Warum eine Pädagogik-Diskussion?

Warum wir eine Pädagogik-Diskussion im Judo brauchen – Standpunkte zum Üben, Erziehen, Helfen und Vermitteln im Judo
Ralf Pöhler, 1999

Fast stereotyp wiederholen sich die Hinweise auf den Wert von Judo für die Erziehung, für die Persönlichkeitsentwicklung in Fachartikeln, Lehrbüchern und Diplomarbeiten. Immerzu wird die Bedeutung von Judo für das “Leben” hervorgehoben; wer Judo übt, hat auch etwas davon außerhalb der Judo-Matte. Was ist dran an diesen Aussagen?

Gerade von außen erhält Judo in jüngster Zeit öffentlich Zuspruch, von Therapeuten und Erziehern (vgl. u.a. ROGGE). Judo, so scheint es, hat sowohl für den Elementarbereich bis 7 Jahre als auch in der Schulzeit ein erhebliches erzieherisches Potential, bietet pädagogische Chancen, die von Fachleuten in anderen Bewegungsangeboten nicht oder nur im Ansatz gesehen werden. Judo wird in Beziehung zur Therapie von Verhaltensauffälligkeiten und Wahrnehmungsstörungen gebracht, Judo wird als Gesundheitssport für Kinder mit mangelnden Bewegungserfahrungen empfohlen Judo wird in Bezug auf Gewalt bei Kindern und Jugendlichen und in den Schulen diskutiert.

Von Judo-Vereinen und Judo-Verantwortlichen wird erwartet, daß sie fachkundig und fundiert auf die Fragen von Eltern antworten, deren Kinder von Kinderärzten und –psychologen zum Judo geschickt wurden. Hier fehlt es an Anworten, was Judo ehrlicherweise zur Wahrnehmungsförderung beitragen kann und was nicht, was Judo in der sozialen Erziehung leisten kann und was nicht. Gleichzeitig sehen sich die Judo-Verantwortlichen aber auch mit der Tatsache konfrontiert, daß Judo immer weniger Jugendliche und Erwachsene bindet. Der Anteil älterer Jugendlicher und Erwachsenen immer kleiner wird. Es mangelt an ÜbungsleiterInnen und BetreuerInnen. Judo wird immer weniger als “Lebensweg” angesehen. Judo ringt ebenso wie andere Sportarten mit dem “Bewegungs-Hopping”. Die Frage ist, was Judo dem entgegenzusetzen hat, was den Wert als Lifetime-Sportart ausmacht, wodurch und wie die vielbeschworene Persönlichkeitsentwicklung stattfindet.

Antworten auf diese aktuellen Entwicklungen und Fragen gibt es wenige. Dies verwundert nicht, ist doch innerhalb der Judo-Gemeinschaft die Diskussion um Erziehung durch Judo und im Judounterricht in den Diskussionsansätzen der 70er Jahre (HOFFMANN, KESSLER, KLOCKE, BONFRACHNI, HAPP) steckengeblieben und kaum weiter geführt worden, zumindest nicht öffentlich.

Die Fragen, welches denn das pädagogische Potential von Judo ist, was Judounterricht ehrlicherweise zur Erziehung beitragen kann, wodurch und wie Persönlichkeitsentwicklung im Judo stattfindet, sind nach wie vor offen. Sicherlich kann der Workshop keine abschließenden Antworten auf diese Fragen geben. Wichtig ist es mir aber, zunächst Erziehungsfragen überhaupt wieder zu einem Diskussionsthema innerhalb der Judo-Gemeinschaft zu machen.

Diese Feststellung sollte doch verwundern bei all den "Vorschußlorbeeren" für Judo in Sachen Erziehungspotential und Persönlichkeitsentwicklung von außen, aber bereits 1987 stellte FUNKE in der Zeitschrift “Sportpädagogik” in Bezug auf das Ringen fest: “Noch in den Schriften der 50er Jahre konnte man neben technischen und trainingstheoretischen Anleitungen durchaus auch Hinweise auf die Moral des Kämpfers finden.” und weiter “Wenn man hingegen das Buch des Autorenkollektivs 1980 aus der DDR liest, wird man zwar auf alle erdenkliche Weise über trainingstheoretische und technische Einzelheiten des Ringes aufgeklärt, aber eine solche moralische Erziehung ist völlig aus dem Blick gekommen. das einzige, was hier noch erzogen werden soll, ist eine hohe Trainingsmoral, die ihrerseits begründet wird mit dem anzustrebenden Erfolg im Wettkampf. Hier ist also durchaus ein Verlust an pädagogischem Gehalt zu konstatieren.” (S.18)

Gleiches gilt für Judo. Ein nicht unerheblicher Teil der Beiträge im Monatsmagazin "Judo - Kampfsport und waffenlose Selbstverteidigung", dem Vorläufer des DJB-Fachorgans um 1951/52, also zur Gründungszeit des nationalen Judo-Verbandes, beschäftigten sich mit Fragen der Trainingshaltung, der Grundsätze des Judos nach Kano, des Verhaltens der Judoka untereinander. Hier einige Titel: "Der Kampf des Judokas für die Schaffung einer Kultur", "Der Sinn von Jiu-Jitsu und Judo", "Judo-Geist", "Für Dich, lieber Anfänger", "Japanisches und deutsches Judo", "Judo und Zen". Diese und viele andere stehen neben Anleitungen zum richtigen Fallen, Übergängen vom Stand in die Bodenlage, Bodentechniken, der Beschreibung der Techniken der Go-Kyo.

