse der Menschen" sei. "Es ist einseitig, wenn man immer nur schreibt, dass der Sport zu Kameraden mache, verbinde, einen edlen Wetteifer wecke: Denn ebenso sicher kann man auch behaupten, dass er einem weit verbreiteten Bedürfnis, dem Nebenmenschen eine aufs Dach zu geben oder ihn umzulegen entgegenkommt, dem Ehrgeiz, der Überlegene zu sein."(FRISE, 1983, 794)

Der sportliche Alltag sieht denn auch etwas weniger heil aus.

"Der Sport leistet noch immer die preiswerteste Sozialarbeit"? Bei jungen Mitgliedern Im Alter zwischen 14 und 18 Jahren weisen die Sportvereine hohe Fluktuationsraten von bis zum Teil 80% auf. BRINKHOFF (1995) zeigt an Hand seiner Untersuchungen, dass das Phänomen der sozialen Ungleichheit im Sportverein heute so ausgeprägt wie noch nie zuvor ist. Dabei gilt: Je härter die sportive Kodierung, desto härter auch die soziale und geschlechtsspezifische Selektierung des Sports und umgekehrt: Je weicher die sportive Kodierung, desto weicher auch die soziale und geschlechtsspezifische Selektierung". Im Begründungs-. und Orientierungskonzept zur Notwendigkeit der Fortentwicklung der sozialen Offensive im Kinder- und Jugendsport des Beirates "Soziale Offensive" der Deutschen Sportjugend wird entsprechend selbstkritisch festgestellt, dass "im Sportverein sozial benachteiligte und randständige oder Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen sehr viel seltener anzutreffen" und in der "Mitgliedschaft stark unterrepräsentiert" sind (Deutsche Sportjugend 1998).

"Sport hat einen hohen Bildungswert?" Untersuchungen weisen nach, dass mit zunehmender Sportvereinsmitgliedschaft junge Fußballspieler zunehmend Fouls im

' Ausführliche Fassung des gleichnamigen Vortrages anläßlich des Forums "Kriminalprävention durch Sport?" veranstaltet vom Landespräventionsrat, Landessportbund und der Sportjugend Niedersachsen, am 03.02.1999 in Hannover

Interesse des Erfolgs legitimieren, den Erfolg über alles stellen, somit lernen, das es im Interesse des Erfolgs durchaus richtig und wichtig ist, die Regeln zu verletzen. Der Sportverein erweist sich so besehen auch als Sozialisationsinstanz der Unfairness. Und sind nicht gerade dieser Tage die Gralshüter des Fair Play, der Olympischen Idee, des Betruges und der Korruption überführt worden? Wurde nicht in einer sozialethischen Studie der EKD darauf hingewiesen, dass in einzelnen Fällen das "Training von Kindern Formen" annimmt, "die der Kinderarbeit des Frühkapitalismus vergleichbar sind. (RAT DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND 1972, 31 ).

"Der Sport integriert problemlos Randgruppen der Gesellschaft'? Ein Großstadtverein hat seine C-Jugendmannschaft aus dem Spielbetrieb genommen, weil die Jugendlichen sich weigerten gegen Mannschaften zu spielen, in denen viele Ausländer spielten (siehe auch BRÖSKAMP/ALKEMEYER 1996; KLEIN/KOTHY 1998). Beklagte nicht der Beirat "Soziale Offensive" der Deutschen Sportjugend, dass "im Sportverein sozial benachteiligte und randständige oder Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen sehr viel seltener anzutreffen" und in der "Mitgliedschaft stark unterrepräsentiert" sind?

"Vereinsmitglieder sind keine Radaubrüder und Extremisten?" Wird nicht in den Sportseiten der Tageszeitungen aber auch in Verbandszeitschriften die Zunahme gewaltförmiger Auseinandersetzungen zwischen Athleten, zwischen Sportlern und Schiedsrichtern, Sportlern und Zuschauern beklagt? Häufen sich nicht auch die Auseinandersetzungen zwischen Sportlern unterschiedlicher Nationalitäten? (vgl. auch KLEIN/KOTHY 1998). "Sportler gehören keiner Drogenszene an?" Hat sich nicht das Dopingproblem wie ein Krebsgeschwür selbst auf den Freizeitsport ausgebreitet? Wurden nicht Athleten des Missbrauchs von Rauschgift überführt? Mehr noch: In bestimmten Sportarten stellen Forscher - so die Frankfurter Rundschau vom 18.11 .1998 - "im Hinblick auf Alkohol- und Nikotinkonsum höhere Werte als bei gleichaltrigen Nichtsportlern fest" (siehe auch RÖTHLISBERGER 1995). Ein Tatbestand, der den Stuttgarter Sportsoziologen und Jugendforscher Brinkhoff jüngst dazu veranlasste vom "Feuchtbiotop Fußballverein" zu sprechen. Entsprechend hat der Suchtexperte des Deutschen Caritasverbandes Bernhard Schmidtobreick scharfe Kritik am Alkoholkonsum in Sportvereinen geübt und darauf hingewiesen, dass viele Jugendliche erst "dadurch richtig das Alkoholtrinken lernen"(Frankfurter Rundschau vom 2.11.1998).

Die Palette negativer Schlagzeilen des Sports ließe sich beliebig erweitern, man denke nur an die Diskussion um die Trainerpraktiken im Eiskunstlauf die von sexueller Belästigung, über körperliche Misshandlung nahezu alles aufdeckt, was im Kontext von Gewalt an Kindern und Jugendlichen vorstellbar ist und auf ein weiteres trauriges Kapitel des Kinder- und Jugendsports hinweist (vgl. ausführlicher KLEIN/PALZKILL 1996). So hat auch die amerikanische Sportpsychologin Dorcas Susan BUTT bereits 1974 gewarnt: "Die Welt des Sports verstärkt viel öfter, als viele annehmen, destruktives Verhalten, wie z.B. Betrügen, Doping, usw. ... .Wenn Spiel und Sport bedeutungsvolle Mittel zur Vorbereitung auf das Erwachsenenverhalten sind, .. , dann müssen wir uns genauso vor dem Boxen, Stierkampf und Fußball fürchten, wie wir uns vor dem Krieg fürchten." (BUTT 1974,32)

Die unreflektierten Hochgesänge auf die bildende, erzieherische, präventive Bedeutung des Sports verdecken die auch dem Sport immanenten Problemfelder der Gewalt und Fremdenfeindlichkeit, der Gesundheitsgefährdung. Der Sport ist ein Spie

gelbild des Zeitgeistes und entsprechend nicht besser und nicht schlechter als die Gesellschaft die ihn umgibt. Diese Binsenweisheit wird leider viel zu häufig ignoriert.

Positive Funktionen des Sports in der Gewaltprävention

Sport also kein Königsweg in der Gewalt-/Kriminalprävention? So falsch es wäre, den Sport als Insel der Seligen in den Himmel zu loben, so falsch wäre es ihn als Verderber von jungen Menschen zu brandmarken. So gewinnen gerade im Kontext sozialpädagogischer Maßnahmen der Gewaltprävention, wie in der Jugendarbeit schlechthin, körper- und bewegungsbezogene Konzepte zunehmend an Bedeutung. Die Palette reicht von traditionellen sportartspezifischen Angeboten über den Abenteuer- und Kampfsport bis hin zu differenzierten körper- und bewegungsbezogenen Konzepten. Ich meine aber, erst auf der Folie einer (selbst-) kritischen Analyse der Zusammenhänge von Sport und Gewalt können die durchaus vorhandenen positiven Funktionen und Wirkungen des Sports, sportiver Angebote bezüglich eines präventiven, erzieherischen Jugendschutzes heraus gearbeitet und in der (sozial)pädagogischen, wie sportlichen Alltagspraxis fruchtbar um- und eingesetzt werden. Diese positiven Funktionen und Wirkungen werden - wenn wir uns die aktuellen Problemlagen oder genauer und direkter: die Gewalterfahrungen in den Lebenswelten junger Menschen in modernen Industriegesellschaften vor Augen führen - sehr schnell deutlich.

Gewalterfahrungen in den Lebenswelten junger Menschen

Die Lebenswelten junger Menschen sind bepflastert von vielen subjektiv empfundenen, wie auch objektiv vorhandenen Gewalterfahrungen, mit denen sie umgehen und die sie verarbeiten müssen. Mit KRAFELD (1992, 500) bin ich der festen Überzeugung, dass

"das Verhalten von Jugendlichen, auch von gewalttätig agierenden, durchweg aus ihren Lebenserfahrungen und ihren Versuchen resultiert, mit diesen ihren Erfahrungen und Eindrücken umzugehen. "

Aus der Vielfalt dieser lebensweltlichen Gewalterfahrungen möchte ich hier zwei mir für unsere Thematik besonders wichtig erscheinende Problemfelder herausgreifen (ausführlicher siehe PILZ 1994):

- die Bewegungsarmut, das Abschneiden, die Betonierung gewachsener Bewegungsräume und

- der Mangel an Eigenerfahrungen, die vorenthaltenen Mitgestaltungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse durch die jungen Menschen.

Bewegungsarmut, Verbetonisierung von Bewegungsräumen

"Wir wohnen in einer Neubau-Beton-Siedlung. Früher hatten wir wenigstens einen Spielplatz, doch der wurde abgebaut. Jetzt ist nur noch ein Schlammloch da. Wir haben nichts zum Spielen oder sonst was für die Freizeit, was kein Geld kostet. Wenn man sich im Freien vor dem Haus aufhält, wird man von den Leuten ausgeschimpft, obwohl man gar nichts gemacht hat. Die

Leute haben alle eine Wut und lassen sie an uns Kindern aus. Wenn ich ein Hund wäre, würden bestimmt alle nett zu mir sein".

