Streitkultur im  
 Jugendsport

Kämpfen, streiten, ringen und raufen - Streitkultur im Jugendsport

Ein Beitrag von Ralf Pöhler, Vizepräsident des Deutschen Judo-Bundes e.V. im Rahmen der 53. Jugendvollversammlung der Sportjugend Schleswig-Holstein

Kämpfen als soziale Realität von Kindern und Jugendlichen

Die Kampfsportarten rücken unter dem Einfluss der Diskussion um Jugendgewalt verstärkt in den Blick. Und diese öffentliche Diskussion um Gewalt unter und ausgehend von Kindern und Jugendlichen hält an.

Oftmals wird diese beherrscht von der Furcht vor der Gewalt und gar nicht von der tatsächlichen Gewalt. Denn es darf zunächst fragwürdig sein, ob die heutige Jugend wirklich gewalttätiger ist als frühere Generationen. Nach Aussage von ROGGE (Judo-Magazin, 7-8 1999) haben Raufereien und Kämpfe im öffentlichen Bereich den vergangenen Jahren nicht zugenommen. Zugenommen hat jedoch das Übertreten ungeschriebener Gesetze bei solchen Raufereien. Es wird nicht mehr gestoppt, wenn jemand am Boden liegt. Deshalb nimmt die Schwere der Verletzungen bei solchen Kämpfen zu. Kämpfen im öffentlichen Bereich entgleitet in die Gewalttätigkeit.

Erzieher, Lehrer, Therapeuten und Soziologen haben in diesem Zusammenhang den Kampfsport für sich entdeckt, - eine Wieder-Entdeckung der Erwachsenen, denn tatsächlich ist Kampfsport schon mindestens seit den 70er Jahren ein fester Bestandteil der Jugendkultur. Medienwirksame Aufbereitung z.B. des Boxens oder auch schlagkräftige Aussagen von Therapeuten und Soziologen zum Thema Kampfsport taten ein übriges zur derzeitigen Aufwertung von Kampfsport: So forderte ROGGE, Kampfzonen schon in Kindergärten und Grundschulen einzurichten (stern, 43/98, 1999). Verstärkt rückt auch die therapeutische, heilpädagogische Dimension von Kämpfen wieder in das Bewusstsein (u.a. BONFRANCHI). Dass sich etwas in Sachen Kampfsport und öffentlicher Akzeptanz tut ist u.a. an den neuen Lehrplänen im Fach Sport in verschiedenen Bundesländern zu sehen, so z.B. in NRW, wo mit “Ringen und Raufen” das Zweikämpfen gleichberechtigt neben anderen Lern- und Bewegungsfeldern steht.

Gegner und Befürworter von Kampfsportangeboten in der Schule, in der Therapie oder in der allgemeinen Jugendarbeit stehen sich oftmals unversöhnlich gegenüber, selbst dort, wo es um gewaltpräventorische Zielsetzungen geht. Klischees und Angst bestimmen das Bild auf der einen Seite. Hartnäckig hält sich das Bild von prügelnden Kampfmaschinen, geprägt von Action-Filmen und anderen medialen Machwerken, und der Angst davor, dass gewaltbereite Jugendlichen mittels Kampfsport noch zusätzlich aufgerüstet werden. Die vehementen Befürworter auf der anderen Seite sind oftmals Experten ihrer eigenen Sportart und neigen zur Überhöhung der Wirkungen von Kampfsport. Befürwortende Erzieher und Soziologen sehen im Kampfsport ein Mittel der Sozialerziehung, ein Anspruch, der im “normalen” Verein nur unter bestimmten Voraussetzungen eingelöst werden kann.

Eines steht fest: Körperliches Kämpfen ist unter Kindern und Jugendlichen eine soziale Realität. Nicht nur im Kindergarten werden Konflikte aufgrund der noch fehlenden kognitiven Möglichkeiten der Kinder körperlich auszutragen. Auch später im Schulkind- und Jugendalter finden Kämpfe zwischen Gleichaltrigen statt, - auf dem Pausenhof und anderswo. Konflikte unter Kindern und Jugendlichen werden nicht nur verbal ausgetragen, sondern auch mit dem Körper.

