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Thema Gewaltprävention - Verantwortung und Chance für den organisierten Judosport Der heutige Workshop steht in einer Reihe pädagogischer Projekte des Deutschen Judo-Bundes. Den Auftakt machte 1999 der Workshop zum Thema “Judo und Pädagogik” in
Bad Blankenburg. Das Ziel dieser unter meiner Leitung stehender Bemühungen ist es, Judo aus seiner einperspektivischen Sichtweise als einer reinen Wettkampfsportart herauszunehmen und die pädagogischen Intentionen des Ju-Do wieder
ins Gespräch zu bringen. – Mit beachtlichem Erfolg, wie die Resonanz auf den Workshop zeigte. Gewalt und deren Prävention, vor allem Jugendgewalt, wird z.Zt. heftig diskutiert - in den Medien, in den Schulen und auch im Sport. Es
vergeht kaum ein Tag, wo nicht über jugendliche Randalierer berichtet wird, wo Präventionsprojekte oder Schul- bzw. Sportaktionen zum Thema Gewaltprävention vorgestellt werden. Inzwischen gibt es zahlreiche Formen der
Selbstbehauptungskurse, Sicherheitstrainings für Schüler, Streitschlichter-Ausbildungen usw.. In den seltensten Fällen sind die Judo-Vereine direkt in solche Maßnahmen integriert. Obwohl sicherlich die “Judo-Fraktion” einiges zum
Thema zu sagen hat. Die Diskussion um das Thema Gewaltprävention wird - wie ich auch schon in Bezug auf andere pädagogische Überlegungen 1999 festgehalten habe - nicht auf Initiative der Judoka und mit den Judoka geführt, sondern
von externen Pädagogen und anderen Fachleuten über Judo. Der organisierte Judosport hat aber eine Verantwortung, sich beim Thema “Gewaltprävention” in die aktuelle Diskussion einzumischen. Diese Verantwortung erwächst aus drei
Aspekten:
Ziel des heutigen Workshops ist es,
Wichtig ist es zunächst einmal, deutlich zu machen, dass wir nicht über jedwede Gewalt sprechen. Der DJB meint beim heutigen Workshop Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, Gewalt von Erwachsenen gegenüber Kindern, aber auch
Gewalt von Kindern gegenüber Kindern. Auch konzentrierte sich das Augenmerk der Vorbereitungsgruppe auf mögliche Erscheinungsformen von Gewalt im Kontext von Judotraining, -wettkampf und Judo-Verein. Eine Begriffsklärung zu
Beginn tut Not: Was verstehen wir unter “Gewalt”? Gegen was soll eigentlich vorgebeugt werden? Während der Vorbereitung auf diesen Workshop haben wir uns auf eine relativ einfache und handhabbare Formel verständigt: “Gewalt benennt
die Beziehung zwischen einem Täter und einem Opfer.” Gewalt ist dieser Definition nach Ausdruck einer gestörten Beziehung. Ein zentrales Augenmerk unseres Workshops von 1999 aufgreifend haben wir für uns festgehalten:
Gewaltprävention ist unseres Erachtens vor allem Arbeit an Beziehungen. Gewaltprävention ist deshalb auch kein neues Programm im Sport, sondern eine pädagogische Grundhaltung, wie der Deutsche Kinderschutz Bund feststellt. Es
fehlt nicht an vollmundige Schlagworte, die den Sport zum Thema in den Schlagzeilen halten. Da heißt es u.a. “Kinder stark machen!” (ein Slogan des DSB), “Kein Platz für Gewalt!” (gemeint ist der Fußballplatz) oder “Kraft
gegen Gewalt” (eine Aktion des Weißen Rings). Anspruch und Wirklichkeit, d.h. Slogan und konkrete Umsetzung klaffen dabei leider oftmals gähnend weit auseinander, wie viele Festival- und Aktions-Programme zum Thema Gewaltprävention
deutlich machen. Meine Devise lautet deshalb: Bevor sich der DJB in Sachen Gewaltprävention zu Wort meldet, sollten wir innerhalb der Organisation zunächst klären, ob und in wie weit Sport und insbesondere Judo überhaupt
gewaltpräventiv wirken können. Dazu wird uns anschließend Prof. Gunter PILZ seine Ausführungen machen. Hinter den eben zitierten Schlagworten mit denen für Sport im Zusammenhang mit Gewaltprävention geworben wird, stehen einige
m.E. überzeugende Überlegungen:
Doch Vorsicht! “Sport ist nicht per se präventiv und erziehend.”, so stellt PILZ 1998 fest (39). Das gilt uneingeschränkt auch für Judo. Denn die von mir genannten Faktoren geschehen innerhalb der Sportvereine mehr oder weniger
geplant, unter mehr oder weniger reflektierter fachlicher und pädagogischer Anleitung. Viele Übungsleiter/innen und Sportvereine bemühen sich um die “Schaffung eines erziehlichen Milieus”, ein Begriff, den FUNKE-WIENEKE 1999
ausführte. Doch nicht immer gelingt die “Beziehungsarbeit im Sinne von Erziehung”, wie PILZ, 2000, formulierte oder ist überhaupt zentraler Punkt sportlicher Überlegungen.