(12jähriger)

"Zwischen zehn und vierzehn, da sie nicht mehr in den Hort gehören und noch nicht in das Jugendheim, zu groß sind für den Spielplatz und zu klein für den Sportverein, streifen sie durch den zerstörten Nahraum. Und weil sie keine unberührten Ecken mehr finden, konsternieren sie die Apparatur, die sie umgibt, malen den grauen Beton mit bunter Kreide fort und kratzen Schrammen in den glänzenden Lack, in dem sich die Autos präsentieren. Und sie verschwinden wieder, tauchen von den glatten Oberflächen ab in die Garagenhäuser und Heizungskeller." (THIEMANN 1988,52)

Die statistischen Fakten sprechen für sich: Unter den Heranwachsenden haben 4060 % Haltungsschwächen; 20-30 % ein leistungsschwaches Herz- Kreislauf-Atmungssystem; 30-40 % Koordinationsschwächen; 20-30 % Übergewicht; ca. 15 % ein auffälliges psycho-soziales Verhalten, Tendenz steigend! (Bundesarbeitsgemeinschaft zur Förderung haltungs- und bewegungsauffälliger Kinder und Jugendlicher e.V. 1992) Je nach Statistik haben 30-50 % Grundschüler bei Schuleintritt Haltungsschwächen. Am Ende des zweiten Schuljahres werden infolge schulischen Sitzzwanges bereits bei i0 % der Grundschüler Haltungsschwächen diagnostiziert. Auf der anderen Seite "stören" "hyperaktive Kinder", werden zunehmend Gewaltbereitschaft und Vandalismus in den Schulen beklagt. Auch in aktuellen Untersuchungen über Ursachen und Motive fremdenfeindlicher Gewalt wird immer wieder auf das Phänomen der Suche nach action, Spannung, Ausleben von Körperlichkeit hingewiesen (siehe u.a. WILLEMS 1993). Dahinter verbirgt sich das immer gravierender werdende Problem des zivilisations- und gesellschaftsbedingten erlebnis -, spannungs - und abenteuerarmen Alltags. Die Menschen moderner Industriegesellschaften sehen sich zunehmend einem zivilisatorischen Druck ausgesetzt; sich und ihr Verhalten ständig und stetig unter Kontrolle zu halten, ihre Affekte und Emotionen zurückzudrängen, zu unterdrücken oder - wie ELIAS (1977) es nennt - ihren Trieb und Affekthaushalt zu kontrollieren. Wir haben uns praktisch laufend unter Kontrolle, im wahrsten Sinne des Wortes "in der Gewalt", unterdrücken unsere aktuellen Befindlichkeiten und Bedürfnisse, um andere nicht zu stören und ein so hochkomplexes Zusammenleben, wie dies in modernen Industriegesellschaften erforderlich ist, zu ermöglichen. Dies bleibt nicht ohne Folgen. Dies um so mehr, als Spannung, Affektivität wesentliche Triebfedern menschlichen Verhaltens sind, wie uns ELIAS (1977) und CSIKSZENTMIHALYI (1985) lehren. Die Dämpfung des Trieb- und Affekthaushaltes führt so zu einem verstärkten Bedürfnis nach affektiven Erlebnissen, das nun zusätzlich dadurch verstärkt wird, dass es in unserer verwalteten (ja 'zerverwalteten), verrechtlichten und verbürokratisierten Gesellschaft immer weniger Möglichkeiten gibt, affektive Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei - und dieser historische Exkurs sei mir gestattet - hat bereits 1861 der Arzt Daniel Schreber die Stadtväter seiner Heimatstadt Leipzig auf die Notwendigkeit hingewiesen, geeignete Spielmöglichkeiten für Kinder zu schaffen (FUHRMANN 1991, 147). Zwanzig Jahre später beklagte der Wuppertaler Amtsrichter Hartwich die "Störung des Gleichgewichts zwischen Körper und Geist" die im wesentlichen in der aufkommenden Industrialisierung und Verstädterung ihren Grund habe". Heute geben die Lebens- und Alltagswelten Kindern und Jugendlichen erst recht kaum oder gar keine Chancen, "ihre Umgebung nach eigenen Fantasien, Entwürfen und Plänen zu be- und ergreifen" (BECKER/ SCHIRP

1986). Es verwundert so auch nicht, wenn von Jugendlichen "insbesondere fehlende Regel-, Spiel-, Sport-, Bewegungsorte .. sowie unmittelbar wohnungsnahe Spiel und Aufenthaltsmöglichkeiten" (v.SEGGERN / ERLER 1988,70) beklagt werden. In einer verampelten Gesellschaft, in der viel zu viele Ampeln auf 'rot' stehen, in der Verbotsschilder jeglichen kindlichen und jugendlichen Bewegungsdrang im Keime ersticken, in der Gerichtsurteile Sportplätze, Bewegungsräume in unmittelbarer Wohnungsnähe schließen, in der die Räume zur freien Entfaltung und Bewegung immer enger werden, sind Gewalt, abweichende Verhaltensweisen vorprogrammiert, sind die zuweilen irritierenden, z.T. gewaltförmigen Verhaltensweisen junger Menschen als durchaus 'angemessene' Antworten auf ihre widersprüchliche Lage zu verstehen. Dabei - und dies kann nicht ernst genug genommen werden - ist ein interessanter Zusammenhang zwischen mangelnder Bewegungs- und Abenteuerwelt, fehlenden körperbetonten und -bezogenen Freizeitangeboten einerseits und der Gewaltbereitschaft junger Menschen andererseits festzustellen. Wenn wir jüngsten Statistiken Glauben schenken dürfen, dann ist es zur Zeit die Altersgruppe der 10bis 16jährigen, die sich durch steigende Gewaltbereitschaft und Brutalität "auszeichnet". Dabei handelt es sich um genau die - in der Regel männlichen - Kinder und Jugendlichen, die unter den mangelnden Spiel- und Bewegungsräumen am stärksten zu leiden haben. Für Kinder bis zum Alter von 12 Jahren halten die Städte genügend mehr oder weniger attraktive Kinderspielplätze bereit. Die über 12-jährigen dürfen diese Spielplätze nicht mehr betreten. Attraktive andere öffentliche Räume sind vergleichsweise wenig oder gar nicht vorhanden. Rasenflächen, die zum Ballspielen eine der Aktivitäten, die gerade die 12- bis 16jährigen besonders anspricht - animieren, sind in vielen Fällen durch Schilder ~garniert~ die signalisieren, dass das Ballspielen auf diesen Grünflächen verboten ist. Der Einfallsreichtum postmoderner Gerichtsbarkeit und Kinderfeindlichkeit scheint dabei unbegrenzt zu sein (vgl. PILZ 1994). Diese Altersgruppe der 12- bis 16jährigen fällt zusätzlich in das Angebotsloch vieler Sportvereine, die für Kinder bis zum Alter von 10-12 Jahren ein breit gefächertes, attraktives, sportartenübergreifendes Bewegungsangebot bereithalten, danach aber nur noch oder überwiegend sportartspezifische, leistungsorientierte Angebote machen.

Sinnkrise der heutigen Jugend - Mangel an Eigenerfahrungen

"Erwachsene denken praktisch, Jugendliche denken, die Welt stehe ihnen offen. Aber die Welt ist perfekt, verwaltet; alles, was in ihr existiert, gehört jemandem, ist Besitz; alles in ihr ist verteilt...

Wo kann man noch schöpferisch tätig sein? Das Leben ist langweilig geworden. Einen Freiraum gibt es nur nach dem Tod, deswegen laufen so viele Jugendliche zu Sekten. "

(Mitglieder der Ufa-Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk , in: KLEFF 1983, 89)

"Ich bin seit 30 Jahren Mitglied im Jugendhilfeausschuss, ich weiß, was Jugendliche wollen. "

Das Jugendalter gilt als Lebensphase, in der Heranwachsende eine psychosoziale Identität aufbauen müssen. Diese Verwirklichung von persönlicher Identität ist heute erschwert. Dies ist - und darin sind sich nahezu alle Jugend- und Gewaltforscher einig - eine der zentralen Ursachen der Gewaltbereitschaft Jugendlicher. Junge Menschen wollen nicht nur passiv Lernende in Institutionen sein, sie brauchen auch Bestätigung, Engagement und sinnvolle Aufgaben. Herausbildung einer positiven Identität, die im Jugendalter geleistet werden muss heißt deshalb positive Antworten auf die drängenden Fragen geben:

"Wer bin ich" ; "was kann ich"; "wozu bin ich da"; "wohin gehöre ich"; "was wird aus mir"?

In unserer Gesellschaft, in der die Menschen nur danach bewertet was sie haben und nicht was sie sind, erfahren die Kinder und Jugendlichen aber sehr früh,

"dass sie "etwas" aus sich machen sollen, damit einmal etwas aus ihnen wird. ... Gleichzeitig aber erfahren Jugendliche, dass es höchst spezielle Fähigkeiten sind, die zum Beispiel in der Schule oder in der Lehre prämiert werden. Und sie erfahren soziale Ungleichheit nicht als Schicksal ihres Standes, sondern als Prozeß, der sich vor ihren Augen, im Klassenzimmer, als Erfolg oder Misserfolg vollzieht.

