Kampfsport als Gewaltprävention?

Kampfsport als Gewaltprävention?
Ein Bericht von Katrin Poetsch

zur Fachtagung der Sportjugend Hessen am 28.10.2000 in Mörfelden

Der Titel der Fachtagung klang vielversprechend, insbesondere mit dem Ziel vor Augen, dabei Informationen für den vom DJB geplanten Workshop zum Thema “Judo – eine Chance in der Gewaltprävention?” zu sammeln. Leider wurden die Erwartungen an die Veranstaltung mit denen Wolfgang Dax-Romswinkel und ich dort hingefahren sind (übrigens als einzige Vertreter/innen der “Kampfsportart” Judo unter ca. 60 Teilnehmern ...) nicht erfüllt. Allerdings war uns nach den Vorträgen von Vertretern der Distanzkampfsportarten Ju-Jutsu, Karate und Boxen klar, warum hinter den Titel der Fachtagung ein Fragezeichen gesetzt wurde. Die eingeladenen Referenten brauchten ihre Vortragszeit nämlich vor allem dazu, sich den gewaltpräventiven Charakter ihrer Sportart zurechtzulegen und diesen zu verteidigen. Während Vertreter von Kontakt-Kampfsportarten wie Judo dies in dieser Form wohl nicht gebraucht hätten (wenn entsprechende Referenten anwesend gewesen wären ...).

Der “Repräsentant” des Ju-Jutsu konnte zwar durch überzeugende theoretische Ansätze Interesse wecken, enttäuschte dies aber in einer sich anschließenden Praxisphase, da hier der Bezug zu der Distanz-Kampfsportart Ju-Jutsu beim besten Willen nicht erkennbar war und ich nach wie vor nicht weiß, welches Potential die Sportart hat, bzw. haben will.Der Karate-Vertreter glänzte durch philosophische Ausschweifungen zum “friedvollen Krieger”, konnte aber in der Praxis ebenso wenig zeigen, welche gewaltpräventiven Elemente die Sportart selber aufweist.

Bei beiden waren lediglich die Übungen interessant, die in der Form auch von einem Vertreter der Sportart Judo hätten vorgestellt werden können, aber eigentlich nichts mit Ju-Jutsu oder Karate zu tun hatten. Hierbei handelte es sich nämlich um Aufgaben mit Körperkontakt, der in Distanz-Kampfsportarten ja eigentlich nicht gewollt ist, sondern vielmehr verhindert werden soll.

Das gerade in dem Kämpfen mit körperlicher Nähe der gewaltpräventive Charakter liegt, haben dieses Referenten zwar erkannt, aber nicht, dass gerade dies auch die Schwäche der Distanz-Kampfsportarten ist, für die sie sich auf der Fachtagung stark gemacht haben. Genau das hat übrigens Sigrid Happ schon in ihrem 1998 in der Zeitschrift Sportpädagogik erschienenen Artikel “Zweikämpfen mit Kontakt” herausgearbeitet, so dass diese Erkenntnis nicht neu war, sondern nur von Vertreter der Distanz-Kampfpsportarten bestätigt wurde (wenn auch ungewollt).

Der dritte Referent, Vertreter des Boxsports, wollte uns im Gegensatz zu seinen Vorrednern zum Glück nicht glauben machen, dass die Sportart selbst gewaltpräventive Potentiale in sich birgt, sondern legte seinen Schwerpunkt vielmehr auf das Drumherum, nämlich den familiären Charakter seiner Boxschule. Auch wenn hier nicht das unter “Gewaltprävention durch Kampfsport” verstanden wird, wie wir uns das bei den Überlegungen in unserer AG Gewaltprävention im DJB vorstellen, so war es trotzdem ein interessanter und überzeugender Beitrag, der nicht von unrealistischer Theorien lebte.

Insgesamt kann man also resumieren, dass wir auf der Fachtagung zwar wenig Anregungen für den im Mai 2001 angesetzten Workshop bekommen haben, dafür aber mit der Gewissheit wegfahren konnten, dass hinter den Titel unserer Veranstaltung eigentlich kein Fragezeichen gesetzt werden muss!