Gleichzeitig tritt aber auch das Bestreben immer mehr in den Vordergrund, daß Judo als olympische Sportart Anerkennung finden soll. Es wird eine schleichende Entwicklung eingeleitet, die das Phänomen Judo eine aus meiner Sicht ungerechtfertigten Reduzierung unterzieht. Es setzt das ein, was Kritiker vielfach “Versportlichung” nennen.

Der Präsident der Europäischen Judo Union, Dr. Aldo Torti, wird 1952 anläßlich eines Kongresses in Zürich unter der Überschrift “Judo – Sport oder Philosophie?” wie folgt zitiert:

“Es gibt, meine Herren Kongressisten, noch eine schwierige Aufgabe, die Sie zu lösen versuchen sollen, da von dieser Lösung das Leben des Verbandes abhängen wird. Schon im vorigen Dezember (1951; R.P.) habe ich in Rom über diese Angelegenheit mit der japanischen Delegation gesprochen und auch Prof. Kano (Risei KANO; R.P.) persönlich geschrieben.

Es handelt sich um die Frage: Ist Judo ein Sport? Zu dieser Anfrage gab mir damals in Rom die japanische Delegation eine ausweichende Antwort. Sie sagte nur, daß gemäß den schriftliche und mündlich übertragenen Überlieferungen des Schöpfers des Judo, Prof. Kano (Jigoro KANO; R.P.), Judo “auch ein Sport” ist. Es ist klar, daß diese Antwort nicht befriedigend ist, und so will ich mich dazu näher erklären.

Warum und zu welchem Zweck wurde ursprünglich eine europäische Vereinigung des Judo geschaffen, und warum und zu welchem Zweck hat sich die Vereinigung in einen internationalen Verband verwandelt, warum hat dieser Verband um die Anerkennung im Internationalen Olympischen Komitee gebeten, und warum endlich wünscht er, daß Judo in das Olympische Programm herein genommen wird?

Grund und Zweck sind einfach und klar: Weil Judo im Geiste der Schöpfer der Vereinigung, vor allem und über alles ein Sport ist. Es folgt daraus, daß er, wie dies in der westlichen Fassung verstanden wird – alle Regeln und Bräuche des Sportes haben muß. Ist dagegen Judo “auch” ein Sport, wie mir die japanischen Meister erklärt haben, so fällt jeder Anspruch, sowohl zu einer Vereinigung, als zu einem Anschluß im Internationalen Olympischen Komitee oder noch mehr die Aufnahme des Judo in das Programm der Olympischen Spiele weg. – Wir alle wissen, was der Kodokan ist, wir wissen, von welchen eigentümlichen Fassungen des Lebens, der Moral, des Mystizismus und der Religion die Japaner beseelt sind. Aber das sind Sachen, die nur sehr wenig die Ausüber des Judo interessieren, sofern sie nicht Japaner sind. Die ersten sehen also die ursprüngliche Idee und die Entwicklungen nicht anders als einen Sport.”

Es gibt zu diesem Zitat vieles zu sagen. In diesem Zitat drückt sich eine Haltung aus, die m. E. noch heute vielfach die Judo-Organisationen beseelt und nicht wenig Einfluß auf die Entwicklung, die Inhalte und die Vermittlung von Judo hatte und hat.

Sport ist immer auch ein Teil der Kultur. Auch Judo ist zunächst eine kulturelle Bewegungsform. Jigoro KANO, Begründer des KODOKAN-Judo, war sicherlich nicht unwesentlich von verschiedensten westlichen Ideen seiner Zeit beeinflußt. Dennoch ist er zugleich Japaner und mit der Kultur Japans auf das beste vertraut. Weil Judo aus einem anderen Kulturkreis kommt, ist selbstverständlich zu fragen, ob wir, die Westeuropäer, Judo als kulturelle Bewegungsform wirklich verstehen können. Dies kann m.E. nur unvollständig bzw. missverstanden, vielleicht sogar sinnentleert geschehen. Ausgehend von diesem kulturellen Missverstehen ranken sich um Judo und seine vermeintliche Nähe zum Zen-Buddhismus, die sagenhaftesten Geschichten. Der “Judo-Geist” wehte Anfang der 50er Jahre in vielen Vereinen besonders stark und es ist nicht verwunderlich, wenn vielerorts damit Schluß gemacht und gleichzeitig das sportliche Judo in den Mittelpunkt gerückt werden sollte. Deshalb ist es sicherlich richtig, wenn in Westeuropa ein eigener Zugang zum Judo gesucht wird, eine eigene “Sinn”-Bildung von Judo einsetzt.

Dennoch ist die Polarisierung des Phänomens Judo als Sport oder Philosophie ungerechtfertigt und polemisch. KANO war Erzieher, Pädagoge. Er hat Handlungsgrundsätze formuliert, von denen er meinte, daß sie durch sein KODOKAN-Judo, durch die körperliche Auseinandersetzung, vermittelbar seien. Über das körperliches Training im Judo-Unterricht sollen bestimmte Erfahrungen gemacht werden können, die nachhaltig die persönliche Haltung beeinflussen. KANO selbst hat die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, zu den von ihm formulierten Grundsätzen auch aufgrund philosophischer Reflexion zu gelangen. Er selbst ist diesen Weg jedoch bewußt nicht gegangen. Judo ist vor allem reflektierte Bewegungserfahrung, aber nicht Philosophie.