Die Ausweitung der Chancengleichheit ermöglicht nicht nur Aufstieg für Individuen, denen früher jeder Weg versperrt war, sondern verursacht gleichzeitig auch Abstiege, Erfahrungen des Versagens und der Erfolglosigkeit. Die Positivkarrieren der einen entsprechen den Negativkarrieren der anderen. Bildungssystem und Arbeitsmarkt beinhalten also höchst unterschiedliche Chancen und Zumutungen, die aber Einzelne treffen, die dann höchst unterschiedliche Lösungen finden müssen. Eine der Lösungen ist die Bildung abweichender Gruppen, in denen neues Selbstbewusstsein aufgebaut werden kann" (ECKERT 1992, 2).

Dies um so mehr, als - wie bereits im Gewaltgutachten der Bundesregierung (SCHWIND/BAUMANN 1990) zu Recht beklagt wurde - junge Menschen vor allem in der Schule fast nur noch erfahren was sie n i c h t können, nicht aber das was sie können. Bieten sich Jugendlichen keine oder kaum Möglichkeiten, sich durch etwas hervorzutun, bleibt ihnen oft nur noch der Körper als Kapital, den sie entsprechend ausbilden (modellieren) und gewinnbringend nicht selten eben schlagend einsetzen.

Sehr plastisch hat dies der Münchner Sozialpsychologe KEUPP in einem Fern-sehinterview beschrieben. Ein Teil der Jugend - so KEUPP

"hat keine Chance eine positive Identität zu entwickeln. Es entstehen Löcher und der Fußballbereich und noch stärker der Rechtsradikalismus liefern sozusagen Plomben für diese Löcher. Sie liefern fertige Pakete und es ist entscheidend zu diesen Paketen Alternativen zu entwickeln in denen junge Menschen kreativ und produktiv ihre eigene Identität spielerisch und gestalterisch entwickeln können".

Genau hier eröffnen sich der körper- und bewegungsbezogenen Jugendarbeit große Möglichkeiten.

Der Sport ist für viele Jugendlichen und gerade auch für auffällige junge Männer oft das einzig übriggebliebene Erfahrungsfeld, auf welchem sie Erfolg, Selbstbestätigung, positives Gruppenerlebnis mit Anerkennung und Gruppenerfolg erfahren können. Durch sportliche Aktivitäten können:

~ Aggressionen und motorischer Betätigungsdrang "gesteuert" abgearbeitet, ~ vorhandene körperliche Fähigkeiten positiv eingesetzt,

. mit vertrauter Betätigung Schwellenängste gegenüber dem sonstigen Angebot abgebaut, Beziehungen von Jugendlichen (vor allem aus Randgruppen) untereinander, ~ Umwelt und zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geübt und verbes .... eptieren vorhandener Regeln erlernt, Erlebnisse erzielt werden.

Aktivitäten sind dabei Inhalt und Methode der offenen Jugendarbeit zu: sind häufig das einzige Mittel, um an "problematische" männliche Jugendliche heranzukommen und sie in die offene Jugendarbeit zu integrieren.

Nicht gleich Sport die präventiven, erzieherischen und sozialpädagogischen Qualitäten des nutzen wollen, tut eine klare Unterscheidung unterschiedlicher sportlicher ierungen(? ) Not. Welcher Sport wirkt erzieherisch und präventiv? Der Hochleistungs-, der Profisport? Der Gesundheits-, Freizeit- oder Breitensport, der Spasssport, die Bewegungs- oder Körperkultur? Wer darauf für junge eine sachgerechte Antwort finden will, der braucht sich nur die sport-, körperkulturellen Äußerungsformen der vielfältigen Jugendkulturen zu führen. Der Sport, den wir im Jugendschutz, in der Sozialarbeit (?), ist weniger der Sport, den wir in den Sportvereinen vorfinden, sonder sich in den Jugendkulturen ausformt. So beantwortet denn auch der ~ Sportpädagoge KURZ (1986, 3) die Frage: " Was suchen wir im Sport?" selbstkritisch: " Spannung, Abenteuer, Geschwindigkeit, Expressivität, - das sind einige Stichworte, die an Bedeutung zu gewinnen scheinen.": "Vielleicht müssen wir dies aus den Suchbewegungen der Jugendlichen es ihnen der Sport, den wir veranstalten, dieses Spielerische oft verloren scheint.... Der Sport den sie suchen ist kaum im Rahmen einer Sportart zu differenzierung des Sport nach Lebenssituationen bedeutet: viele Bereiche zugleich anzusprechen, also ein Sportangebot, das gesellig, spannend und fordernd zugleich empfunden werden kann." Dies heißt, das Angebot muss vielschichtiger werden. Dabei hat die hier geforderte bewegungsorientierte Jugendarbeit durchaus seine Vorläufer in den Anfängen des (?), bewegungsbezogene Jugend(sozial)arbeit ist keineswegs eine der Postmoderne. .

asbezogene Jugendsozialarbeit in der Tradition Jahn'schen Turnens

~ erwähnte Wuppertaler Amtsrichter HARTWICH forderte nicht einmal 70 hdem JAHN auf der Hasenheide seinen Turnplatz errichtet hat, auf dem zentrale herausragende Rolle zukam, mahnend die Wiederbelebung der Jugendspiele. Die damit einsetzende Spielbewegung wurde somit auch zu Unrecht als Jahn-Renaissance bezeichnet. Diese Bemühungen münJahre 1882 in den vom preußischen Unterrichtsminister von GOSSLER Spielerlass, der auf Guts-Muths und Japan's Spiel- und Turntradition (?) wurden Ballspiele (Treib- , Fuß-, Schlag-, Kreisball etc.) Wettkämpfe f, Tauziehen, Ketten reißen) und Schleuderspiele mit Bällen, Kugeln, Stäben usw.) und Jagd- und Kriegsspiele propagiert. Darüber hinaus wurde Spaziergänge und Ausflüge in Feld und Wald, Turnfahrten und Schwimmen und Eislaufen verwiesen. Der Gedanken sportlicher Bewegung im Freien war damit ebenfalls im Spielerlass verankert. Ihren eigentlichen Anfang und Aufschwung nahm die Spielbewegung mit dem im Jahre 1881 gegründeten Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele (ein aus privater Initiative gegründetes Gremium das u.a. von Schulbehörden und der Deutschen Turnerschaft gefördert wurde). Dieser Zentralausschuss organisierte bereits damals Spielleiter- und leiterinnenkurse und propagierte - wie aktuell ist dies doch auch heute wieder oder immer noch?! - bei den Städten und Schulträgern die Einrichtung von Spielplätzen und Natursportarten. 1892 schrieb GROOS: "Da die Stadtkinder unter unnatürlichen Bedingungen aufwachsen, muss man ihnen auch künstlich die Gelegenheit zum Spiel, vor allem zu den gesunden Bewegungsspielen, verschaffen, indem man ihnen zu diesem Zweck besondere Plätze einräumt, ... Bei dem stets wachsenden Interesse aller Kreise für solche Bestrebungen wird man hoffen dürfen, dass den schädlichen Folgeerscheinungen der modernen Kultur auf diese Weise erfolgreich entgegengewirkt wird".

Schon zu Jahns Zeiten erkannte man also sehr wohl, dass nur ein vielschichtiges Bewegungs- und Spielangebot den Bedürfnissen der Menschen in der wachsenden Industriegesellschaft gerecht zu werden vermag. Die Bedeutung des freien Spiels, der Möglichkeiten des Erlebens von Spannung und Abenteuer werden immer wieder betont und entsprechend in den turnerischen Alltag aufgenommen. JAHN hatte - ein Vorläufer offener Jugendarbeit? - schon damals erkannt, dass es bei der Jugendarbeit darum geht, dass sich man sich an die Jugend, an deren Bedürfnisse und Interessen anpasst und nicht umgekehrt. Seine Autorität fußte somit auch nicht auf Zwangsmitteln, sondern auf der Fähigkeit, Jugendliche in relativ ungezwungener Weise zusammenzufassen: Bei ihm konnten sie Bedürfnisse nach Spannung, Abenteuer, Risiko, nach Befriedigung der Rauf- und Kampflust ausleben. Bei Jahn gab es keine Trennung nach Sportarten, da waren turnerische, spielerische, leichtathletische Übungen gleichermaßen vorhanden. Da war Platz für geselliges Treiben, für spannungsgeladene Spiele, da waren belebende Leibesübungen ebenso wie fordernde Turnübungen. Bewegungserlebnisse in Form von Balancieren, Schwingen, Klettern, Springen, Ringen, Laufen und Werfen, Geländespiele, gehörten zum turnerischen Alltag auf Jahns Hasenheide (vgl. PILZ 1991 ).

Das Konzept des freien Spiels im Grünen war von Anfang an Jahns Bestreben. Holen wir es uns nochmals in Erinnerung zurück, wie Jahn seinen Turnplatz sah:

"Der Turnplatz muss festen, mit kurzem Rasen bedeckten Boden haben und mit Bäumen bestanden sein. Fehlen Bäume ganz, so muss man welche anpflanzen, ... Auch außerhalb des Turnplatzes sollte von Rechtswegen jede Turnanstalt ein Turnfeld haben wo Bäche und Wirre miteinander abwechseln, wo Hain, Gebüsch, Dickicht und offene Räume anzutreffen, Laubholz und Tangelholz".