Was für Schule gilt, kann auch für den Judo-Verein gelten: “Man kann
die Schule zu einem Ort machen, in dem die Entstehung von Konflikten, die Entstehung von Gewalt thematisiert und konstruktiv bearbeitet wird. Aber das setzt eben Lehrer voraus, die so etwas aufgreifen.” (PFEIFFER, 1997) In den
Sportvereine und auch in den Judovereinen finden wir aber nur sehr selten ausgebildete Pädagogen oder gar Sozialarbeiter, die dies überhaupt leisten. Ich habe Verständnis für das Aufstöhnen bei manchen Judo-Übungsleitern/innen, zum
Thema Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen oder zum Thema Gewaltprävention befragt. Übungsleiter/innen sind nicht für die Sozialarbeit ausgebildet. Sportvereine leisten keine Sozialarbeit. Übungsleiter/innen
und Sportvereine können in den Bereichen der Sozialarbeit höchstens unterstützen. Sport und Bewegung sind wichtige Bausteine von Jugendkultur. Neben den Trendsportarten wie Inline-Skaten sind es vor allem die Kampfsportarten, die
Jugendlichen wirklich Spaß machen (statt Tischtennis im Jugendzentrum auf wackeligen Platten). Hier sind sie emotional beteiligt, freiwillig dabei und deshalb sicherlich auch leichter beeinflussbar als bei anderen Aktivitäten.
Aber macht man mit einem Kampfsport-Angebot an Jugendliche, die zur Gewalt neigen, nicht den Bock zum Gärtner? Ich glaube nicht. Zunächst ist mit einem Vorurteil aufzuräumen. Um einen Kampfsport auszuüben ist zwar Aggressivität
notwendig, aber man darf keinesfalls aggressives Verhalten mit Gewalt gleichsetzen. Kampfsportarten an sich sind nicht gewalttätig. Denn
Ein zentrales Thema von Kampfsportarten ist immer wieder das von “Grenzen und Grenzsetzungen”. Kampfsportarten unterstützen das Einhalten von Regeln und Strukturen. Ein weiterer Aspekt: Bei Kindern und Jugendliche mit
Verhaltensauffälligkeiten ist ein besonders ausgeprägtes Bedürfnis nach Omnipotenz und Allmacht zu verspüren. MARQUARDT (1999, 187f.) stellt diese Kluft zwischen “verbetonisierter” Alltagsrealität, Perspektivlosigkeit, dem Gefühl,
nicht verstanden zu sein, und der eigenen Fantasie, erträumter Chancen auf der anderen Seite heraus. Die Überbrückung dieser Kluft ist eine Hauptaufgabe des Kampfsportlehrers. Er stellt fest: “Die Selbstkontrolle ist bei diesen
Jugendlichen stark eingeschränkt und es kommt zu einem massiven Abwehrverhalten gegenüber allem, was nicht unmittelbar integriert werden kann.” Mittels der Kampfsportarten kann es gelingen, potentiellen Tätern mehr Selbstkontrolle
beizubringen, wie es auf der anderen Seite gelingen kann, potentiellen Opfern mehr Selbstvertrauen zu vermitteln. Der/die Kampfsportlehrer/in stellt eine Art Projektionsfläche der Allmachtsvorstellungen wie auch von
Wertlosigkeitsgefühlen dar und ist zugleich Autoritätsperson, emphatisch und einfühlend auf Bedürfnisse seiner/ihrer Schüler eingehend. Die Lehrerrolle im Judo und in anderen Kampfsportarten geht wesentlich über das reine