Dennoch wurde das Kämpfen als Bestandteil der Jugendkultur in seiner pädagogischen Bedeutung jahrzehntelang vernachlässigt. Mehr noch: Eine leicht gewalthaltige körperliche Streitkultur unter Kindern und Jugendlichen wurde und wird von Lehrern, Erziehern und Eltern allzu schnell unterdrückt, vielleicht aus der Angst heraus, dass jedes körperliche Kämpfen in destruktive Aggression münde (vgl. ROGGE a.a.O.).

Leider findet auch im häuslichen Umfeld “Kämpfen” kaum mehr statt. Dabei wäre hier der Ort, wo Kinder im beschützten Rahmen lernen, sich mit Gleichaltrigen, aber auch mit Erwachsenen, d.h. Eltern zu messen und wichtige Körper- und Sozialisationserfahrungen machen können. Im “Spaßkampf” geht es wie im Kampfsport um Erfahrungen wie Standhalten, Durchhalten, Ertragen von Schmerzen, Aushalten von Nähe usw.. Kämpfen (ob innerhalb oder außerhalb von Kampfsportangeboten) hat für Kinder und Jugendliche eine wesentliche Bedeutung im Hinblick auf ihre Persönlichkeitsentwicklung. Nach RIEDER (1977, in BEUDELS/SANDER, S.26) fördern und fordern Kämpfen und Kampfsportarten eine gesunde jugendliche Ichstärke, Selbstachtung, notwendiges Selbstbewusstsein, geformte Kraft, Durchsetzungsvermögen, reale Selbsteinschätzung.

Pädagogischer Horizont von Kampfsport

“Kämpfen” ist ein Urerleben von Menschen. Ziel von Kampfsportarten ist es, den positiven Kern pädagogisch, d.h. im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung zu kultivieren. Im Kampfsport wird das “Bekämpfen”, “Vernichten” oder “Unterwerfen” in Regeln und Rituale gebettet. Die Erfahrungen, die mit dem Kämpfen verbunden sind, können im Kampfsport gemacht werden, ohne dass es eines wirklichen Kampfes mit seinen oftmals destruktiv-aggressiven Strukturen bedarf.

So schränken die Regeln z.B. die erlaubten Techniken ein. So sind etwa im Judo nur Wurf- und Grifftechniken erlaubt, im Karate nur Schlagtechniken, die zudem vor dem Partner abgestoppt werden müssen. Es werden eindeutige Aufgabesignale vereinbart, etwa durch “Stopp”-Rufen oder Handtuch-Werfen. Es gibt Gewichtsklassen, die eine ungefähre Gleichwertigkeit der Gegner sicherstellen, z.B. beim Boxen oder Ringen. Kämpfen wird außerdem im Kampfsport zum körperlichen Sich-auseinandersetzen unter Ebenbürtigen. So wird u.a. auf einen einigermaßen gleichen Ausbildungsstand vor allem bei bestimmten Schutztechniken geachtet. So gibt es in den Budo-Disziplinen ein Graduierungssystem, es werden Falltechniken zum Schutz der Partner unterrichtet oder es werden Blocktechniken geschult.

Zweikampfsport ist also wie BINHACK konstatiert ein “eingeschränkt ernstkampfähnliches Bewegungsgeschehen” (1998, S.116) – eine kultivierte, “zivilisierte” Form des Kämpfens.

Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung zum Thema Aggression und Gewalt. Immer wieder gibt es das Vorurteil, Kampfsportarten erziehen zur Gewalt, weil sie selbst gewalttätig seien. Um einen Zweikampf zu gewinnen, ist im Kampfsport ein gewisses Maß an Aggressivität notwendig. Sie ist notwendig, um eine Technik ggf. auch gegen den Widerstand eines Gegenübers in Übereinstimmung mit den sportlichen Regeln durchzusetzen. Damit ist Kampfsport aber noch nicht gewalttätig, denn:

  • Kampfsportarten geben sich Regeln nach denen die körperliche Auseinandersetzung stattfindet.
  • Sie setzen Freiwilligkeit bei der körperlichen Auseinandersetzung voraus.
  • Das Kämpfen wird von einem Schiedsrichter/Kampfrichter begleitet.
  • Im allgemeinen herrscht ein Gleichgewicht der Partner.
  • Es gibt die Möglichkeit auszusteigen, bzw. den Kampf jederzeit zu beenden.

