Auf das Wie kommt es an.

Auf das Wie kommt es an - Budo-Künste sind nicht automatisch erzieherisch wertvoll. Von Feliks Hoff (erschienen in der Zeitschrift DAO 2/99)

Als ich 1970 während meines Studiums der Sozialpädagogik ein Projekt “Judo mit verhaltensgestörten Kindern” ins Leben rief und dies drei Jahre durchführte, erlebte ich häufig Reaktionen, wie “Das muß aber sehr schwierig sein”, “Ist es nicht widersprüchlich, aggressiven Jugendlichen auch noch Kampftechniken beizubringen?” “Ich bewundere, daß Sie diese therapeutische Arbeit auf sich nehmen”. Sogar einige Zeitungen berichteten über dieses Thema. Ich irritierte meine Gesprächspartner, wenn ich ihnen sagte, daß dieses Projekt ein pädagogisches wäre und keine Therapie, daß letztendlich dabei nicht mehr passiert als ein Judotraining. Ich sei kein Therapeut, sondern Trainer, bestenfalls Pädagoge. Vermutlich habe ich mir in bezug auf den Ablauf, die methodischen Schritte und die Reflexion mit den Schülern etwas mehr Gedanken gemacht als ein Übungsleiter im Verein, aber ansonsten handelte es sich um ein ziemlich normales Training.

Abschluß in der Regelschule.

Nach etwa einem Jahr legten die Jugendlichen die ersten Kyu-Prüfungen erfolgreich ab und verließen die Schule für Verhaltensgestörte Ende der achten Klasse, um die Regelschule zu besuchen. Bei einer zweiten Gruppe und später bei einem weiteren Projekt, bei dem Kendo als pädagogisches Mittel eingesetzt wurde, waren die Ergebnisse ähnlich positiv. Budo schien erzieherisch besonders wirksam zu sein.

Allerdings stellten wir durch Tests und Fragebögen fest, daß beim genaueren Hinschauen diese Behauptung nicht derart undifferenziert aufrecht gehalten werden konnte. Denn einige ähnliche Vorhaben verliefen ebenso erfolgreich, andere wiederum scheiterten deutlich. In jedem dieser Versuche stand Judo oder eine andere Budo-Disziplin im Mittelpunkt. Offensichtlich war dies nicht genug. Andere Faktoren entschieden über den Erfolg. Ich habe mich seitdem immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt und komme zu dem Schluß, daß Budo-Sportarten (vermutlich auch andere östliche Übungssysteme wie Yoga oder Taijiquan) nicht automatisch erzieherisch wertvoll sind, weil sie aus Japan, Indien oder China stammen oder weil diesen Systemen eine mehr oder minder gut belegte, lange Tradition zugesprochen wird oder der andere Kulturkreis angeblich noch etwas bewahrt hat, was dem Westen abhanden gekommen sein soll.

Begriffe nicht geschützt.

Darum macht mich das Gebaren mancher Anbieter, die einem Trainingsangebot “therapeutische Wirksamkeit” zusprechen und sich selbst als Therapeuten bezeichnen, eher skeptisch und ärgerlich. Auch wenn die Begriffe “Therapeut” und “Therapie” nicht geschützt sind, sollten sie fairerweise nicht beliebig verwandt werden, implizieren sie doch, daß dort ein Mensch mit geprüften Qualifikationen anzutreffen ist. Therapie ist ein Lernprozeß, der besonders kleinschrittig verläuft, und es ist nicht notwendig, eine Therapie für etwas zu erfinden, was ohnehin vorhanden ist.

Grundsätze überprüfen

Wenn die geschilderten Projekte mit verhaltensgestörten Kindern zu einem guten Ergebnis gekommen sind, mag man sich fragen, welche Elemente zum Erfolg geführt haben:

Erstens: Im Judo kann der altersgemäße Erlebnisaspekt optimal erfüllt werden, da methodisch eine Vielzahl von Übungsformen besteht. Der Jugendliche erfährt vor allem den eigenen Leib, sein Bewegungsvermögen und -können, die Natur (zum Beispiel Schwerkraft) und Möglichkeiten ihrer Bewältigung, eigenes und fremdes Können, Gruppenleistungen, Rollenverhalten, soziale Anpassung, Kontakt und Kommunikation, altersgemäße Gruppenbezüge.

Zweitens: Die Selbstverständlichkeit der Übungsatmosphäre läßt die Basis für eine gute Kommunikation zwischen “Schüler” und “Meister” (besser Trainer/Lehrer) sowie zu anderen Gruppenmitgliedern entstehen.

Drittens: In den Judo-Stunden konnte differenziert und strukturiert auf Sensomotorik, Psychomotorik, physische Leistung und motorische Eigenschaften eingegangen werden. Störungen im Ausdrucks- und Kommunikationsverhalten wurden in der Übungsgruppe kurz, aber präzise thematisiert. Letzteres trug meines Erachtens nach nicht unwesentlich zur Wiedererlangung von Gemeinschaftsfähigkeit bei, ermöglichte Anpassung und ansatzweise Selbstfindung.