Strukturieren und Organisieren von Gruppen hinaus. Der/die Kampfsportlehrer/in ist immer zugleich Modell für Kinder und Jugendliche. “Welche Modelle tatsächlich nachgeahmt werden und warum, hängt von dem entsprechenden Modell, vom
Beobachter, von der Beziehung zwischen beiden und den situativen Bedingungen ab.” (POETSCH, 2001) Die Chance von Judo und anderen Kampfsportarten liegt in der emotionalen Beteiligung der Jugendlichen. Da es im Judo und in den
Kampfsportarten allgemein immer auch darum geht, Aggression in Grenzen zu halten, muss ich mir als Judo-Lehrer/in genau überlegen, wie ich mit Konflikten umgehe, wie ich Beziehungen gestalte. Nehme ich als Übungsleiter die Schüler
als Personen wahr, nehme ich sie ernst? Ist mein Unterricht von Wertschätzung des anderen getragen? Wie spreche ich meine Schüler an, befehle ich oder ermutige ich? Ein rüder, nicht selten entwertender, herabsetzender Umgangston
(nicht nur in Hinblick auf Mädchen und Frauen) ist in manchen Kampfsportvereinen leider noch immer gang und gäbe. Ein idealer Nährboden für gewalttätiges Folgehandeln. “Im Mittelpunkt muss immer die Beziehungsarbeit im Sinne von
Erziehung stehen.” so PILZ, 2000. Wo sehe ich konkret die Chancen von Judo?
Soviel zu den Chancen, die ich im Judo in Sachen Gewaltprävention sehe. Trotz des pädagogischen Anspruchs sind aber Judovereine keine Horte der Seligen! Auch hier gibt es Konflikte, Ausgrenzung und Gewalttätigkeiten. Eine
selbstkritische Hinterfragung im Rahmen dieses Workshop-Wochenendes tut Not! Das Engagement in Sachen Gewaltprävention durch Judo-Vereine und den DJB darf von Beginn an kein reiner Slogan sein, sondern muss vor allem zur Reflexion
des pädagogischen Handelns auffordern und auch Selbstzweifel und Kritik einschließen. Mein erster Kritikpunkt: Der pädagogischer Anspruch von Judoka an ihren Sport ist oftmals nur Oberfläche. Schnell ist das Zitat der beiden
Kano’schen Grundsätze “Siegen durch Nachgeben” und “Üben zu beiderseitigen Wohlergehen” gebracht. Diese pädagogischen Grundsätze aber, die auch Grundlage für die Überlegungen von Gewaltprävention durch Judo sein können, mit Leben
zu erfüllen und vorzuleben gelingt nur wenigen Judoka und in wenigen Judo-Gemeinschaften. Es macht sich gut, eine Budo-Philosophie im Hintergrund zu haben. Budo meint eigentlich, den Kampf zu beenden. Aber auch hier stellt sich die
Frage, wo und wie wird diese Philosophie konkret sichtbar? Der Vorsatz allein, der gute Wille allein genügt nicht! Wir dürfen vor einem nicht die Augen verschließen: Es gibt Gewalt, die ihren Ausgangspunkt im Judo selbst hat.
Ich nenne einige Beispiele:
Übungsleiterinnen und Übungsleiter im Judo müssen, wenn sie möchten, dass ihre Arbeit als Beitrag zur Gewaltprävention anerkannt wird, eine Selbstverpflichtung eingehen. Als Judo-Übungsleiter/innen werden wir bestimmte Formen
der Gewalt gegen Kinder nicht verhindern können. Wir können aber vieles ganz konkret in unserem Handeln und vor Ort in unserer Gruppe verändern und bewirken?