Den pädagogischen Kern von Kampfsport und damit die Chance von Kampfsport in der Erziehung und Therapie greift Sigrid HAPP in ihrem Beitrag “Zweikämpfen mit Kontakt” von 1998 auf. Sie nennt dort als pädagogisch zentrale Aspekte des Zweikämpfens das Zugleich von Aufeinander-bezogen-sein und Gegeneinander-gerichtet-sein (HAPP, Sportpädagogik 5/1998, S.16) Was ist damit gemeint? Gleichgültig, ob es sich um Kampfsportarten mit Körperkontakt handelt oder um Distanzkampfsportarten findet zwischen den Kontrahenden eine Art Bewegungsdialog statt. Bewusst wird von ihr, wie schon vorher von JANALIK (1986, S.120), die kommunikative Stärke von Kampfsportangeboten hervorgehoben.

Im Kampfsport wird der “Gegner” durch diese Aufeinander-Bezogenheit zum “Gegenspieler” – “wie in einem Streitgespräch, in dem beide einander ernst nehmen und sich in der jeweiligen Andersartigkeit gegenseitig (an-)erkennen und bestätigen.”, so HAPP (a.a.O.).

Das Zugleich von Gegeneinander und Miteinander, das Kämpfen und Streiten unter Regeln im Wettkampf oder im einfachen Übungsbetrieb spricht die Kinder und Jugendliche auf vielfältige Weise an. Ich nenne im Folgenden nur einige.

Einige Aspekte von Kampfsport mit Kindern und Jugendlichen

Zum “Aufeinander-bezogen-sein”

    In-Kontakt-sein

    Im Kämpfen erfahren Jugendliche Emotionen und körperliche Reaktionen bei sich selbst und bei anderen hautnah, d.h. ohne medialen Filter wie etwa im Actionfilm. Es tut weh wenn man beim Boxen getroffen wird, man leidet mit, wenn man den anderen falsch geworfen hat. Diese Unmittelbarkeit ist bei Kindern und Jugendlichen ein nicht zu unterschätzendes Korrektiv zur überwiegend vermittelten Wirklichkeit, einem Wissen aus zweiter Hand. Zweikämpfen mit Körperkontakt schafft eine krasse Gegenwelt zum medial vermittelten Beziehungsklischée cooler Gleichgültigkeit mit Rambogehabe.

    Sich-Einlassen

    Kämpfen bedeutet körperliche Nähe zulassen. Man riecht den anderen, man fühlt seinen Schweiß, seine Stärke. Auch hier Unmittelbarkeit. Zugleich benötigen Kampfsportler, die erfolgreich sein wollen, Einfühlungsvermögen, d.h. die Fähigkeit, sich in den anderen hineinversetzen zu können, zu fühlen, was er fühlt, sich in seine Rolle zu versetzen, um seinen Reaktionen vorauszusehen.

Kinder und Jugendliche definieren sich stark über ihren Körper. Sie erfahren ihren Körper als ihr Potenzial in einer eigenen jugendlichen Findungsphase (gegen eine durch Erwachsene geprägte und vielfach verunsichernde Lebenswelt). Im Kampfsport-Unterricht werden beiläufig oder auch ausdrücklich Fragen thematisiert, die Kinder und Jugendliche berühren, wie: “Was kann ich leisten?, Wie stark bin ich?”, “Was traue ich mir zu, wie viel Mut habe ich?”, “Kann ich z.B. mein Gleichgewicht halten?”, “Welche Berührungen sind mir oder dem anderen angenehm, welche unangenehm?”. Jugendliche erhalten die Rückmeldung, dass sie etwas leisten können, dass sie sich etwas zutrauen können, d.h. Bestätigung und Positionierung/Abgrenzung gegenüber den anderen und zugleich entwickeln sie im Kampfsport eine neue Offenheit für andere.