Dr.Aldo Torti, als Präsident der EJU, läßt 1952 kein anderes Verständnis des Phänomens Judo zu als das westlich sportliche. Judo hat sich sportlichen Regeln und Bräuchen unterzuordnen. Judo wird allein aus der Perspektive des westlichen Sportverständnisses heraus betrachtet. Dieses Verständnis von Judo dominiert in den meisten Vereinen und Verbänden noch heute. “Judo ist eine moderne olympische Sportart”. So ist es nicht verwunderlich, wenn es innerhalb des organisierten Judo-Sports in den Folgejahren kein Versuch eines adäquaten kulturell-historisches Verständnisses von Judo gemacht wurde. Auch das Lernen voneinander z.B. in der konstruktiven Auseinandersetzung mit Judo als Budo-Kunst und westlichem Sportverständnis fand hier nicht statt. Diese kritische Auseinandersetzung fand und findet außerhalb des organisierten Judo-Sportes statt, an Hochschulen und unter Fachleuten, die innerhalb der Verbände kaum Einfluß hatten bzw. haben.

Noch einmal: Es gibt zu diesem Zitat vieles zu sagen. Am wichtigsten erscheint mir jedoch die Antwort der japanischen Delegation: “Judo ist auch Sport." Und wir können umgekehrt ergänzen: "Judo ist nicht nur Sport."

Was bedeutet es, Judo als Sport zu betrachten? Sport im westlichen Verständnis stellt einen “eingegrenzten Weg” dar (WEINBERG, 1998) geprägt durch einen bestimmten Leistungsbegriff und ein bestimmtes Menschenbild. Sport wird dominiert durch das "Höher, schneller, weiter". Sport orientiert sich deshalb an der meßbaren Leistung, an der Höchstleistung. Sport ist vor allem das Sich-messen mit anderen. Der Körper erscheint als Instrument, mit dem diese Leistung erreicht werden soll. Leistung ist planbar. Trainingswissenschaften und Fitness-Programme "behandeln" den Menschen. Der Mensch wird in diesem Sportverständnis beschränkt auf den Faktor "Mensch", der der absoluten Leistung im Wege steht; der Mensch wird im Gesundheitsport auf den Risikofaktor beschränkt. Das System Sport, der sogenannte "Leistungssport", fördert nur diejenigen, die ihre Leistung im Griff haben (“Erfolgssport”). Gefördert werden diejenigen, die die meisten Erfolge produzieren. Trainings- und Vereins-/Verbandsarbeit orientiert sich an den notwendigen Komponenten für diese Erfolge. Wer keine Leistung bringt, zählt nicht, höchstens als zahlendes Mitglied. Weniger Begabte werden nicht ernst genommen. Pädagogik reduziert sich in diesem Umfeld auf Fachmethodik, Trainingsplanung und das Herstellen einer hohen Trainingsmoral und damit auf ein möglichst reibungsloses Erreichen des Zieles.

Auch Judo-Sport entzieht sich diesem zugegebenermaßen extrem dargestelltem Sportverständnis nicht. Judo ist im Bewußtsein der Sport-Offiziellen von Vereins- bis Bundesebene vor allem Wettkampfsport. Judo ist damit zu einem eindimensionalen Weg geworden (PÖHLER, 1998). Besser ist es vielleicht, wie HAPP es vorschlägt, einsinnig zu sagen. Viele andere Sinn-Dimensionen werden dem Phänomen Judo durch die Versportlichung entzogen.

Ich meine damit keinesfalls, daß es schlecht ist, Judo eine Zeit lang, sogar für einen nicht unwesentlichen Zeitraum der persönlichen Judo-Entwicklung, als Wettkampfsport zu betreiben. Judo-Treiben erschöpft sich aber eben nur für einen gewissen Zeitraum darin! Judo ist nur für wenige Altersgruppen als Wettkampfsport geeignet. Nicht für die 5- und 6-Jährigen, nicht für die Schulkinder bis 11 Jahre; hier geht es um die Förderung der motorischen Entwicklung, um technische Grundlagen und um soziales Lernen. Aber auch um den Wettkampfsport für die Jugendlichen bis 14 entbrennt gerade wieder eine lebhafte Diskussion um das Für und Wider und vor allem um das Wie. Besonders aus medizinischer Sicht ist hier der Judo-Wettkampfsport nicht unproblematisch. Wettkampfsport wird aber auch von den über 35-Jährigen kaum mehr betrieben.

Judo als Wettkampfsport zu betreiben, ist in Ordnung; Judo nur als Wettkampfsport zu verstehen ist nicht angemessen. Um es ganz deutlich zu sagen: Es geht mir keinesfalls um eine Verdammung des Judo-Leistungs- und Wettkampfsportes, sondern einzig und allein um dessen Relativierung. Opa Schutte, einer der europäischen Judo-Pioniere, formulierte es einmal so: "Wettkampf-Judo ist nur ein Stück, wenn auch ein gut schmeckendes Stück, der Orange Judo."

Judo zu betreiben, kann in verschiedenen Altersgruppen unterschiedlichen Sinn haben. Judo hat seinen

  • Sinn als Therapie für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen, seinen
  • Sinn in der sozialen Erziehung, seinen
  • Sinn als Fitnesstraining, seinen
  • Sinn als Selbstverteidigung oder Technikstudium.