Und heute? Natursportarten gewinnen an zusätzlichem Reiz, werden auch über Abenteuer-, Erlebnis-, Aktivurlaube zusätzlich kommerziell ausgeschlachtet. Damit verbunden ist ein steter Drang der Menschen sich in der Natur sportlich zu betätigen. Das Bedürfnis nach affektiven, expressiven Erlebnissen, die Suche nach Aufregungen in einer langweiligen Gesellschaft - wie dies der Soziologe Norbert ELIAS einmal treffend formulierte - werden hier befriedigt. Die teueren, spektakulären Kletterwände haben ihre Vorläufer in den Klettergerüsten, Kletterbäumen auf Jahns Hasenheide. Geben wir unseren Kindern und Jugendlichen, diese Erfahrungen zurück, nehmen wir die ursprüngliche Vielfalt an Turngeräten, an Bewegungs-, Turn- und

Spielmöglichkeiten der ersten siebzig Jahre der Turnentwicklung zum Anlass, diese wieder zu entdecken und in unseren heutigen und vor allem künftigen Turn- und Sportbetrieb - der Zeit angepasst - einfließen zu lassen. Jahn schaffte seinen Jugendlichen die Freiräume, die heute im Gewaltgutachten der Bundesregierung so vehement für Kinder und Jugendliche gefordert werden. So steht im Gewaltgutachten u.a zu lesen:

"Ganz besonders wichtig erscheint es im übrigen, dass adäquate Freiräume für kindliches und jugendliches Gruppenverhalten geschaffen werden, also Räume, in denen sich Bewegungsdrang, Abenteuerlust, Aggressionserprobung in spielerischer Art und anderes, was für 'Jugendlichkeit' kennzeichnend ist, ausagieren können, ohne sofort auf den Zorn der Bürger oder die totale Reglementierung zu stoßen, die zunehmend den öffentlichen Raum in Städten, aber auch bereits in Gemeinden charakterisiert. Es hat den Anschein, als ob etliche nach den Vorstellungen etablierter Erwachsener gestaltete Abenteuerspielplätze genau denjenigen Grad von Sterilität vermitteln, der Kinder und Jugendliche nach kurzer Zeit entweder abhält, sie noch einmal zu aufzusuchen oder aber gerade umgekehrt einlädt, durch Zerstörung kreatives Chaos herzustellen" (KERNER u.a. 1990, 541 )

Eine bemerkenswert mutige Aussage, der leider immer noch viel zu wenig auch die entsprechenden Taten folgen.

Fassen wir zusammen: Das Sportangebot muss - um den unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und motorischen Fähigkeiten der Jugendlichen gerecht zu werden - vielschichtig und offen sein. Neben das traditionell leistungssportlich orientierte Angebot müssen zusätzlich und vor allem gleichwertig, gleichrangig, offene Bewegungsangebote treten.

Folgerungen für die Jugendsozialarbeit

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich entsprechend den Charakteristika der "sozialen Arbeit" nach STAUB-BERNASCON1 (1996, 4-6) im Sinne von "Sozialer Arbeit als Umgang mit leidenden Menschen und den damit zusammenhängenden sozialen Organisationsformen, als "Auffangbecken" oder "letzte Station" für alle diejenigen in existenzieller Bedrängnis; als Umgang mit Dingen/Ressourcen und schließlich als Umgang mit Ideen", folgende Herausforderungs- und Aufgabenfelder der sport- und bewegungsbezogenen Jugendsozialarbeit:

~ Schaffung, (Rück-)Eroberung von Bewegungsräumen für junge Menschen

~ Stärkung der Identität junger Menschen durch Ernst nehmen jugendlicher Bewegungskulturen und -bedürfnisse

~ Vernetzung von öffentlichen und freien Trägern der Jugendarbeit

Schaffung, (Rück-~Eroberung von Bewegungsräumen für junge Menschen

Bezüglich fehlender Räume für Bewegung, Abenteuer und Spannung sei die - gar nicht so provokativ gemeinte - Frage erlaubt: Weshalb nicht Kirchtürme für Klettererfahrungen nutzen, weshalb nicht Kirchen, die die meiste Zeit leer stehen multifunktional nutzen? Unter der Woche ließen sich Kirchen durchaus auch, bei beweglichen Bänken zum Spielen, z.B. Hallenhockey, Volleyball, Basketball u.ä nutzen. Weshalb nicht leere Fabrikhallen, Schulhöfe, Pausenhallen, Straßen für bewegungsorientierte Jugendarbeit nutzbar machen? Weshalb Sporthallen nicht auch Nachts und an Wochenenden für den allgemeinen, auch vereinsungebundenen Sport- und Spielbetrieb öffnen? Erfahrungen mit "Mitternachtssport" (PEIFFER/PILZ 1998) zeigen, dass nicht nur eine große Nachfrage nach solchen Angeboten besteht, sondern organisatorische, versicherungsrechtliche Bedenken nur vorgeschobene Argumente gegen solche Angebote sind und mehr der Bequemlichkeit von Hausmeistern und Verwaltungsangestellten dienen. Die Jugendlichen nachts von der Straße zu holen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich körperlich auszutoben, "überschüssige Kräfte" abzubauen, keinen Frust oder Langeweile aufkommen zu lassen, ist der Ansatz dieser gewaltpräventiven Sport- und Jugendsozialarbeit. Jugendliche haben heute veränderte Freizeitgewohnheiten. So bevorzugen sie z.B. Zeiten ab 22.00 Uhr bis in die frühen Morgenstunden zum gemeinsamen Ausgehen. Aber: gerade nachts und hier vor allem an den Wochenenden langweilen sich Jugendliche sehr häufig, da es vielfach an guten und kostengünstigen Freizeitangeboten fehlt. Kostenlose Mitternachtsangebote in dieser Zeit sind deshalb für Jugendliche sehr attraktiv und bieten eine wichtige Alternative zum sinnlosen Herumhängen auf der Straße, in Clubs, Kneipen oder Discos. Die sozialpädagogische Maxime, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sind, kann und darf sich eben nicht nur auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten der jungen Menschen beziehen, sondern muss auch und vor allem auch die gewandelten räumlichen und vor allem (tages-) zeitlichen Verhaltensmuster junger Menschen einbeziehen und diesen Rechnung tragen! Gerade bezüglich vereinsungebundener, offener Sport-, Spiel- und Bewegungsangebote an Wochenenden hat MARCH (1998) sehr gute Erfahrungen gemacht. Jugendliche klagen immer häufiger darüber, dass sie an Wochenenden oft nicht wüssten, wo sie sich aufhalten, was sie tun sollten, da alles geschlossen sei, z.B. Jugendzentrum, Jugendtreffs, aber auch die Vereine - außer Wettkampfveranstaltungen - keine Angebote machten. Zu Hause wollen die Eltern ihre Ruhe haben. Das bekannte Klagelied vieler Lehrer über unruhige, hyperaktive, aggressive Kinder und Jugendliche am Montagvormittag hat so besehen auch weniger seine Ursache in extensivem Fernsehkonsum sondern in den mangelnden Bewegungs- und Aufenthaltsräumen junger Menschen. Aus dieser Erkenntnis heraus sind wir in Absprache mit dem örtlichen Sportverein an die Gemeinde herangetreten mit der Bitte, dass an Wochenenden die Sportstätten, einschließlich zweier Hallen - so sie nicht für den Wettkampfbetrieb gebraucht werden - unter Anleitung u. Betreuung eines Übung/Freizeitleiters, der als Honorarkraft von der Gemeinde bezahlt wird - für einen freien, vereinsungebundenen, weitestgehend selbstorganisierten Sport- und Spielbetrieb zu öffnen. Bereits nach kürzester Zeit hat sich dies herumgesprochen, so dass an Wochenenden sich bis zu 15o Jugendliche in den Sporthallen und auf den Sportplätzen tummelten. Selbst am Heiligen Abend, den beiden Feiertagen von Weihnachten, Ostern und Pfingsten war die Sporthalle in der Zeit von 09:00 bis 17:00 gut gefüllt (MARCH 1998).

Darüber hinaus könnten in den und um die Einrichtungen der offenen Jugendarbeit Räume in Spiel- und Bewegungsstätten umgestaltet werden. In ihrem Gutachten über Aufenthaltsmöglichkeiten für Jugendliche in Hannover-Vahrenheide Südost greifen die Autoren diese Gedanken auf und setzen sie fruchtbar in konkrete Vorschläge um:

·~ n

"Da Jugendliche die traditionellen, institutionalisierten Angebote nur wenig annehmen, Vereine Nachwuchsmangel haben, andererseits Jugendliche aber wirkliche Herausforderungen und Selbsterfahrung wie die Erprobung körperlicher Kräfte benötigen, sind Vereine aufgerufen, neue Ansätze auszuprobieren. Sie müssen dabei auf die Jugendlichen zugehen und neben festen Stunden, konventionellen Sportarten und mehr oder weniger geschlossenen Gruppen nichtkommerzielle, wenig organisierte, nicht pädagogische und locker betreute Angebote machen. Die räumlichen Angebote können neben einer intensiveren Nutzung der bestehenden Turn- und Sporthallen der Schule auf bestehende oder im Zuge der Freiraumverbesserung neu anzulegende Spiel- und Sportplätze übergreifen (...) Vorstellbar wäre auch ein zeitlich begrenztes Angebot, z.B. Spiel und Sport in einem großen (Bundeswehr)Zelt, das für die Dauer verregneter Sommerferien im Grünzug aufgestellt wird. Die Vereins- und Gruppenzugehörigkeit sollten für die, die sich zu einer Mitgliedschaft nicht entscheiden wollen, nicht zwingend sein. Denkbar wäre die Bekanntgabe einer bestimmten Sportstunde in einer Halle oder die bloße Anwesenheit eines Betreuers auf einem Bolzplatz.