Im Kampfsport kommt es zu Körperkontakten außerhalb des familiären oder privaten Bereiches. STRUCK weist auf die Bedeutung einer ausgeglichenen Körperkontaktbilanz bei Kindern und Jugendlichen hin (2001, S.90f.). Wo sie nicht vorhanden ist, neigen Kinder und Jugendliche zur Gewalt gegen sich selbst.

Im Kampfsport können Kinder und Jugendliche überdies ihre Rolle gegenüber Erwachsenen finden und festigen. In kaum einer anderen Sportart erfolgt das Sich-messen mit Erwachsenen so hautnah, wie im Kampfsport. Kinder und Jugendliche suchen die körperliche Auseinandersetzung mit Erwachsenen. Die Frage ist für sie: “Wie weit reiche ich schon an den Lehrer, die Lehrerin heran?”, “Gibt es da auch Schwächen?”, “Wie geht der/die mit ihren Schwächen um?”.

Nicht in allen Kampfsportarten üben Mädchen und Jungen zusammen. Aber dort, wo dies geschieht wie z.B. im Judo, werden wertvolle Erfahrungen im Umgang miteinander, im Hinblick auf Vorurteile usw. gemacht und können, pädagogisch gelenkt, im Unterricht aufgegriffen werden.

Zum Gegeneinander-gerichtet-sein

    Siegen und Unterliegen

    Sieg und Niederlage schaffen klare Verhältnisse. Keiner kann sich bei einer Niederlage verstecken. Auch wenn im Kampfsport wie anderswo Ausflüchte gesucht werden: Ein Herausreden ist nicht möglich. Kämpfen fördert die Herausbildung eines realistischen Selbstbildes. Zugleich ist es unmöglich, bei einem ehrlichen Kampf, die Leistung des Gegners nicht anzuerkennen.

    Direktes Gegeneinander

    Das Gegeneinander reicht vom freundschaftlich-provozierendes Rangeln bis zum heftigen, unerbittlichen Einsatz aller Kräfte. Je heftiger und ernsthafter, je direkter die emotionale Beteiligung am Kampfgeschehen, desto wichtiger ist die strikte Begrenzung durch Rituale, Regeln und Rahmenbedingungen. Der Wettkampfgegner muss sich auf deren Einhaltung 100%ig verlassen können (vgl. BINHACK S.116).

Rituale, wie das Verneigen oder Grüßen vor Beginn und am Ende des Kampfes, verdeutlichen dem Kämpfer, dass es ein Kampf nach vereinbarten Regeln ist, dass das Kämpfen begrenzt ist, um danach wieder auf einer anderen Beziehungsebene miteinander umgehen zu können für die der vorausgegangene Kampf keinerlei Bedeutung hat. Jede Übung im Kampfsport beginnt und endet mit einer Verneigung, d.h. führt noch einmal vor Augen, dass es fair und regel- bzw. absprachegerecht zugehen muss, sollen nicht Leib und Leben in Gefahr geraten.

Körperlich wird im Kampfsport etwas erfahren, was konstitutiv für Streiten allgemein sein sollte. Kinder und Jugendliche erfahren, dass auch im erbittertsten Streiten Regeln gelten, damit der andere nicht verletzt oder gar vernichtet wird. Im übertragenen Sinne: Streiten und Kämpfen darf nicht die Person des anderen treffen oder zerstören wollen. Es muss ein Streit um die Sache bleiben, gerade wenn es wie im Kampfsport um die körperliche Überlegenheit, die körperliche Unterwerfung des anderen geht. Außerdem berechtigt Streiten nicht, den Gegner zu verunglimpfen, herabzuwürdigen usw., denn es geht um die bessere Leistung im ehrlichen Kampf. Und jeder der einmal aktiv gekämpft hat, weiß, dass ein Moment Unachtsamkeit, die Niederlage auch gegen einen schwächeren Gegner bedeutet. Insofern verbietet sich jede Respektlosigkeit und jeder Hochmut.

