Treffen der AG Gewaltprävention 02/00

Keine Gewalt gegen Kinder

Ergebnisse der DJB-Arbeitsgruppe vom 06.02.2000 zusammengefasst von Ralf Pöhler

Projektbegründung

Immer neue Gewalttaten, ob Angriffe auf Ausländer, sexuelle Übergriffe, das Zusammenschlagen von Gleichaltrigen einfach aus Langeweile, lassen uns aufschrecken. Die deutsche Öffentlichkeit ist hellhörig geworden. Zwar nimmt die Zahl der Gewalttaten nicht wesentlich zu, deren Folgen jedoch werden immer dramatischer. Es wird von der Politik eine neue Zivilcourage gefordert, um gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit anzukämpfen. Der DSB engagiert sich ebenfalls gegen Gewalt, Rassismus, Intoleranz und Rechtsextremismus.

Ebenso wie der Sport insgesamt kann der Judosport im speziellen das Gesellschaftsproblem nicht lösen. Doch von einer Sportart, die Gewalt wenn auch in regelgeleiteter Form, als Gegenstand hat, erwartet man Antworten zu Themen wie Umgang mit Gewalt, Ausleben von Aggressionen oder Möglichkeiten der Gewaltprävention. Der Deutsche Judo-Bund kann und sollte sich durch das Aufgreifen der und Einbringen in die Diskussion gesellschaftlich positionieren. Das Thema Gewaltprävention sollte nach Ansicht der Arbeitsgruppe u.a. im Rahmen der allgemeinen Jugendarbeit des Verbandes Beachtung finden.

Soviel steht fest: Judo zu betreiben stellt per se noch keinen Beitrag zur Gewaltprävention dar. Judo-Unterricht kann aber über die durch Judo gemachten Erfahrungen, durch die direkte körperliche Auseinandersetzung, durch das Vereinsumfeld und das Übungsleiter-Handeln eine erzieherische Aufforderung an die Judotreibenden darstellen, der sie sich nur schwerlich entziehen können (vgl. Funke-Wieneke, 1999).

Anders als in vielen Diskussionen zum Judo-Unterricht geht es also weniger um die Inhalte, Techniken und Methoden als vielmehr um die Werte, denen sich Übungsleiter/innen und Vereine verpflichtet fühlen, um Regeln des Zusammenseins in der Judo-Gruppe, um die Reflexion der Beziehungsprozesse im Judo-Unterricht.

Ziele der Arbeitsgruppe-Arbeit und des DJB-Workshops 2001 sollten sein:

  • Übungsleiter/innen und Vereine für Gewalt, denen vor allem Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, zu sensibilisieren
  • Übungsleiter/innen und Vereine über Erscheinungsformen von Gewalt zu informieren
  • Übungsleiter/innen und Vereine durch Unterrichtsmaterialien und Anregungen zu ermutigen, sich des Themas Gewaltprävention anzunehmen und in ihr pädagogisches Konzept zu integrieren.

Einige Überlegungen der Arbeitsgruppe

80% unserer Mitglieder in den Judo-Vereinen sind Kinder und Jugendliche. Dies bedeutet, dass wir uns vor allem mit Gewalt gegen, unter und durch Kinder und Jugendliche auseinandersetzen wollen.

Dabei muss ein Fachsportverband nicht alles neu machen: Viele Ansätze, insbesondere für spezielle Zielgruppen gefährdeter Kinder und Jugendlicher, Sozialprojekte, flächendeckende Aufklärungskampagnen, wurden außerhalb des Judosportes z.B. in Zusammenarbeit mit den Landessportbünden entwickelt, sind praxiserprobt und können übernommen bzw. uneingeschränkt unterstützt werden.

Die Beteiligung an Anzeigen-Kampagnen oder sportartübergreifenden Aktionen sind wichtig und notwendig, um Judo als eine Sportart vorzustellen, in bei der Kindern und Jugendlichen gut aufgehoben sind, weil ihr Wohl im Mittelpunkt steht. Eltern und Kinder müssen die Aussagen, mit denen geworben wird, aber vor allem in der praktischen Arbeit auf der Judo-Matte vor Ort realisiert finden können. Insofern ist es vor allem wichtig zu schauen, welche Anlässe sich im Judo-Unterricht und Judo-Umfeld eröffnen, das Thema Gewalt und Gewaltprävention aufzugreifen.