Betreuer von Sportvereinen können werbend und anregend dort hingehen, wo Jugendliche sich aufhalten (...), dort formlose Spiel- und Sportgruppen zusammenstellen und mit ihnen in die Schulhallen, auf Freiplätze oder in eine Schwimmhalle gehen. (...)

Es wäre ein Konzept zu entwickeln, in Zusammenarbeit mit Sportvereinen, eine offene Jugendarbeit im Bereich Sport anzubieten, z. B. um mit Schnupperangeboten vereinsmüde Jugendliche zu neuen Formen zu verlocken" (v. SEGGERN / ERLER 1988, 85 f. ) .

Bereits 1980 hat SACK (1980, 334 f) darauf hingewiesen, dass es zwar erforderlich ist, Konzepte der offenen Jugendarbeit auch im Sportverein zu erproben (durchaus in Zusammenarbeit mit kommunalen Freizeiteinrichtungen und außersportlichen Jugendverbänden), dass der Sportverein sich aber auch öffnen muss in die Wohnviertel, dorthin, wo sich die Jugendlichen aufhalten, um dort mehr und von den Anlagen her anspruchslose Gelegenheiten zum Sporttreiben für die Jugendlichen, die dort wohnen, zu bieten. Im Interesse einer präventiven strukturellen Maßnahme zur Bekämpfung, Verhinderung der Gewalt ist eine quartier-, straßenbezogene Sport- und Jugendarbeit dringend geboten, sind Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen, Frei- und Streifräume in unmittelbarer Nähe des jeweiligen Wohnquartiers der Jugendlichen das Gebot der Stunde. Dies um so mehr, als vor allem Jugendliche aus unteren sozialen Schichten eine sehr stark quartierbezogene Orientierung zeigen. Schon geringere Entfernungen sind ein Hinderungsgrund für die Nutzung von Sport- und Freizeitanlagen:

"Der soziale Rahmen des Wohnbezirks bildet demnach in den unteren Sozialschichten eine bedeutsame 8egrenzung außerhäuslicher Sozialkontakte und erhält dadurch ein besonderes Gewicht. Darauf dürfte zum Teil die generell niedrigere Mitgliedschaft der unteren sozialen Schichten in freiwilligen Organisationen und speziell in Sportvereinen zurückzuführen sein" (WEISHAUPT 1982, 79).

Dies hat - wie FUHRMANN (1991 , 146) zeigt - seine Ursache in der traditionellen Arbeiterkindheit im 19. Jahrhundert, die meist gleichbedeutend mit "Straßenkindheit" war. Straßen und Hinterhöfe waren die bevorzugten Aufenthaltsräume des Kindes in den Arbeiterwohnquartieren. In den überfüllten, dumpfen Wohnungen, in denen auf

engstem Raum gekocht, gegessen, gewaschen und geschlafen wurde, gab es keine Gelegenheit zum Spielen und Toben. Arbeiterkinder entwickelten so zu "ihrer" Straße, d.h. zu der Straße, in der sie wohnten und spielten eine sehr enge Bindung. Sie stelle eine Art Heimat dar. Die starke Identifikation mit der unmittelbaren Wohnumgebung führte dabei häufig zu regelrechten "Bandenkriegen", in denen Kindergruppen das "eigene" Viertel oder die "eigene" Straße gegen Außenstehende "verteidigten". Dies stark ausgeprägte Fixierung auf das "eigene" Wohnquartier, auf die "eigene" Straße, den "eigenen" Stadtteil, machen denn auch dringend ein Umdenken erforderlich bezüglich der wachsenden Bereitschaft von Bürgerinnen und Bürgern, aus Gründen der Lärmbelästigung gegen wohnnahe Sport- und Freizeitanlagen zu klagen. Zu Recht erwartet BÜCHNER (1990) von der Sportministerkonferenz eine deutliche Kritik bzw. Initiative gegen die technokratischen Regelungen der Bundesregierung zum Sportstätten-Lärmschutz, durch die der Bestand vieler wohnortnaher Sportplätze gefährdet ist.

"Die Politik hätte gänzlich versagt, wenn man einerseits nicht mehr mit den Jugendlichen spricht und ihren Aggressionen nur noch mit stärkeren Polizeiaufgeboten entgegentritt, ihnen aber gleichzeitig noch ein Drittel der Sportstätten in den Ballungsgebieten wegnimmt. Mit der wilhelminischen Parole 'Ruhe ist die erste Bürgerpflicht ist dem Sport nicht geholfen!"

Bewegungsbezogene Jugendsozialarbeit als politische Einmischung zur Schaffung und Erhaltung von Bewegungsräumen und -angeboten

"Im Grunde gibt es nur eine richtige Erziehung (Pädagogik) - das Aufwachsen in einer Welt, in der zu leben sich lohnt." (GOODMAN, hier zitiert nach GRIESE 1983, 54).

Die von vielen geforderte Präventiv- und Sozialarbeit bedeutet auch (und vor allem?) Aufklärung über Ursachen und Bedingungen auffälligen Verhaltens Jugendlicher, sich stark machen für strukturelle Änderungen, für humanere Lebensbedingungen; Auseinandersetzung mit den politischen Entscheidungsgremien, mit den verantwortlichen gesellschaftlichen Institutionen. Jugendarbeit heißt zumindest auch, ja wenn nicht in erster Linie, Institutionenarbeit, politische Einflussnahme. Im 8. Jugendbericht der Bundesregierung wird entsprechend politische Einmischung als unverzichtbares Element einer erfolgversprechenden Jugendhilfe angesehen. Erfolgreiche Einmischung einer lebensweltorientierten Jugendhilfe setzt dabei voraus, daß sich die Jugendarbeit nicht von vornherein nur auf das angeblich Machbare beschränkt und Interessenkonflikte gar nicht erst thematisiert. Sie muss versuchen, sich im Rahmen einer örtlichen Gesellschaftspolitik offensiv in die Gestaltung lokaler Lebensbedingungen einzuschalten (Achter Jugendbericht der Bundesregierung 1990, 199-200)

"Wer von Pädagogik redet, darf von Politik nicht schweigen" (SILLER 1991 ). Alternative Erfahrungen zu Gewalt sind solange sozial folgenlos, wie es den Sozialarbeiterlnnen nicht gelingt, sich politisch, jugendpolitisch einzumischen. Nehmen wir die Politiker ernst, klagen wir ihre Forderungen ein, so, wenn im Ergebnisprotokoll der Sportministerkonferenz vom 5. November 1993 zu lesen steht:

"Heute leidet ein zunehmender Teil von Jugendlichen unter Frustration im Lebensalltag, Erlebnisarmut und Arbeitslosigkeit. Es fehlen ihnen auch soziale Bindungen sowie Wert- und Zukunftsorientierungen. Die Bedürfnisse der Jugendlichen nach Solidarität, Anerkennung, Mitgestaltung, körperlicher Bewegung, Erlebnis und Spannung werden nur unzureichend erfüllt.

Die Sportminister der Länder vertreten deshalb die Auffassung, dass die junge Generation stärker als bisher in die Gestaltung unserer Lebenswelt aktiv einbezogen und ihr möglichst Ziele Chancen und Räume für kreatives, selbstorganisiertes Handeln gegeben werden muss, um ihre soziale Handlungskompetenz zu fördern. "

In diesem Kontext ist der Forderungskatalog der Sportministerkonferenz (vom 6./7.6.1991 ) zu Sport und Sicherheit interessant:

"~. Die sozialen Rahmenbedingungen für ein jugendgemäßes Leben in der Gesellschaft sind zu überdenken - falls erforderlich - zu Gunsten jugendlicher Interessen zu verändern. Da zu zählen mit längerfristiger Wirkung c~. a.:

~ die Schaffung von ausreichenden Bewegungsräumen für jugendgemäße Freizeitgestaltung, insbesondere im urbanen Nahbereich und Berücksichtigung dieser Aspekte in den einschlägigen Planungen der Städte und Gemeinden;

~ die Forderung eines familiengerechten, großzügig mit Bewegungs- und Spielräumen ausgestatteten Wohnungsbaues;

%- die Schaffung von Spielstraßen in innerstädtischen Räumen;

~ die Aufnahme bzw. verstärkte Berücksichtigung der Bewegungs- und Sporterziehung in die Ausbildungsordnungen für Erzieherinnen und Erzieher, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie verwandter Berufe.