HAPP weist auf einen weitergehenden Aspekt von Kämpfen hin: “Kämpfer können gemeinsam erfahren, dass ehrliches, direktes Streiten nicht notwendigerweise Beziehung (zer-)stört, sondern ganz im Gegenteil, nicht selten Nähe und Beziehung zu schaffen vermag.” (a.a.O. S.18.) Dies gelingt jedoch nur in einem “ehrlichen Kampf”, d.h. wenn beide Kontrahenden einander zugewandt sind, ohne Hinterlist.

Gerade im Kampfsport, wo das Gegeneinander seinen intensivsten, unvermitteltsten Ausdruck findet, kann etwas erfahren werden, was FUNKE-WIENEKE 1999 auf einem Workshop des Deutschen Judo-Bundes folgendermaßen beschreibt: “... in dieser (tätigen Philosophie) stellt sich die paradoxe Möglichkeit ein, im Widerstreit Fürsorge zu tragen. Das halte ich für die eigentlich menschliche Botschaft eines geregelten Kämpfens ... dass man es versteht, den Widerstreit einzugehen und die Fürsorge zugleich zu gewähren.”

Dies alles erfahren Kinder und Jugendliche nicht durch Appelle an die Vernunft, sondern vielmehr im tätigen Miteinander beim Üben und Wettkämpfen. Es findet im Kampfsport so etwas wie eine Kultivierung des Streitens statt, jedoch non-verbal oder gar vorsprachlich. Viele Regeln und Rituale ergeben sich folgerichtig aus diesem Miteinander, ohne dass es einer langatmigen Erklärung bedarf. So ist zumindest die “Goldene Regel” im Kampfsport schon nach den ersten Stunden für jedermann einsichtig. “Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.” “Ehrliches Streiten” wird nicht durch Gespräche erfahren, sondern durch körperliches Tun, - für Jugendliche ein wohltuender Kontrast zur Schule und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, wo überwiegend argumentiert und diskutiert wird.

Kampfsportarten als Erziehungs- und Wertesysteme

Nun könnte man meinen, allein das Betreiben von Kampfsport wirke erziehend, im Kampfsport entwickelten sich die genannten Erfahrungen quasi von alleine und Kinder und Jugendliche kämen geläutert aus jedem Kampfsporttraining nach Hause. Dem ist nicht so! Was für den Sport im allgemeinen gilt, trifft auf den Kampfsport im besonderen zu: “Sport ist nicht per se präventiv und erziehend.”, stellte PILZ fest (1998, S. 39) und ich möchte ergänzen, Kampfsport rüstet Kinder und Jugendliche auch nicht per se mit vielen guten Eigenschaften aus. Ebenso wenig macht nicht Sport und auch nicht Kampfsport Kinder per se stark, auch wenn der Slogan des DSB (“Kinder stark machen”) dies vermuten lassen könnte. Denn dies alles kann nur unter reflektierter fachlicher und pädagogischer Anleitung gelingen. Kampfsport bedarf m.E. sogar mehr als andere Sportarten einer pädagogisch ausgerichteten, reflektierenden und reflektierten Unterrichtsgestaltung. Wenn dies unterrichtliche Vorhaben aber gelingt, ist die Chance im Kampfsport erzieherisch zu wirken größer als in manch anderer sportlichen Disziplin, ja vielleicht manch anderem sozialtherapeutischem Ansatz.

Augrund dieser Tatsache, dass Kampfsport erziehend wirken kann, es aber dazu eines pädagogischen Unterrichts- und Wettkampfrahmens bedarf, stehen fast alle Kampfsportarten in fundierten pädagogischen Traditionen. Nicht nur, aber vor allem in den asiatischen Kampfsportarten wurden eindeutige pädagogische Leitlinien formuliert und bewusst von den Lehrmeistern des Ostens über den Kanon von zu erlernenden Techniken gestellt. Beispielhaft greife ich auf JIGORO KANO (1860-1938), den Begründer des Judos, und seine Vorstellungen zurück.