Wir, die im Judosport Verantwortlichen, können keine Gewalt gegen Kinder verhindern, aber wir haben sowohl als Übungsleiter/innen als auch Vereins-/Verbandsfunktionäre Möglichkeiten einzuwirken und/oder Einfluss zu nehmen. Als Übungsleiter/innen sehen und hören wir vieles aus dem Schul- und Familienalltag. Wir beobachten Kinder und Jugendliche im Umgang miteinander. Durch Judo-Unterricht haben wir einen gewissen Einfluss auf die Kinder. Als Vereine können wir pädagogische Leitlinien formulieren. Vereine sind auch Wertegemeinschaften. Judo-Verantwortliche sollten sich einer bestimmten Werte-Tradition verpflichtet fühlen (Kano’sche Prinzipien): Respekt, Ernsthaftigkeit, Integration und Miteinander, Helfen zum beiderseitigen Wohlergehen.

Judo-Unterricht gibt uns Gelegenheit bestimmte negative Verhaltensweisen zu problematisieren und Alternativen zu eröffnen. Wir können verdeutlichen, dass Gewalt den sozialen Konsens bedroht, es hingegen auch gewaltfreie Strategien zur Konfliktlösung gibt. Judo kann helfen, die soziale Kompetenz zu erhöhen. Wir können verdeutlichen, dass Gewaltanwendung Schwäche bedeutet, Rücksichtnahme aber Stärke.

Formen von Gewalt gegen Kinder

Es wurden von der Arbeitsgruppe nicht alle mögliche Formen der Gewalt gegen Kinder aufgegriffen. Es wurde beschränkend gefragt:

  • Von wem geht die Gewalt ausgeht?
  • Welche mögliche Gewalt geht von dieser Person oder Gruppe aus?
  • Ist es realistisch, dass wir im Judo-Verein mit dieser Form von Gewalt konfrontiert werden?

Dabei wurden nachfolgende Kategorien gebildet:

A) Übergriffe durch Übungsleiter/Betreuer

  • Mobbing
  • sexuelle Gewalt
  • übertriebene Härte gegen Kinder
  • überzogener Leistungsdruck

B) Gewalt innerhalb der Gruppe/Judo-Gruppe

  • Mobbing
  • übertriebene Härte (Duldung oder gar Initiierung durch Übungsleiter)

C) Gewalt unter Gleichaltrigen

  • Mobbing
  • Körperverletzung
  • (Be-)Drohungen
  • “Abziehen”, “Abzocken” (= Raub, Räuberische Erpressung)
  • Nötigung
  • durch Waffen, waffentaugliche Instrumente

D) Gewalt durch Eltern

  • psychisch
  • physisch (Schläge, Prügel)
  • “Liebesentzug”
  • verbal
  • überzogener Leistungsdruck

E) Gewalt durch andere Bezugspersonen

  • “böser” Onkel

Als Judo-Übungsleiter/innen können wir keine Gewalt gegen Kinder verhindern, aber wir können ...

zu A) Übergriffe durch Übungsleiter/Betreuer

  • unsere Eigenreflexion und Eigenkontrolle stärken
  • unser Bewusstsein im Umgang mit Kindern und Jugendliche schärfen und sensibilisieren

zu B) Gewalt innerhalb der Gruppe/Judo-Gruppe

  • sozial-integrativ arbeiten
  • Sprache von Kindern und Jugendlichen beachten, analysieren ...
  • Gewalt, gewalttätiges Verhalten, Mobbing thematisieren
  • Übungsleiter/innen outen, wenn in deren Gruppe Gewalt geduldet und/oder initiiert wird
  • Gesprächsführung (“Konfliktmanagement”) lernen

zu C) Gewalt unter Gleichaltrigen

  • “richtige” Regeln im Umgang miteinander vorleben
  • gutes Verhalten positiv verstärken
  • Opfer stärken <-> Täter schwächen
  • Sprache: Verharmlosende Begriffe richtig benennen (“Abziehen” = Raub)

zu D) Gewalt durch Eltern

  • Signale beachten (aber nicht Detektiv spielen und Vermutungen aufstellen)
  • Für Kinder ansprechbar sein, Zeit haben, zuhören können und Vertrauen bilden
  • Leistungserwartungen relativieren und Umgang mit Leistungen thematisieren (Elterngespräche)

zu E) Gewalt durch andere Bezugspersonen

  • wie D)
  • Informationen über Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche sammeln und ihnen zur Verfügung stellen (Sorgentelefon, Kinderschutzbund ...) (anonym z.B. am Schwarzen Brett)

Als Judo-Vereine/Judo-Verbände können wir keine Gewalt gegen Kinder verhindern, aber wir können ...

als Vereine

  • unsere Übungsleiter/innen beobachten, beeinflussen und in die Verantwortung nehmen
  • Kooperationen mit Schulen, Kindergärten, Jugendzentren, Kinderschutz-Organisationen, Polizei, Weißer Ring usw. eingehen
  • den Judo-Verband auffordern uns zu diesem Thema zu unterstützen und ihn in die Pflicht nehmen

als Verbände (LV/DJB)

  • “Gewalt gegen Kinder” zum Thema der Aus- und Fortbildung machen
  • “Geldtöpfe” für Vereine der Landesverbände aufmachen
  • Konzeptionen entwickeln und für den Judosport und seinen Beitrag zum Thema “Keine Gewalt gegen Kinder” werben
  • Argumentationshilfen für Übungsleiter/innen und Vereine entwickeln
  • Handreichungen für Übungsleiter/innen zur konkreten Unterrichtsgestaltung erstellen
  • Modellprojekte beschreiben und die Ergebnisse veröffentlichen (Referenzen!)