Die Bausteine zur Schaffung umweltfreundlicher Sport- und Spielgelegenheiten im Bewegungsraum Stadt von SCHEMEUSTRASDAS (1998, 307-327) gerade auch zur Förderung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher sind hier richtungsweisend:

i 1. NEUKONZEPTION BZW. UMGESTALTUNG VON SPORT UND FREIZEITANLAGEN

Wohnungsnahe Standorte wählen

~ Sportanlagen in das städtischen Freiflächensystem integrieren
~ Das Nebeneinander von Wettkampfsport und ,.Sport der Alltagskultur" fördern, ~ Die Erlebnisqualität von Sportstätten erhöhen

I

~ Einfachanlagen fördern

Umgestaltungsmaßnahmen mit den Sportvereinen abstimmen ! ~ Kostenbeteiligung der Sportler prüfen

~ Sportplätze in Freizeitanlagen überführen

2. NUTZUNG VON GRÜNFLÄCHEN ALS SPIEL- UND BEWEGUNGSRAUM r städtische Grünanlagen multifunktional gestalten

~ Bewegungsräume stadtweit untereinander vernetzen y die Stadt spiel- und bewegungsfreundlich gestalten

~ Freiflächensystem der Stadt rechtzeitig sichern und weiterentwickeln ~ Sportstätten und Spielgelegenheiten veränderbar bauen

~ Spiel- und Sportgelegenheiten mit Naturerleben verbinden

3. UM- UND MITNUTZUNG URSPRÜNGLICH NICHT FÜR DEN SPORT VORGESEHENER FLÄCHEN UND GEBÄUDE

~ Schulhöfe für Kinder und Jugendliche außerhalb der Schulzeit öffnen ~ "Urbane Bewegungskultur" pflegen und fördern

~ Mitnutzung von Verkehrsflächen offensiv anstreben und verkehrsberuhigende Maßnahmen durchsetzen

~ Das "Abenteuer"- Potential von Industriebrachen erkennen und in Wert setzen ~ Gewerbegebiete attraktiver gestalten

~ Leer stehende Gewerbegebäude in älteren Stadtteilen zu wohnungsnahen Sporteinrichtungen umbauen

:- Möglichkeiten für zeitlich begrenzte Angebote nutzen (Markt- und Parkplätze, Parkhäuser usw. )

~ Ersatzflächen für verloren gegangene Baulücken sichern

~ Jugendliche an der Schaffung von Freizeitangeboten beteiligen und pädagogische Betreuung anbieten

~ Akzeptanz innovativer Maßnahmen durch Öffentlichkeitsarbeit verbessern ~ Positive Imagewirkung ungewöhnlicher Projekte hervorheben

~ Finanzierung innovativer Maßnahmen an Modellprojekte im Rahmen übergeordneter Förderprogramme anstreben

~ Mut zu unkonventionellen. unbürokratischen Vorgehen zeigen

4. ERMÖGLICHUNG VON LANDSCHAFTSSPORTARTEN IN DER STADT > Städtische Erholungsräume renaturieren

r Lineare Erholungsachsen aus den Ballungsgebieten heraus ins Umland schaffen ~ Möglichkeiten für Wassersport in der Stadt schaffen

:- Künstliche Anlagen zur Entlastung natürlicher Landschaftselemente schaffen (Kletterwände, Wildwasserkanäle

~ regionale Konzepte durch interkommunale Zusammenarbeit oder Kommunalverbände realisieren

5. KOOPERATION, TRÄGERSCHAFT UND FINANZIERUNG

Bildung einer interkommunalen Arbeitsgruppe zur Förderung neuartiger Sportgelegenheiten

~ Die Kooperation innerhalb der Verwaltung und mit den Bürgern verbessern ~ Einfachanlagen bauen

~ Anlagen in die eigenverantwortliche Nutzung von Vereinen überführen ~ "Modernisierung" traditioneller Sportvereine fördern

:: Verstärkt privates Kapital in Form von Mischfinanzierungen und Sponsoring nutzen

~ Kostendeckende Pachtzinsen oder Nutzungstarife erheben

6. PROBLEMBEREICHE LÄRM UND HAFTUNG

~ Bewegungsbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen offensiv unterstützen

~ Ausgleich schaffen zwischen dem Bedürfnis nach wohnungsnahen Bewegungsräumen und dem Ruhebedürfnis der Anwohner

~ Aufnahme nicht-genormter Sportanlagen in die Sportanlagenlärmschutz-verordnung

~ Initiative zeigen bei der Änderung bestehender Gesetze und Verordnungen

.- Nicht-normgerechte Spiel und Sportgelegenheiten spannend gestalten und dabei auch Risiken zulassen

~ geeignete Spiel- und Sportgelegenheiten mit ungewohnter Beschaffenheit nicht an Haftungsfragen scheitern lassen

Stärkung der Identität junger Menschen durch Ernst nehmen jugendlicher Bewegungskulturen und -bedürfnisse; bewegungsbezogene Jugendsozialarbeit als lebensstil- und lebensweltangepasste Jugendarbeit

In seiner Arbeit über einen dreieinhalbjährigen Modellversuch eines offenen Wochenendsportangebots hat Alexander MARCH (1998) eindrucksvoll aufgezeigt, dass sport- und bewegungsbezogene Jugend(sozial)arbeit mehr bedeutet, als Sportangebote für Jugendlichen bereitzuhalten; mehr bedeutet, als mit Jugendlichen zu arbeiten; mehr bedeutet, als sich um die Probleme der Jugendlichen zu kümmern; mehr bedeutet, als Institutionenarbeit zu leisten.

Sport- und bewegungsbezogene Jugend(sozial)arbeit ist auch - so MARCH (1998, 139-140) - mehr als die Summe der eben aufgezählten Aspekte. Gerade das Zusammenwirken dieser oft gegensätzlichen Bereiche kennzeichnet die sport- und bewegungsbezogene Jugend(sozial)arbeit. Dabei entstehen Widersprüche. Für MARCH bedeutet sport- und bewegungsbezogene Jugend(sozial)arbeit deshalb auch in erster Linie Auseinandersetzung auf wechselseitigen Beziehungsebenen. Es bedeutet Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen und Jugend(sozial),arbeiter; zwischen Jugend(sozial)arbeiter und Institutionen; zwischen Jugendlichen und Institutionen; Auseinandersetzung unter Jugendlichen und schließlich Auseinandersetzung mit einem Stück Lebensrealität mit dem Ziel, institutionelle Strukturen jugendfreundlicher zu gestalten. Bei allem Anspruch, der hinter diesen Formen der Auseinandersetzung steht, bedeutet sport- und bewegungsbezogene Jugend(sozial)arbeit auch schlicht und dies ist - so MARCH - nicht weniger anspruchsvoll und auch nicht weniger wichtig, den Jugendlichen die Möglichkeiten zu geben, ihre Lebenswelt ein Stück weit nach ihren eigenen Vorstellungen zu schaffen und somit die Lebensqualität der Jugendlichen zu verbessern. Im Mittelpunkt der Jugend(sozial)arbeit steht also Beziehungsarbeit im Sinne von Erziehung. Aus diesen Erkenntnissen leitet MARCH (1998, 121-123) folgende Leitideen der sport- und bewegungsbezogenen Jugend(sozial)arbeit ab:

Offene Angebote (inhaltlich offen, nach eigenen Vorstellungen der Jugendlichen; räumlich offen, Räume zur Verfügung stellen, Freiräume schaffen; zeitlich offen, sich an den "Leerräumen" in der Freizeit der Jugendlichen orientieren) Bedürfnisorientierung (lebenstilorientiert)

Organisationsform: mitbestimmt und mitgestaltet (Abschied von hierarchischem Denken, Freiheit und Verantwortung nicht nur alles zur Verfügung stellen, sondern auch die Nutzerinnen und Nutzer in die Pflicht nehmen)

Sport- und bewegungsbezogene Jugend(sozial)arbeit muss also inhaltlich, räumlich und zeitlich offen sein. Sie muss sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientieren und deren lebensweltliche Erfahrungen mit einbeziehen. Die Angebote müssen in einer Weise organisiert werden, dass die Sporttreibenden diese selbst gestalten und somit eigenverantwortlich handeln können.

Die Forderung dass die Sportangebote den Bedürfnissen, den Lebenswelten und Lebensstilen der Jugendlichen angepasst werden müssen, bedeutet - und darauf haben BECKER und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen immer wieder hingewiesen - sich nicht nur mit angepassten Jugendlichen zu befassen oder Jugendliche in

bürgerliche "Tugendpanzer" zu zwängen, es heißt vielmehr, sich auch auf unbequeme Jugendliche einzulassen, deren fremdartigen unbequemen sozial oft nicht tolerierte Bedürfnisse zu akzeptieren und in die Angebotspalette der Jugendarbeit einfließen zu lassen. Das heißt aber auch, sich u.U. auf die manchmal Angst einflößenden, bedrohlich erscheinenden Körper- und Lebenstile der Jugendlichen (z.B. die auf Kraft, aggressive Männlichkeit, Härte ausgerichteten Stile) einzulassen und sie durch entsprechende Angebote zu kanalisieren, aufzufangen.( vgl BECKER I HARTMANN 1989). Eine Forderung, mit der sich viele Sportvereine noch sehr, sehr schwer tun.

Es stellt sich somit für die Pädagogik das schwerwiegende Problem, einerseits die Sozialisationsfunktion dieser Gruppierungen zu achten, den Jugendlichen also die notwendigen Freiräume zu belassen, andererseits gegen gravierende Normverletzungen einzuschreiten. Jeder Pädagoge und jede Pädagogin muss sich selbst die Frage stellen und beantworten, wie weit er/sie subkulturellen Gruppen Freiräume in seiner Arbeit einräumen kann und will. Ob dabei Kampfsportarten im Dienst sozialpägogischer Maßnahmen zur Gewaltprävention oder Befriedung gewaltbereiter, faszinierter Jungen der richtige Weg sind, ist nicht eindeutig mit ja oder nein zu beantworten (GOLDNER 1993; KÜHN 1994; WOLTERS 1992) Als positives Beispiel wäre hier das Angebot des .Jugendzentrums Döhren zu nennen.