Wenn ich KANO richtig verstanden habe, beschreibt er das, was bei der Ausübung von Ju-Do neben dem Erlernen von Technik geschieht folgendermaßen:

  1. Grundlage im Ju-Do ist das körperliche Training und die körperliche Auseinandersetzung. Diese führen zu ...
  2. einem besseren Kennenlernen der eigenen Persönlichkeit und einem besseren Verständnis des anderen. Dies führt zum ...
  3. Verständnis der beiden Grundsätze vom “Besten Einsatz der körperlichen und geistigen Kräfte” und vom “Gegenseitigen Verstehen und Helfen”

KANOS erzieherische Leitlinien, die er bewusst über die zu vermittelnden Techniken stellt lauten:

  1. Durch das Üben den bestmöglichen Nutzen aus seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu ziehen und ...
  2. Durch die stetige Arbeit an der eigenen Persönlichkeit einen Beitrag zum gemeinsamen Wohlergehen zu leisten.

Zentral ist vor allem das Prinzip vom beiderseitigen Nutzen aus dem Übungsprozess, der Chance, dass

  • beide Übungspartner im Übungsprozess miteinander lernen, ihr Können entwickeln und auch
  • zusammen an der Sache wachsen und zwar in Auseinandersetzung mit diesem Partner.

Der “Gegner” wird zum “Gegenspieler”, der mir hilft und dem ich helfe besser zu werden. Kampfsport in diesem Sinne betrieben ist in hohem Maße partnerbezogen, tolerant und integrativ. Jeder bringt sich mit seinen Fähigkeiten ein, wird auch mit diesen Fähigkeiten akzeptiert und wächst in der Auseinandersetzung mit den anderen an der Sache und zwar in seinem eigenen Tempo. Diese Form der individuellen Leistungsentwicklung bedarf jedoch einer pädagogischen Rahmengestaltung von Training und Wettkampf, die in den Händen der Lehrenden und der Vereine liegt.

Fundierte pädagogische Traditionen gibt es nicht nur in den asiatischen Kampfsportarten wie Judo, Karte oder Aikido, sondern auch im Boxen, Ringen und anderen europäischen Disziplinen. Sicherlich auch aufgrund der Erfahrung, dass es natürlich Missbrauch der erlernten Techniken geben kann. Die Möglichkeit des Missbrauchs ist jedoch wesentlich geringer als von den Gegnern von Kampfsportangeboten gemeinhin angenommen wird.

Wer mit einer Kampfsportart beginnt merkt schnell: Es ist ein langwieriger, langjähriger Übungsprozess, bis die Techniken “sitzen”. D.h. das mögliche Ziel, diese Techniken alsbald für die nächste Prügelei oder auch für die Selbstverteidigung einsetzen zu können, rückt zunächst einmal in die Ferne. Üben, üben, üben ist angesagt. TIWALD schreibt dazu: “Es mag sein, dass sich besonders aggressive Menschen dem Kampfsport hinzugezogen fühlen und ihn auch betreiben wollen. Das ist gut so, denn nirgendwo anders wird ihre Aggressivität mehr abgebaut, als in einem ernst betriebenen und gut geleiteten Kampfsport-Training.” (1981, S.34) Und zuvor: “Wer Kampfsport ... ernstlich auch hinsichtlich einer persönlichen Leistungssteigerung betreibt, wird sehr schnell erkennen und auch in der Praxis körperlich spüren, dass sich Wut, Angst und Hass nicht lohnen, ja dass sie sogar die Kampfkraft mindern und man dadurch mehr Schläge einstecken muss. Der Kampfsport ist gerade jener Sport, in dem eine Aggression sofort mehr oder weniger mit eigenem Schmerz oder einer Niederlage bezahlt werden muss. Nichts ist so lehrreich, wie diese Rückkoppelung!” (a.a.O., S.33) Aufgabe im Kampfsporttraining ist es also u.a. solche Rückkopplung “sicht- bzw. spürbar zu machen”.