Was können wir im Judo-Unterricht und Judo-Verein konkret tun?

zu D) und E) Gewalt durch Eltern und andere Bezugspersonen

  • Elternabende einrichten
  • Elternverhalten bei Wettkämpfen beeinflussen
  • Eltern den Umgang mit Sieg und Niederlage vermitteln
  • Elternerwartungen an Judo-Unterricht und Wettkampf auf ein realistisches Niveau bringen
  • Informationen über konkrete Symptome von Gewaltanwendung zusammentragen und allen Übungsleiter/innen zur Verfügung stellen
  • Zivilcourage zeigen und aktiv werden gegen jegliche Form von Fehlverhalten
  • Aktiv werden bei Gewaltandrohungen und Aufforderungen zur Gewaltanwendung in Training, Wettkampf oder Coachen, gleichgültig von wem diese ausgehen

zu B) und C) innerhalb der Gruppe und zwischen Gleichaltrigen

  • Einen sozial-integrativen Führungsstil entwickeln
  • Spiele zur Kooperation anbieten
  • Sich als Übungsleiter/in für verbale Gewalt sensibilisieren
  • Infos über Jugendkultur sammeln und allen Übungsleiter/innen zur Verfügung stellen
  • Körperwahrnehmung und Körpergefühl stärken
  • Anlässe aufgreifen, um das Jungen- bzw. Mädchenverhalten zu thematisieren
  • Dojo-/Gruppen-Regeln entwickeln und gemeinsam auf deren Einhaltung achten
  • Über öffentliche Anlauf-/Beratungsstellen informieren
  • Selbstbehauptungstraining, Körpersprache entwickeln
  • Den anderen spüren lernen und zwischen virtueller, vermittelter Welt und Realität unterscheiden lernen
  • Anstandsregeln, Regeln der Höflichkeit einhalten

Welche weiteren Schritte schlagen wir dem DJB vor?

  • Modul für die Übungsleiter-/Trainer-Ausbildung zum sozial-integrativen Führungsstil entwickeln, am besten durch Integration in ein pädagogisches Gesamtkonzept
  • Dokumentationen, Broschüren und Materialien zusammenstellen, sowie Projekte zusammenführen (Poolfunktion)
  • personelle Verankerung des Themas
  • DJB-Workshop 2001 vorbereiten und durchführen (erneutes, vorheriges Kleingruppen-Treffen) und dabei weitere Mitarbeiter/innen und Fachleute aus Judokreisen aktivieren
  • Veröffentlichungen zum Thema und den Einflussmöglichkeiten von Judo und Judovereinen im Fachorgan und als Flyer bei DJB-Veranstaltungen
  • Weißer Ring, Polizei u.a. als mögliche Sponsoren gewinnen
  • Prominente, Persönlichkeiten als “Schirmherren” für Veranstaltungen gewinnen

Offen blieb die Frage, in welche Projekte, Aktionen, Kampagnen sich der DJB einbringen sollte. Möglichkeiten dazu bestehen in vielfältigster Form:

  • Kraft gegen Gewalt   (Weißer Ring)
  • Sport statt Gewalt   (Arbeit und Leben)
  • Kinder stark machen   (DSB)

Viele Engagement auf Vereins- und Landesverbandsebene sind von den örtlichen Gegebenheiten und Aktionen abhängig. Wichtig: Engagements sollten immer regional verankert sein!

Teilnehmer/innen der Arbeitsgruppe “Keine Gewalt gegen Kinder” und Arbeitsaufträge zum nächsten Treffen

Peter Färber

  • Kooperationsspiele/Ideenskript

Ingeborg Pfaff

  • Broschüren zum Thema anfordern, sichten und Bezugsanschriften auflisten
  • Infos zum Thema “(Spielzeug-)Waffen in Kinderhänden” zusammenstellen

Wolfgang Dax-Romswinkel

  • Ideen zur Übungs- und Trainingsgestaltung unter gewaltpräventorischer Prämisse entwickeln

Klaus Heyer

  • Rollenspiele zum Thema auf der Judomatte
  • Informationen zur “Zeitschiene der Gewalt”

Ralf Pöhler

  • Ideen zum Thema “Mein Körper gehört mir” und zur Körperzentrierung im Judo-Unterricht

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