Die Eingrenzung von Judo auf Sport, d.h. die ständige Bezugnahme in Unterricht und Organisation auf Wettkampfsport, birgt vor allem die Gefahr der Einschränkung auf einen bestimmten Leistungsbegriff und ein bestimmtes Menschenbild. Doch Sinnperspektiven ändern sich im Laufe der persönlichen Entwicklung. Judovereine und ÜbungsleiterInnen müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, daß Judo-Üben unter verschiedenen Sinnperspektiven möglich ist. Die wesentlichen Erfahrungen von Judo lassen sich auch außerhalb eines organisierten Wettkampfsportbetriebes machen. So ist sicherlich RANDORI ein unverzichtbarer Bestandteil von Judo, nicht jedoch der organisierte Wettkampf selbst.

Ich sage bewußt nicht, Judo sei mehr als ein Sport! Ein “Mehr-als-Sport” deutet etwas Höherwertiges an. Wer behauptet, Judo sei mehr als Sport, sagt damit oftmals auch, Judo sei etwas Besonderes, möchte zugleich sich selbst über andere erheben, denen dann das wahre Verständnis der Sache nicht zugestanden wird. Judo wird zum Mittel der Gurus und Weltverbesserer. Doch dieses Höherwertige muß man ehrlicherweise dann auch benennen können, wie HOFF fordert (1998). Hier aber gibt es kaum vernünftige Antworten.

In der Suche nach einem “Mehr-als-Sport” drückt sich m.E. jedoch weniger ein Wichtigtun aus als vielmehr ein gewissen "Unwohlsein" mit dem Bestehenden oder der aktuellen Entwicklung von Judo. Für dieses versucht man Worte zu finden. Vier Gründe möchte ich im folgenden skizzieren:

1. Der westlich geprägte Leistungsbegriff paßt nur bedingt auf Judo. Judo ist eine kämpferische Auseinandersetzung. In ihr ist das bestimmende Elemente der unmittelbare Partnereinfluß. Im Judo haben wir es mit variablen Situationen zu tun. Judo läßt sich nicht allein dem höher, schneller weiter unterordnen. An der Auseinandersetzung ist die ganze Person beteiligt mit all ihren Gefühlen, Ängsten, Aggressionen. TIWALD stellt deshalb fest, das in fast allen Kampfkünsten das Wahrnehmungsproblem in den Vordergrund des sportlichen Interesses rückt. (1995,1).

2. Das persönliche Judo-Erleben stimmt nicht mit dem offiziell geprägten Bild von Judo als Wettkampfsport überein. Insbesondere ältere Judo-“Begeisterte” (vgl. BINHACK/KARAMITSOS 2.1993) fühlen, daß das “sportliche” Menschenbild allein nicht für den Judoka paßt. Es geht wohl auch um Leistung und Fitness. Doch sind andere Faktoren wichtiger. Dies sind vor allem körperliche Auseinandersetzung und der Kontakt zu anderen Menschen. Wichtiger als der Erfolg ist, daß die Auseinandersetzung “geglückt” ist, d.h. fair unter Einhaltung der Regeln eine Auseinandersetzung stattfand und man sich “spielerisch” verständigte.

3. Pädagogik reduziert sich im Judo-Sport vor allem auf Fachmethodik. Pädagogische Verantwortung reduziert sich auf die Frage, ob eine Übungsstunde nach sportwissenschaftlichen Kriterien beurteilt sinnvoll aufgebaut wurde und ob eine Technik in einem bestimmten Alter im Wettkampf angewendet werden darf oder nicht. Pädagogische Fragestellungen sind vor allem solche der systematischen Heranführung und des systematischen Fortschreitens in der technischen Entwicklung. Die Beiträge vermitteln den Eindruck, es gehe vor allem um das Bestehen der nächsten Gürtelprüfungen. Kaum jemand stellte aber bisher Fragen etwa

  • nach den Erfahrungen, die durch Judo gemacht werden können (was für Judo als Therapie oder Judo als Behindertensport relevant wäre),
  • nach der heutigen Bedeutung der Erziehungsziele KANOs,
  • nach dem sozialen Lernen durch Judo (was für den Schulsport relevant wäre) oder
  • nach dem Menschenbild das wir in die Judo-Erziehung einbringen und das wir vermitteln möchten.

Es ist somit nicht weiter verwunderlich, wenn sich die Judo-Verbände und –vereine schwertun mit Stellungnahmen zu allgemein gesellschaftlichen Themen, die mit Judo von Außenstehenden in Verbindung gebracht werden. Von einer Sportart, in der Gewalt Bestandteil des Sports selbst ist, vermutet man Antworten auf Erziehungsfragen, auf Charakterbildung. Ich nenne nur einige Themenbereiche:

  • Gewalt gegen und zwischen Kinder/n und Jugendliche/n
  • Geschlechtsspezifische Erziehung von Mädchen und Jungen
  • Umgang mit eigenen und fremden Aggressionen und Konfliktlösungen
  • Selbstbehauptung und Selbstverteidigung