Die bewegungsbezogene Jugendarbeit lässt sich somit inhaltlich zusätzlich wie folgt begründen und rechtfertigen (BECKER ISCHIRP 1986,9) als:

r Gegenentwurf zur bewegungsarmen Lebenswelt der Jugendlichen zur fehlenden bewegungsbezogenen Infrastruktur

~ Kompensationsmöglichkeit für Spannungsarmut resp. für spannungsgeladenes Risikoverhalten

~ Schaffung von Räumen und Gelegenheiten für Erfahrungen zur positiven Identitätsfindung

Gegenentwurf zur Marginalisierung der Mädchen

Daraus folgt als inhaltliche Gestaltung der Sportarbeit: Orientierung am didaktischen Prinzip "Denken und Machen" Orientierung an Bewegungsstrukturen, die die Erfahrung von Abenteuer- und Risikoerlebnissen ermöglichen

Orientierungen an Bewegungstraditionen und -formen, die eine Spielintegration der Mädchen ermöglichen

Hierzu bedarf es allerdings dringend eines inhaltlichen Paradigmenwechsels der Jugendarbeit: Weg von den Defiziten der Jugendlichen, hin zu deren Stärken. Weg von der Versorgung, hin zur Förderung und Forderung Jugendlicher!

Wenn wir dies alles akzeptieren, wenn deren Angebote mehr als Jugendarbeit sein sollen, dann wird müssen, - wie MARCH (128-129) zu Recht konstatiert -:

17

die Sportvereine ein vielschichtigeres Sportangebot mit "milden" Wettkampfformen und offenen Angeboten bereithalten und zusätzlich ihre außersportlichen Angebote ausbauen. Dies erfordert eine Erweiterung des Sportbegriffs der Sportvereine und das Aufbrechen der gängigen Wertvorstellungen. Sportvereine müssen den Jugendlichen das Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung einräumen; die kommunale Jugend(sozial)arbeit ihr Angebotsspektrum ausweiten und vermehrt niederschwellige Sportangebote etablieren. Hierbei muss sich die kommunale Jugend(sozial)arbeit stärker auf das Wochenende und dann auch auf die Nächte ausrichten. Für die in diesem Feld arbeitenden Sozialpädagogen, Jugend- oder Übungsleiter kommt MARCH (129-137) aufgrund seiner Erfahrungen zu dem Schluss, dass sie

akzeptierende Arbeit leisten müssen, indem sie sich für die Jugendlichen interessieren und sich auf sie einlassen;

den Generationskonflikt mit den Jugendlichen austragen und sich ihnen als "Träger der Realität" anbieten müssen, indem sie sagen, was sie für richtig und für falsch halten;

Einblick in die politischen Strukturen haben müssen, um Einfluss nehmen und den Jugendlichen die institutionellen Abläufe vermitteln zu können;

ausreichend belastbar sein müssen, um im Spannungsfeld zwischen jugendlichen Bedürfnissen und "Institutionenarbeit" Veränderungsprozesse betreuen zu können; schließlich

improvisieren und dabei sportbezogene Kompetenzen flexibel anwenden können müssen.

Vernetzung von öffentlichen und freien Trägern der Jugendarbeit Vernetzung heißt das Zauberwort

Der Vernetzung wird nicht zuletzt angesichts wachsender Problemlagen junger Menschen und immer knapper werdender öffentlicher Finanzen zu Recht eine zentrale Rolle zugewiesen. "Runde Tische", "Präventionsräte", "Netzwerke" sind entsprechend zu Schlagworten avanciert, die, wie der Stein der Weisen, die Probleme präventiven erzieherischen Jugendschutzes lösen sollen. Allein in der Alltagspraxis erweist sich der "Stein der Weisen", als äußerst sperrig. Als es ob auch so einfach wäre, die unterschiedlichsten Institutionen, in der Praxis arbeitenden Menschen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, eigene Eitelkeit und Interessen, hierarchisches Denken und unterschiedliche strukturelle, rechtliche Rahmenbedingungen der Vernetzungspartner in den Dienst der schnell ausgemachten gemeinsamen Sache zu stellen. Die Vernetzungspraxis sieht anders aus. So werden nicht selten Bemühungen der freien oder kommunalen Jugendarbeit um Bewegungsräume, bzw. Kooperationen mit Sportvereinen von Vereinsvertretern barsch mit dem Argument abgewiesen, hier würde eine Konkurrenzangebot zum Sportverein etabliert. Die bereits erwähnte "soziale Offensive des Sports" hat zwar in vielen Vereinen durch engagierte Übungsleiter zu beachtenswerten Aktivitäten geführt, sie scheint mir aber

insgesamt gesehen doch mehr in den Köpfen der verantwortlichen Funktionäre und Macher stecken geblieben zu sein und hat die Vereinsbasis vor allem bezüglich der Umsetzung dieser an sich guten Idee, "im Regen stehen lassen". Sportbezogene Jugendsozialarbeit findet nicht in den Köpfen der Funktionäre, sondern im harten Alltagsgeschäft auf der Basis statt.

Wenn lebensstil- und lebensweltorientierte sportliche Jugendsozialarbeit, Straßensportarbeit also keine leeren Worthülsen sein und bleiben sollen, dann bedarf es einer konzertierten Aktion von kommunalen und freien Trägern der Jugendarbeit, der Kooperation von Sportvereinen, Schule und Jugendhilfe. Provokant formuliert: Vereinssportjugendsozialarbeit ist zu wichtig, als dass man sie nur den Übungsleitern, Trainern und Vereinsjugendleitern überlassen dürfte (Sportangebote in Vereinen, Trainingsstunden sind noch keine Sozialarbeit, sie sind Jugendarbeit, sie wirken in manchen Fällen auch präventiv); Straßensportsozialarbeit ist zu wichtig, als dass man sie nur der Sozialarbeit und Streetwork sowie Sozialpädagogik überlassen dürfte (Fußball- und Krökelturniere organisieren ist noch keine sport- und bewegungsbezogene Sozialarbeit); Schulsport ist zu wichtig, als dass man ihn den Sportlehrern überlassen und in starre Bewegungszeiten, traditionelle Bewegungsräume und Zensurenskalen pressen dürfte.

Der Sicherstellung einer entsprechenden bewegungsbezogenen Jugendarbeit mit einem eigenständigen, breit gefächerten und eher spielerischen Sportangebot in der offenen Jugendarbeit sind oft dadurch Grenzen gesetzt sind, dass zum einen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der Regel keine Sport- bzw. Übungsleiterausbildung haben und somit nicht über die erforderlich sportive Kompetenz verfügen, um entsprechende Sportangebote für Jugendliche bereitzuhalten. Darüber hinaus fehlen in vielen Fällen Hallen und Plätze für diese Angebote. Dies ließe sich jedoch beheben, wenn Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sich zu Übungsleitern ausbilden ließen oder wenn ausgebildete Übungsleiter und Übungsleiterinnen oder Animateure auf Honorarbasis beschäftigt würden. Noch wichtiger erscheint mir allerdings die Kooperation zwischen Einrichtungen der offenen Jugendarbeit und Sportvereinen zu sein. Hier wäre u.a. zu denken an den Austausch von Informationen über Programm und Angebot von Einrichtungen der offenen Jugendarbeit und der Sportvereine; die Nutzung der Sportstätten durch die Einrichtungen der offenen Jugendarbeit in den vom Sportverein weniger frequentierten Zeiten; bzw. bei der Vergabe von Hallenzeiten und Sportplätzen müßten die sportlichen Bedürfnisse von Kinder und Jugendlichen der offenen Jugendarbeit als gleichrangig mit den Bedürfnissen der Sportvereine angesehen werden; ein zeitweiser Austausch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, gemeinsame Veranstaltungen, Wochenendfreizeiten, Ferienfahrten, Sportreisen sowie Nutzung der Räume in den Einrichtungen der offenen Jugendarbeit durch den Sportverein für Sitzungen, Veranstaltungen, bestimmte Bewegungsangebote, die weniger Raum beanspruchen usw.

So werden auch im Begründungskonzept "Zur Notwendigkeit der Fortentwicklung der sozialen Offensive im Kinder- und Jugendsport" des Beirats "Soziale Offensive" der Deutschen Sportjugend (1998) folgende "wesentliche Bestandteile der Prüfsteine für die soziale Offensive im Kinder- und Jugendsport benannt:

1~

r "stärkere Öffnung der Sportorganisationen in das Gemeinwesen und die Übernahme zusätzlicher Verantwortung für das Wohl von Kindern und Jugendlichen über das heutige Maß und die eigenen Mitglieder hinaus

~ Kooperation und Vernetzung mit anderen öffentlichen und Freien Trägern der Jugendarbeit und Jugendhilfe im Feld einer sportorientierten sozialen Arbeit

:- Höhere Bereitschaft und Akzeptanz der Kommunen, insbesondere der örtlichen Jugendämter, die Sportorganisationen bei konkreten Jugendhilfeprojekten und Aktivitäten im Rahmen der sozialen Offensive stärker zu unterstützen und fördern

:- Kooperation im Gemeinwesen schließt die interdisziplinäre fachliche Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen und ehrenamtlicher Funktionsträger ein

~ Die soziale Offensive des Sports und eine sportorientierte soziale Arbeit benötigen den kontinuierlichen, begleitenden politischen und fachlichen Dialog aller Beteiligten im Feld der Jugendhilfe und des Sports".