Jede der Gruppen bestand aus zwölf Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren. Sie trafen sich über zwei Jahre zweimal wöchentlich für zwei Stunden in einem Dojo (und bewußt nicht in der eigenen Turnhalle) zum Judo. Methodisch wurden unten angeführte Grundsätze verfolgt und immer wieder überprüft:

  1. Ausgangspunkt ist das subjektive Befinden des Übenden.
  2. Zu jedem Zeitpunkt des Trainings ist nicht ausschlaggebend, wie geübt wird, sondern daß geübt wird.
  3. Begleitend zu dem eigentlichen Judo-Training gibt es Angebote, die den Übenden helfen, ein Körpergefühl zu entwickeln und Spannung und Entspannung spüren zu können.
  4. Die gestörten oder spezifischen Kommunikationsbeziehungen verbaler und nonverbaler Art des Übenden müssen in der Einzel- und Gruppensituation berücksichtigt werden.
  5. Es ist eine besondere Aufgabe dieses Trainings, die gestörten kommunikativen Beziehungen vorwiegend über den nonverbalen Ausdrucksbereich und durch das Miteinanderüben zu normalisieren.
  6. Beim Üben in der Gruppe werden kritische Situationen so gestaltet, daß sie als Übungs- und Erlebnisfeld gegen neurotische Haltungen und Verhaltensweisen genutzt werden können.
  7. Disharmonische Bewegungsabläufe werden nicht oder kaum korrigiert. (“Fehler” sind nicht falsch, sondern nur eine andere Erfahrung, die es zu bejahen und zu verarbeiten gilt.)
  8. Der judospezifische Rahmen (zum Beispiel das Rei und Mokuso am Anfang, gegenseitiges Angrüßen) sowie die einzelnen Elemente sollen von Stunde zu Stunde möglichst ähnlich gestaltet sein, um durch “Ritualisierung" und Rhythmisierung einen sicheren Rahmen für das Verhalten der Jugendlichen vorzugeben.
  9. Die judospezifischen Regeln gelten für Schüler und Lehrer gleichermaßen. Alle sind Übende, jeder kann mit jedem üben und mit oder durch ihn etwas lernen.
  10. Alle (auch der Lehrer) können relativ wenig - können aber ihr relatives Nichtkönnen durch Anstrengung zu einem relativen Können entwickeln. Daraus läßt sich schließen, daß nicht unbedingt die Sache Judo aus sich heraus für die Wirkungen verantwortlich war, sondern wohl eher die Bedingungen des Lernprozesses einschließlich einer ebenfalls bewußt gestalteten und konsequent gehandhabten Kommunikation und Interaktion beim Üben selbst.

Sport wirkt positiv.

Ich kann mir vorstellen, daß diese Schlußfolgerung den Fernost-Romantikern nicht gefällt und möchte zwecks weiterer Ernüchterung hinzufügen, daß wissenschaftlich inzwischen recht gut belegt ist, daß körperliche Aktivitäten - Sporttreiben im weitesten Sinne - sich positiv auf den Menschen auswirken. Verschiedene Untersuchungen haben belegt, daß Sporttreibende sich nach ihrem Training besser fühlen und energiegeladener sind. Allerdings haben die Kursinhalte nur wenig mit den jeweiligen Veränderungen zu tun. Dies wurden bei den unterschiedlichsten Angeboten in gleichem Maße festgestellt. Stark rhythmische oder konzentrativ komplexe Übungen verändern vermutlich am ehesten die Befindlichkeit. Psychische Veränderungen treten erst bei ausreichender Belastung auf.

Wer die Filme der “Karate-Kid”- Serie gesehen hat, kann in ihnen die Erscheinungsbilder - in diesem Fall am Beispiel Karate - zwar klischeehaft, aber doch nicht unzutreffend wiederfinden. Da ist der “Sensei” im kommerziellen Studio, der militant und menschenverachtend seine Auffassung vom Umgang mit Ängsten und Kampf einer nicht geringen Schülerschaft anbietet. Diese kuscht nur widerwillig vor ihm, folgt andererseits doch gläubig, sie lebt ihre Gruppenidentität und bleibt doch fragwürdig. Und auf der anderen Seite der höchst bescheidene, fast widerwillig, aber dann doch hoch sensibel, trickreich und individuell unterrichtende Miyagi-San als Mentor des Titel-Helden. Alle geben vor, auf dem Weg zu sein, aber das “Wie” macht die Unterschiede und entscheidet über Qualität und Richtung der Veränderung beim Lernen auf einem “Weg”.

Der Autor

Feliks F. Hoff, Jahrgang 1945, übt Budo-Disziplinen seit 1964. Er ist Danträger in Judo, Kendo, Iaido und Kyudo und Begründer des Kyudo in Deutschland. Zur Zeit ist er Kyudo-Bundestrainer. Hoff ist Autor der Bücher “Kyudo-Lehrbuch” und “Iaido”. Von ihm stammen zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Budo

Bildunterschrift

Bild 1: Erfolgreiches Projekt

Judo in der Schule - Training und nicht Therapie. So hat der Pädagoge Feliks Hoff ein von ihm drei Jahre lang begleitetes Projekt verstanden. Nach der Teilnahme seien die verhaltensgestörten Kinder wieder zur Gemeinschaft fähig gewesen

Photo: Archiv Argus

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