4. Die wettkampfsportliche Entwicklung zwingt auch die untersten Bereiche in ein internationalisiertes kompliziertes Regelwerk und weitgehend standardisierte Organisationsformen. Als Beispiele für die negativen Auswirkungen nenne ich an dieser Stelle nur die Regelinterpretationen im Bodenkampf, die aus meiner Sicht bald den Bodenkampf kaputt machen werden, und zum anderen die Turnierlänge bei Veranstaltungen mit Kindern, wenn man die Rahmenbedingungen so beläßt, wie sie bei Erwachsenen-Veranstaltungen vorgeschrieben sind. Nur schwer ist hier ein Umdenken zu erzielen. Judo-Organisationen und -Organisatoren müssen erst wieder lernen z.B. aus Sicht der Kinder zu argumentieren und weniger aus Sicht der Judo-Fachleute. Pädagogische Überlegungen zwingen vielleicht dazu, internationale Entwicklungen vom Judo-Sport bestimmter Alters- und Niveauklassen abzukoppeln. Hier sind die Pädagogen im Judo aufgefordert, Positionen zu formulieren und der DJB und seine Landesverbände, diese in der Organisation des Judo-Sportes umzusetzen. Nur so können wir eine immer stärkere Polarisierung von Leistungs- und Breitensport, die einhergeht mit “abfälligem” Gerede auf beiden Seiten, verhindern.

Judo - Erziehungssystem und Budo-Kunst

Judo ist auch Sport! – eben gerade nicht nur Sport. Was denn sonst? Ich möchte auf zwei Aspekte eingehen, die über das Sportverständnis hinausgehen:

KANO selbst formulierte: Judo ist ein Erziehungssystem. Ich interpretiere dies so, daß in der Ausübung von Judo notwendigerweise Fragen auftreten, die mich als Judoka zu bestimmten Schlußfolgerungen bewegen werden. KANO formulierte als Ziele seines KODOKAN-Judo: Training des Körpers (Leibeserziehung) und Kultivierung des Geistes. Seine Ziele von Judo-Unterricht gehen damit über die Vermittlung sporttechnischer Fertigkeiten wesentlich hinaus. Er steht mit dieser Formulierung in der Tradition der japanischen Budo-Künste: Judo ist eine Budo-Kunst.

Aber sind nicht auch die Budo-Künste kulturell gebunden? Budo-Künste sind kein Teil der europäischen Kultur, wir Europäer haben keine Budo-Tradition. Wenn wir Judo als Budo-Kunst verstehen wollen, dann sollten wir uns folglich davor hüten, einem vermeintlich autentischen Budo-Gedanken nachzustreben. Dies treibt im Judo, aber auch in anderen Budo-Künsten herrliche Blüten. Zumeist enden Diskussionen dann mit dem Hinweis auf die eine oder andere Autorität im KODOKAN, die diese oder jenes auch so mache. Unabhängig von der historischen und kulturellen Gebundenheit von Budo, gibt es jedoch, wie TIWALD (1995) feststellt einen ahistorischen und akulturellen Kern. “Das Wesentliche des Budo kann sich in jedem bewegungskulturellen Phänomen in jeder Kultur ereignen.” (1995) Die Vereinigung der Japanischen Budo-Verbände formulierte 1983 dieses Budo-Prinzip: “Budo strebt die Einheit von Geist und Technik an.” (in HOFF, 1998) Diese Bedeutung, die ich später noch erläutern werde, meine ich, wenn ich sage, Judo ist eine Budo-Kunst.

Im folgenden möchte ich mein Verständnis des pädagogischen Modells Jigoro KANOs wiedergeben.

  1. Grundlage und Ausgangspunkt der Überlegungen KANOs ist das körperliche Training. Dies bedeutet vor allem die kämpferische Auseinandersetzung, gleichgültig ob im RANDORI oder Wettkampf (SHIAI).
  2. Das körperliche Training in einer Gruppe und die Auseinandersetzung mit einem Partner in RANDORI oder SHIAI bewirkt ein besseres Verständnis der eigenen Persönlichkeit und der Persönlichkeit anderer.
  3. Diese Einsicht wiederum führt zum Verständnis der beiden übergreifenden Handlungsgrundsätze vom “Bestmöglichen, lohnendsten Einsatz der geistigen und körperlichen Kräfte” und vom “Gegenseitigen Verstehen und Helfen”.

Judo ist ein Körperweg, d.h. Judo beginnt als körperliches Training, das Begreifen geht zunächst und vor allem über den Körper. Es gibt die vielfältigsten Körpererfahrungen im Judo zu machen. Wichtig ist vor allem, daß sie mit einem Partner und in der Auseinandersetzung mit einem Partner gemacht werden. Außerdem sind sie vermittelbar (DO = Weg). Aufgabe des Judo-Unterrichtens ist es vor allem diese zu strukturieren und an bestimmten Erziehungszielen auszurichten. Jeder geht den Körperweg soweit, wie er folgen kann und will.

Grundlegendste Erfahrung im Judo ist die direkte körperliche Auseinandersetzung. Sie läßt sich dosieren vom spielerischen “Kämpfchen” bis hin zum offiziellen Wettkampf auf internationalem Niveau. Sie ist quasi der “Kern von Judo” und zwar von der ersten Judostunde an, auf allen Alters- und Könnensstufen. Die körperliche Auseinandersetzung nicht nur im Judokampf, ist eine existenzielle Erfahrung, d.h. sie spricht ein Urerleben des Menschen an. Auch noch im sportlichen Kampf geht es um die Erfahrung und Verarbeitung der eigenen und fremden Emotionen, um das Erleben von Angst, Aggressivität und Selbstvertrauen. Insofern steht immer der Mensch und nicht der “Faktor Mensch” im Judo-Unterricht im Mittelpunkt.