Auch der Judo-Verein, die Judo-Gemeinschaft, ist von einer solchen Selbstverpflichtung im Rahmen von aktiver Gewaltprävention nicht ausgenommen. Das Judo-Dojo muss, wenn Judo-Unterricht gewaltpräventorisch wirken soll, einen
Schutzraum darstellen. In diesem Schutzraum gibt es keine mutwilligen Körperverletzungen, keine Beleidigungen, keine Ungleichbehandlungen und keine Sachbeschädigungen. Dieser Schutzraum “Judo-Dojo” muss unbedingt von den
Übungsleiter/innen und Funktionären bewahrt werden, für diesen Schutzraum stehen Erzieher/innen mit ihrer ganzen Person ein. In einem solchen Schutzraum für soziales Lernen können Neuentscheidungen gegen die Gewalt des Alltags
vorbereitet werden. Diese örtliche Judo-Gemeinschaft soll ihre Grundsätze über das Training hinaus tragen. Judo hört nicht nach der Übungsstunde auf, sondern bedeutet auch Verantwortung, Verpflichtung für Kinder und Jugendliche
über das Training hinaus zu übernehmen. Deshalb ist der soziale Rahmen so wichtig, der die Übungsstunden begleitet. Wie ich bereits beim Workshop 1999 forderte, müssen sich Judo-Vereine bewusst sein, dass sie mehr als
Sportgemeinschaften sein können, nämlich Wertegemeinschaften, - zumindest, wenn sie sich dem Kano-Judo verpflichtet fühlen. Das bedeutet, sich einer bestimmten Tradition, beruhend auf den Grundsätzen Kanos verpflichtet fühlen.
Grundgedanken dieser Tradition sind Respekt und Toleranz, Ernsthaftigkeit und Miteinander. Nur mit dieser Selbstverpflichtung der Judo-Vereine macht das Engagement in Sachen Gewaltprävention vor Ort Sinn. Dann können Judo-Vereine
als Partner der Sozialarbeit, der Schulen und der Jugendhilfe auftreten. Ich sehe diese Chance aufgrund der Inhalte und aufgrund des lebendigen Engagements vieler Judoka, denen Judo mehr als Sport bedeutet. Eine abschließende
Bemerkung: Neben der Chance, sich in der Sache Gewaltprävention einzubringen, hat der organisierte Judosport dazu auch eine gesellschaftliche Verpflichtung. Judo-Vereine, genauso wie der DJB, nehmen gerne die Gelder von Kreisen,
Ländern und vom Staat für den Leistungs- und Breitensport, für die Unterstützung der Übungsleiter und für die Nachwuchsarbeit. In einer Zeit, in der durch Gewalt der soziale Konsens zumindest bedroht scheint, muss die Frage erlaubt
sein, was wir als Judo-Gemeinschaften bereit sind zurückzugeben. Judo bietet die Chance zur aktiven Mithilfe in Sachen Gewaltprävention; dann haben wir auch ein Stück weit die Verpflichtung uns zur Stabilisierung des
gesellschaftlichen Konsenses einzubringen. Der DJB selbst möchte dazu Projekte unterstützen, die Judo als Mittel der Gewaltprävention einsetzen, und diese zukünftig miteinander vernetzen. Der DJB regt außerdem an, dass sich
Vereine vor Ort mit Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe und Jugendpflege zusammentun, um gemeinsame Projekte zum Thema Gewaltprävention durchzuführen. Von diesem Workshop-Wochenende geht der Aufruf an alle
Übungsleiter/innen und Funktionäre aus, sich für eine gewaltfreie Erziehung im Judo-Unterricht und Judo-Wettkampf einzusetzen. Der Deutsche Judo-Bund und seine Vereine verpflichten sich, alles zu tun, damit es im organisierten
Judosport keine Gewalt gegen Kinder gibt, - weder von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen, noch von Kindern und Jugendlichen untereinander.
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