Eine große Verantwortung für das Gelingen liegt folglich bei den Lehrerinnen und Lehrern im Kampfsport. So erschöpft sich Unterricht eben nicht darin Techniken fachmethodisch korrekt zu vermitteln. Es müssen auch Themen wie Körperlichkeit, Mut, Umgang mit Aggressionen oder Ängsten usw. aufgegriffen und entsprechende, in der Gruppe auftauchende Situationen diskutiert werden.

Kampfsportlehrer/innen sind für Kinder und Jugendliche oftmals echte Idole. Ihr Wort und ihr Handeln sind in manchen Fällen größeres Vorbild als das von Eltern oder anderen Lehrern. Gleichzeitig werden auch die negativen Seiten solcher Idole übernommen. Kinder und Jugendliche stellen sich natürlich die Frage, wie der Kampfsportlehrer, der das kann, was man selbst einmal können möchte (und das zeigen kann, was man im Film gesehen hat), sein Können einsetzt. Insofern kann es dem Kampfsportlehrer nicht gleichgültig sein, was mit dem von ihm vermittelten Wissen anschließend geschieht. Kampfsportlehrer sind Projektionsfläche für die Allmachtsvorstellungen von Jugendlichen. MARQUARDT führt deshalb aus: “ Es geht zumindest in den asiatischen Kampfkünsten nicht nur um Technik und Körperbeherrschung, sondern Reifung und psychisches Wachstum sind ebenso Teil des Systems. Daher kommt dem Meister hier die Aufgabe zu, seine Schüler auch auf diesen Ebenen unterstützten zu wollen und zu können.” (Behindertenpädagogik, 38.Jg. 2/1999) Der Kampfsportlehrer ist Vorbild und Projektionsfläche zugleich.

Es ist also Aufgabe des Kampfsportlehrers einfache, klare Regeln des Miteinander-Kämpfens und Miteinander-Übens, d.h. die gemeinsamen Grundwerte, immer wieder geduldig zu erklären, diese durchzusetzen und vorzuleben. Kampfsporttraining in diesem pädagogischen Sinne ist dann vor allem Beziehungsarbeit. Ich lasse an dieser Stelle einmal offen, inwieweit Kampfsport-Lehrer/innen dafür ausgebildet sind oder dies leisten wollen.

Kampfsportarten als Modelle für eine Streitkultur (auch) von Jugendlichen

In Kampfsportarten können Kinder und Jugendliche lernen, konstruktiv zu streiten. Konstruktiv streiten bedeutet für mich, durch die gemeinsame Auseinandersetzung an der Sache, unter Einhaltung sportlicher Regeln sich mit anderen zu messen und zu verbessern. Konstruktiv streiten bedeutet, dass man die Auseinandersetzung mit einem Gegner als eine Möglichkeit sieht, sich selbst zu überprüfen und der Gegner damit zum notwendigen Gegenspieler wird. Die im Kampfsport gemachten Erfahrungen können als Beispiele für andere Auseinandersetzungen gelten. Kampfsportarten sind deshalb m.E. durchaus Modelle dafür, wie verantwortungsbewusste Auseinandersetzungen geführt werden sollten. Kinder und Jugendliche lernen dieses verantwortungsvolle Gegeneinander im Kampfsport nicht rational und sprachlich, wohl aber in einem umfassenden sinnlichen Bewegungsgeschehen, gefühlsmäßig und emotional.

Entscheidend für das Gelingen einer solchen Kultur des Streitens im Kampfsport ist, dass Ringermatte, Boxring oder Dojo Orte sind, an denen erzieherische Rahmenbedingungen geschaffen werden, d.h.

  • gemeinsame Grundwerte vorgelebt und immer wieder geduldig erklärt werden,
  • einfache Regeln des Miteinander-umgehens von jedermann eingehalten werden,
  • jeder dort als ebenbürtige Person und mit seinen individuellen Fähigkeiten akzeptiert und gefördert wird und
  • Kämpfen ehrlich, d.h. unter Einhaltung der Regeln, gerecht und ohne Hintergedanken geschieht.

Die Realisierung dieser Rahmenbedingungen ist keine Selbstverständlichkeit. Und Kampfsportler tun gut daran, sich selbst immer wieder zu überprüfen, inwieweit dies in ihrem Umkreis gelingt.

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