Daneben ergeben sich im Judo-Unterricht vielfältigste Erfahrungsmöglichkeiten, die mit dem Thema Kämpfen zusammenhängen. Dies sind u.a. Gleichgewicht, Fallen, Gewinnen und Verlieren, Sich-Inszenieren, positive Selbstgespräche führen, meinen Körper und den Körper meines Partners kennenlernen, sich anspannen und entspannen können, Aggression und Gewalt erfahren und bewältigen. Judo-Unterricht schafft viele solcher Erfahrungsmöglichkeiten. Sie sind dem Judo-Lernen und Judo-Anwenden immanent. Leider werden sie nicht selten durch die Fachmethodik “übergangen” und nicht oder selten ausdrücklich zum Thema von Judo-Unterricht gemacht (vgl. FUNKE, 1988, “Verlust an pädagogischem Gehalt”).

Im Judo können viele Aspekte von Leiblichkeit entdeckt werden. Hier liegt die pädagogische Chance von Judo von der JANALIK (1998) spricht. Sie ist darin begründet, daß eine leibthematische Betrachtungsweise wie FUNKE-WIENEKE (1995) sie für den Sport vorschlägt im Judo leichter fällt als in mancher anderen Sportart. Der Zulauf, den Budo-Künste unter Kindern und Jugendlichen haben liegt, wenn man FUNKE-WIENEKE folgen will, daran, daß sie motivierender als andere dazu verhelfen, “die relevanten Dimensionen von Leiblichkeit anzusprechen und zu entwickeln” (1995).

Derzeitig hinkt Judo jedoch vor allem im Schulsport anderen Sportarten zumindest in den westlichen Bundesländern hinterher. Den Erfolg, Judo im Wettbewerb “Jugend trainiert für Olympia” zu plazieren, will ich hiermit keinesfalls klein reden. Dennoch lassen sich durch Judo im Schulsport für Kinder und Jugendliche wichtigere Themen aufgreifen. Dies sind u.a. Themen wie Gewalt gegen Kinder, Gewaltprävention an der Schule, Umgehen mit eigenen und fremden Aggressionen.

Sieht man Judo in diesem pädagogischen Kontext der Erfahrung von Leiblichkeit setzt dies erstens voraus, daß relevante Themen und Situationen im Judo-unterricht aufgegriffen werden und gesichert ist, daß diese ohne Angst und “Gesichtsverlust” gemacht werden dürfen. Es geht darum sich auf Gruppen- und Partnerregeln für die Übungsgemeinschaft zu verständigen, diese zu formulieren und sicherzustellen, daß diese von allen anerkannt werden. Dazu gehört verständlicher Weise auch, das Einüben von Umgangs- und Organisationsformen einzuüben, die das Judolernen gefahrlos ermöglichen. Das Judolernen, als das Erwerben geeigneter Techniken für das Kämpfen, ist nur mit einem Partner möglich und fordert ein verantwortungsvolles Verhalten beim Üben. Zumindest ein moralischer Grundsatz ergibt sich im Judo-Üben aus der Sache selbst, die “Goldene Regel” (“Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu.”).

Dies setzt zweitens andere methodische Verfahren voraus als das Vormachen-Nachmachen und das Beurteilen nach “Richtig oder Falsch”. Erfahrungen müssen gesammelt, verglichen und versprachlicht werden. Judo-Techniken sind nicht losgelöste Bewegungsfertigkeiten, sondern immer Lösungen bestimmter Situationen. TIWALD formuliert: “Bewegungen sind Frage-Antworten-Einheiten. Sie sind sinnorientiert. Sie sind intentional gerichtet.” (1995,1) Im Mittelpunkt von Judo-Unterricht steht dann das Nachdenken über die Qualität von Lösungen. Es gilt aus einem Antwortenfeld zweckmäßige, d.h. ökonomische, und unzweckmäßige herauszufinden. Bei diesem Bemühen wird der technischer Grundsatz des Judos entdeckt. Leider ist die neue Ausbildungs- und Prüfungsordnung von 1995 von vielen nur unter dem Aspekt der schnelle Heranführung an den Wettkampfsport gesehen worden. Vielfach wurde übersehen, daß hier der Versuch unternommen wird, Situationen, Wenn-dann-Beziehungen in den Mittelpunkt von Technikschulung zu stellen. Der “Anwendungsbezug” und der Versuch einer möglichst ökonomischen Problemlösung, ob sportlich oder Selbstverteidigungsbezogen, ist jedoch im Budo entscheidend. Das Versäumnis, in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung auf dieses Budo-Denken hinzuweisen, sollte m.E. umgehend ausgeräumt werden.

Sich intensiv einer Sache zu widmen und sich mit ihr auseinandersetzen, ist für KANO die Grundlage für alles folgende. Wichtig ist vor allem in die Tiefe zu gehen und nicht bei verschiedensten Bewegungsangeboten an der Oberfläche verhaftet zu bleiben. Das Wissen weitergeben und andere anzuleiten fördert zunächst das eigene Durchdringen der Sache, steht also zunächst noch unmittelbar im Dienste des Fertigkeitenlernens. Es ist deshalb nur folgerichtigt, wenn man Jugendliche so früh wie möglich anleitet, anderen ihr Judo zu erklären, damit sie sich selbst weiterentwickeln können. Gleichzeitig nimmt man sie damit in die Verantwortung für den Fortschritt der anderen.