Auch die Sportministerkonferenz der Länder hat in ihrer Resolution vom Juni 1991 einstimmig gefordert, dass

"Die Möglichkeiten des Sports genutzt werden müssen, um integrativ auf jugendliche Randgruppen der Gesellschaft einzuwirken. Dazu gehören u. a.:

~ verstärktes und innovatives Erarbeiten und Verwirklichen von Angeboten durch Sportorganisationen und Sportvereine mit dem Ziel, jugendgemäßes Gemeinleben zu entwickeln;

~ Stärkung, Ausbau und Unterstützung von speziellen Jugendprojekten (Fan-Projekten);

Vernetzung von kommunaler Jugendarbeit und Sportangeboten örtlicher Sportvereine. "

Im Ergebnisprotokoll der Sportministerkonferenz vom 5. November 1993 wird dies nochmals bekräftigt und vor allem die Vernetzung von Sportvereinen mit Einrichtungen der Jugendhilfe auch im Sinne eines ständigen gegenseitigen Erfahrungsaustausches eingefordert:

"Die Sportminister der Länder bekräftigen ihre bereits in der Konferenz am 6.l7. Juni 1991 in Oldenburg geäußerte Auffassung, dass

alle Möglichkeiten des Sports ausgeschöpft werden müssen, auch auf Randgruppen der Jugendlichen integrativ zu wirken.

Die Sportvereine sollen deshalb für alle Kinder und Jugendliche offen sein und verstärkt mit neuen Angeboten, z. B. des Abenteuer- und Erlebnissports, auf diese Jugendlichen zugehen. Ziel muss es sein, den Jugendlichen, zunächst auch ohne Vereinsbindung, möglichst viele Räume für selbstorganisiertes Handeln und Selbsterfahrung zu schaffen und dadurch ihr Selbstwertgefühl zu stärken.

Die Sportvereine sollen verstärkt mit Einrichtungen der Jugendhilfe zusammenarbeiten. Ein ständiger gegenseitiger Erfahrungsaustausch ist dafür wesentliche Voraussetzung"

Abschließende kritische Anmerkungen zur sozialpädagogischen Bearbeitung von "Jugendproblemen"

Bei aller Euphorie bezüglich der Chancen und Möglichkeiten der Jugendsozialarbeit darf nicht vergessen werden, dass solange die strukturellen Bedingungen auffälligen Verhaltens Jugendlicher nicht beseitigt werden, pädagogische und sozialarbeiterische Konzepte nur bedingt greifen. So lange auf dieser Ebene struktureller Maßnahmen keine entscheidenden Veränderungen vorgenommen werden, sind die Möglichkeiten zur Eindämmung auffälliger Verhaltensmuster Jugendlicher begrenzt. Solange muss die Gesellschaft - und dies mag vielen sehr weh tun - für diese auffälligen Formen jugendlicher Identitätssuche bis zu einem gewissen Grad Toleranz aufbringen.

Sozialarbeit kann nicht die Ursachen spezifischer Sozialisationsvorgänge und sozialer Widersprüche aufbrechen kann, körper- und bewegungsbezogene Jugendarbeit löst keine strukturbedingten Konflikte. Sie haben aber sehr wohl Potentiale, die die Chancen der Lebensbewältigung verbessern helfen (vgl. HEYE 1987) und können in 'sozialhygienischer' Absicht vorhandene Bedürfnisse befriedigen und auffällige Verhaltensweisen verarbeiten.

"Damit werden aber nicht die Strukturen tangiert, die am Zustandekommen von Verhaltensweisen beteiligt sind. Da diese in funktionalem Verhältnis zu Strukturen stehen und nicht in der freien Entscheidbarkeit der Individuen, besteht bei fehlenden sozialpolitischen Strukturmaßnahmen die Gefahr, dass die entsprechenden Verhaltensweisen sich stets neu entwickeln. Sozialarbeit würde damit zu einer Dauereinrichtung sozialen Krisenmanagements bzw. zu einer Technik der ständigen Enttäuschungsabwicklung" (BECKER I SCHIRP 1986,23).

So besehen wundert es auch nicht, dass vermehrt kritische und warnende Stimmen zu hören sind, die vor einer wachsenden Pädagogisierung, Therapeutisierung, Kolonialisierung und Entmündigung durch Experten (GRIESE 1983, 1994) warnen. Diese "Entmündigung durch Experten" ist dabei um so problematischer, als der Einsatz dieser Expertinnen und Experten, das Ergreifen (sozial-} pädagogischer Maßnahmen, Gefahr laufen, dazu beizutragen, dass die eigentlichen Ursachen nicht aufgedeckt, geschweige denn überhaupt beseitigt werden. Der Schlüssel liegt weniger im Bereich (sozial-) pädagogischer Maßnahmen als vielmehr in der Beseitigung gesellschaftlicher Unzulänglichkeiten, struktureller Gewalt, in der Arbeit an einer Lebenswerken, sinnstiftenden Gesellschaft, einer Gesellschaft, die den Jugendlichen die Chance zur Selbst-, zur Identitätsfindung und Selbstverwirklichung gibt, ihnen wieder Lebens- und Zukunftsperspektiven eröffnet. Nur so kann langfristig ein durchschlagender Erfolg erzielt werden. Andererseits können und dürfen wir nicht warten, bis sich die gesellschaftlichen Bedingungen für die Jugendlichen gebessert haben. Es gilt hier und jetzt zu handeln, d.h. pädagogische, sozialpädagogische Maßnahmen zu ergreifen. Dabei muss vermieden werden,

"über die Betonung kompensatorischer Programme sich an der Schuldzuschreibung und Stigmatisierung Jugendlicher zu beteiligen. Vielmehr geht es darum und kann es nur darum gehen, über emanzipatorische Lernprozesse gemeinsam mit den Jugendlichen Ursachen und Zusammenhänge ihrer Situation zu erarbeiten und Handlungsstrategien zu erarbeiten." (KLAWE 1983, 148)

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Sozialpädagogik, Jugendarbeit als Reparaturwerkstatt gesellschaftlicher Versäumnisse und Unzulänglichkeiten, dies ist eine wenig befriedigende Vision. Die Jugendarbeit darf nicht zu einer Sozialhilfe degenerieren, in der es vorrangig nicht mehr um emanzipatorische Lernprozesse, sondern um kompensatorische Maßnahmen geht, die die Folgen des Herausfallens vieler Jugendlicher, die durch Arbeitslosigkeit und Desintegration gefährdet sind, auffangen sollen.

Die bewegungsbezogene Jugendsozialarbeit muss sich entsprechend daran messen lassen, wie es ihr gelingt, durch ihr sozialpädagogisches wie auch - und vor allem sozialpolitisches Engagement die Welt der Jugendlichen - und wenn auch nur ein wenig - lebenswerter zu machen.

Gerade für die Zukunft wird es deshalb sehr darauf ankommen, dass ein festes Netzwerk der sport- und bewegungsbezogenen Jugendsozialarbeit errichtet wird.

Das von der Hamburger Sportjugend konzipierte Projekt "STREETGAMES IN DER GROSSSTADT" aber auch das von der Sportjugend Niedersachsen initiierte Präventionsprogramm "GO SPORTS ON TOUR" scheinen mir dabei, genauso wie bei den kommunalen und freien Trägern der Jugendsozialarbeit in Hannover seit zwei Jahren laufende und nunmehr auch ausgeweitete MITTERNACHTSSPORTANGEBOT, in besonderem Maße diesen Herausforderungs- und Aufgabenfeldern einer offenen sport- und bewegungsbezogenen Jugendsozialarbeit gerecht zu werden.

Nicht am, nicht im, sondern mit dem Sport sparen!

Dabei bleibt denn auch zu hoffen, dass dem Beschluss der Jugendministersonderkonferenz zu Gewalt und Fremdenfeindlichkeit vom 9.12. 1993 in Wiesbaden auch politische Taten folgen:

"Sie (die Jugendministerkonferenz G.A.P.) hält es für unerlässlich, die Förderung von Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit trotz der bestehenden finanzpolitischen Probleme zumindest im bisherigen Umfang beizubehalten. Zur Sicherung der Entwicklungschancen und Lebensperspektiven junger Menschen muss die Gesellschaft für die Vermittlung der Grundwerte demokratischer Kultur mindestens die gleiche Energie aufwenden wie für die Steigerung des Bruttosozialprodukts."

Und wie antwortete der niedersächsische Kultusminister auf eine Große Anfrage der SPD zur Situation der Jugendsozialarbeit in Niedersachsen?:

"Wenn wir bei diesen Jugendlichen nicht die nötigen Anstrengungen unternehmen, die wir tatsächlich leisten können, dann haben wir das Recht verloren, auf Jugendliche zu schimpfen, die uns, wie z. B. bei den berühmten Chaos-Tagen in Hannover, aus der Hand geglitten sind. Hier hat die Gesellschaft mehr zu tun und zwar schon im Vorfeld".

Daraus folgt: Nicht am, nicht im, sondern mit dem Sport sparen. Und in Anlehnung und Ergänzung an eine Aussage des Präsidenten des Deutschen Sportbundes, von Richthofen, gilt mehr denn je: Wer heute am Sport, im Sport spart, Sportstunden in den Schulen streicht, wer Spiel- und Bewegungsräume für junge Menschen vernichtet, Gesetze schafft, die das Ruhebedürfnis der Erwachsenen als ein höheres Gut als das Spiel- und Bewegungsbedürfnis von Kindern und Jugendlichen erscheinen lassen, wer die jugendlichen Bewegungskulturen nicht ernst nimmt, dem sollte die Lizenz für politische Beeinflussung entzogen werden!

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Literatur:

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