Verbunden mit dieser Auseinandersetzung in der Sache ist aber zugleich eine stetige Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Für KANO ist die Selbstwahrnehmung im körperlichen Tun und in der körperlichen Auseinandersetzung Grundlage für Selbsterziehung. Eine verbesserte Selbstwahrnehmung kann zu einer Vervollkommung des eigenen Charakters führen. Ziel der Judo-Ausbildung ist nicht der technisch perfekte Judoka, sondern der Mensch, der sich für eine Sache einsetzt und sich für sie engagiert. Dies kann aufgrund der durch und im Judo geleisteten Reflexion innerhalb der Trainingsgemeinschaft oder außerhalb von Judo geschehen. Die Kyu- und Dan-Grade stellen deshalb nicht nur Stufen einer zunehmenden technischen Vervollkommung dar. Einhergehen soll mit dem zunehmenden technischen Verständnis zugleich eine zunehmende Verantwortungsübernahme innerhalb der Trainings- oder Sozialgemeinschaft. Sicherlich ist dieses In-die-Tiefe-gehen erst ab einem bestimmten Alter möglich; sicherlich brauchen Kinder mehr Lenkung, ältere Jugendliche und Erwachsene mehr Freiräume für eigenes Nachdenken. Dennoch ist erst die Verbindung der “Kultivierung von Charakter und Fähigkeiten” die Grundlage für eine lebenslange Auseinandersetzung mit Judo.

KANO formulierte für sein KODOKAN-Judo einen hohen pädagogischen Anspruch. Seine Ziele kann man folgendermaßen umschreiben:

  1. Durch das Üben den bestmöglichen Nutzen aus seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu ziehen
  2. Durch die stetige Arbeit an der eigenen Persönlichkeit einen Beitrag zum gemeinsamen Wohlergehen leisten.

Sein Sohn, Risei KANO, schreibt dazu: "Ich bin der Ansicht, daß der Zweck, Judo zu erlernen, darin liegt, daß es all die Tugenden in sich vereint, die letzten Endes zu einer Vervollkommnung des eigenen Charakters führt. Ständige Anstrengungen zur Verbesserung des Charakters ist das Wichtigste im Leben. ... Einige von Ihnen mögen mir widersprechen, indem sie sagen, daß Judo, von dem ich sprach, nicht Judo für unsere Gegenwart sei, vielmehr daß es etwas sehr Unterhaltsames und nichts weiter als Sport sein soltle. ... Selbst, wenn sie (die mir widersprechen, R.P.) Judo als einen unterhaltsamen Sport beginnen, bin ich sicher, daß sie seinen wirklichen Wert als eine Vervollkommnung ihrer Persönlichkeit erkennen werden." (Risei KANO, 1951/52)

Festzuhalten ist nach dem bisher Gesagten, daß ein Judo-Lehrer mehr ist als ein “Stundenanleiter”. Der Judo-Lehrer im Sinne KANOs übernimmt die pädagogische Verantwortung für die Erfahrungen und für den Weg der technischen und charakterlichen Vervollkommnung. Vieles hängt demnach im Judo-Unterricht von der Haltung des Judo-Lehrers zum eigenen Tun ab. Für ihn muß es ebenso wichtig sein, Judotechnik zu lehren, wie pädagogische Situationen zu erkennen und zu nutzen. Die Fragen, denen sich der Judo-Lehrer stellen muß sind: Erschöpft sich mein Lehrerbild in der Rolle des Judo-Fachmannes und in der Vermittlerrolle von Judo-Wissen oder geht es darüber hinaus? Welches Bild vom Schüler, Menschenbild, habe ich? Wie gestaltet ich das Lehrer-Schüler-Verhältnis? Neben der Liebe zur Sache, die viele Fachleute in die Lehrerrolle drängt, muß vor allem die Liebe zum Menschen hinzukommen, um einen verantwortungsvollen Judo-Unterricht im Sinne KANOs anzubieten.

Ist das gezeichnete Bild von Judo-Erziehung und Judo-Unterrichten nicht sehr idealisiert und praxisfern? Wichtig ist mir vor allem eines festzuhalten: Wenn der Kern von Judo die direkte körperliche Auseinandersetzung ist, sind die Körper-, Partner- und Gruppen-Erfahrungen nicht aufgesetzt. Die pädagogischen Situationen ergeben sich aus dem Judo-Unterricht selbst und sie ergeben sich auf jeder Leistungsniveau- und Altersstufe. Sie sind real und praxisnah, in der Auseinandersetzung mit Judo-Situationen oder Judo-Unterrichten begründet. Nichts im Judo-Unterricht muß auf irgendeinen Transfer für das Leben außerhalb des Dojo ausgerichtet sein, denn alles ereignet sich im konkreten Umgang miteinander!

Wir brauchen eine Pädagogik-Diskussion im Judo, weil ...

  • eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit KANOs pädagogischen Ideen noch aussteht.
  • der durch den Sport geprägte Leistungsbegriff und das damit verbundene Menschenbild im Judo fragwürdig ist.
  • eine leibthematische Betrachtungsweise von Judo neue Perspektiven im Schulsport und als Lifetime-Sport eröffnet
  • thematische Aspekte, die sich aus dem Judo-Unterricht ergeben, oftmals durch die Fachmethodik “übergangen” werden.
  • über sinnvolle Ausbildungs-Schwerpunkte in verschiedenen Alters- und Niveaugruppen bisher noch zu wenig gesprochen wurde
  • “Gewalt” als Gegenstand von Judo dazu auffordert, sich auch gesellschaftlich als Verein bzw. Verband zu positionieren

Der diesjährige Workshop des DJB wird mit seinen vier Arbeitskreise neue Impulse in der Diskussion dieser Aspekte geben. Auf keine der Fragen oder Problemstellungen wird es abschließende Antworten geben. Erziehungsarbeit bedarf des permanenten Sich-Verständigens, der Kommunikation aller Judo-Verantwortlichen. Deshalb kann die Diskussion um Judo-Unterricht und Erziehungsziele nicht nur unter Judo-Lehrern und Judo-Trainern geführt werden, sondern muß sich auch auf Kampfrichter, Eltern oder Verantwortliche in Schulen und Kindergärten ausdehnen. Ein wesentliches Ziel von Judo-Vereinen und Judo-Verbände sehe ich darin, daß sich diese zukünftig nicht nur als Sportgemeinschaften verstehen, sondern als Wertegemeinschaften, mit Wertvorstellungen, die sich aus dem viel-sinnigen Judo-Treiben herausgebildet haben.

Vereine und Verbände reagieren leider oftmals erst dann auf Veränderungen, wenn der Legitimationsdruck immer stärker wird. Dies können sinkende Mitgliederzahlen aufgrund veränderter Mitgliederinteressen, ausbleibende Erfolge, ausbleibende Finanzmittel für den "Erfolgssport" sein, aber auch Anfeindungen von außen oder fehlende Antworten auf gesellschaftliche Themen die vom Verband erwartet werden. Nach beinahe 50 Jahren DJB-Verbandsgeschichte ist ein Nachdenken über das Selbstverständnis von Vereinen und Verbänden, deren Ziele und den Werte, an denen sich diese Judo-Gemeinschaft orientiert, neu anzugehen. Dazu kann der heutige Workshop ein Auftakt sein.

In meiner Eigenschaft als DJB-Vizepräsident möchte ich abschließen mit dem modifizierten Zitat meines Funktionärskollegen Dr.Aldo Torti: "Es gibt, meine Damen und Herren Kongressisten, noch eine schwierige Aufgabe, die Sie zu lösen versuchen sollen, da von dieser Lösung das Leben der Judo-Vereine und -verbände abhängen wird. Es handelt sich um die Frage: Ist Judo nur ein Sport?"

Literaturhinweise

Binhack, Axel u. Karamitsos, Efthimios "Karate-Do - Philosophie in der Bewegung", Wiesbaden, 2.1993

Funke, Jürgen "Ringen und Raufen" in sportpädagogik, 1988, Heft 4

Funke-Wieneke, Jürgen "Sportpädagogik heute: Ansatz, Lehre, Forschung (unter besonderer Berücksichtigung des Schulsports)", in "Bewegungskultur als Gegenstand der Sportwissenschaft", Uni Hamburg, 1995

Happ, Sigrid "Judo und Persönlichkeit", Ahrensburg, 1983

Happ, Sigrid "Zweikämpfen mit Kontakt" in sportpädagogik, 1998, Heft 5

Hoff, Feliks F. "Über den Sinn des Budo und Bushido in der heutigen Zeit" in "Budo in heutiger Zeit", Hrsg. Matthias v.Saldern, Lüneburg, 1999, darin die Übersetzung der Budo-Charta

Janalik, Heinz "Ju-Do - Ein Weg zum rücksichtsvollen Umgang mit sich und anderen" in "Handbuch für Kinder- und Jugendarbeit im Sport", Hrsg. Renate Zimmer, Aachen, 1998

Kano, Risei "Kodokan-Judo: Grundsätze und Ziele" in "Judo - Kampfsport und waffenlose Selbstveteidigung", Übersetzung Edgar Schäfer, Schriftleitung Alfred Glucker, Schorndorf, 1952/53

Kano, Risei "Die Zukunft es Judo" in "Judo - Kampfsport und waffenlose Selbstveteidigung", Übersetzung Edgar Schäfer, Schriftleitung Alfred Glucker, Schorndorf, 1952/53

Rogge, Jan-Uwe "Rangelzone Matte" in Judo-Magazin, 1999 Heft 7/8

Tiwald, Horst "Theorie der Leistungs-Felder - Achtsamkeit und Bewegen-lernen" in "Bewegungskultur als Gegenstand der Sportwissenschaft", Uni Hamburg, 1995

Tiwald, Horst "Das Budo-Prinzip im Dilemma zwischen Bewegungs-Kultur und humaner Bewegungs-Natur" in "Bewegungskultur als Gegenstand der Sportwissenschaft", Uni Hamburg, 1995

Torti, Aldo "Judo - Sport oder Philosophie?" in "Judo - Kampfsport und waffenlose Selbstveteidigung", Übersetzung Edgar Schäfer, Schriftleitung Alfred Glucker, Schorndorf, 1952/53

Weinberg, Peter "Der weglose WEG", Uni Hamburg, 1998

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