Judo und Gesundheitssport

Judo - Gesundheit, Fitness, Wohlbefinden
Beitrag von Ralf Pöhler zum DJB-Workshop 2000

Judo – ein Gesundheitssport?

Zu Beginn eine klare Feststellung: Nein! Judo ist aus meiner Sicht kein Gesundheitssport im klassischen Sinne und wird sich auch in Zukunft nicht als solcher in der Sportlandschaft positionieren können. Das bedeutet aber nicht, dass das Judotreiben keinen gesundheitlichen Wert hat – im Gegenteil! Warum ist m.E. Judo keine klassische Gesundheitssportart?

  1. BÖS u.a. stellen 1998 in einer vom DSB in Auftrag gegebenen Studie fest: “Nicht für alle Sporttreibenden ist der primäre Sinn des Sports, die Gesundheit zu fördern. Sport hat vielfältige Ziele und Nutzen.” Was hier vor allem in Hinblick auf wettkampfzentrierte Sportarten formuliert wurde gilt gleichermaßen für Judo: Die vorrangige Motivation einen Kampfsport auszuüben ist sicherlich nicht, etwas für die Gesundheit tun zu wollen. Die vielfältigen Sinnperspektiven, die Judo bietet wurden bereits beim letzten Workshop in Bad Blankenburg zum Thema “Judo & Pädagogik” thematisiert.
  2. Andere Sportarten, mit weniger speziellen Fertigkeiten, mit weniger komplexen Bewegungen, sind im allgemeinen prädestinierter, als Gesundheitssportarten in der breiten Öffentlichkeit anerkannt zu werden. Hier teilt Judo das Los mit vielen anderen Fachsportarten.

Warum dennoch die Beschäftigung bei diesem Workshop zum Thema “Judo – Gesundheit, Fitness, Wohlbefinden? Ich nenne Ihnen im Folgenden aus meiner Sicht 5 Gründe:

Gesundheitliche Risiken und Chancen im Judosport abschätzen

Judo führt in der Öffentlichkeit eher ein Schattendasein. Gerät Judo dann doch einmal in die Schlagzeilen, dann u.a. mit spektakulären Verletzungen. Judo selbst wird mit Ausnahme von Insidern zuerst mit einem hohen Verletzungsrisiko in Verbindung gebracht. Die vielen Vorteile, die Judo z.B. in Hinblick auf eine gesunde Entwicklung des Haltungs- und Bewegungsapparates bei Kinder und Jugendlichen bietet, aber auch der Prävention bei Erwachsenen geraten darüber ins Hintertreffen. Es ist also an der Zeit einmal deutlich zu klären, welche gesundheitlichen Risiken aber vor allem auch Chancen sich im Judo zeigen.

Gesundheitsmotiv in Judo-Angeboten aufgreifen

Etwas für die Gesundheit tun zu wollen ist das derzeitige Motiv zum Sporttreiben Nr.1 in unserer Gesellschaft. Und der Gesundheitsmarkt ist auch unter den Sportvereinen hart umkämpft. Wer hier nicht Mitglieder, vor allem im Erwachsenenbereich verlieren möchte, muss sich über veränderte, zielgruppenspezifische und gesundheitsorientierte Angebote Gedanken machen ohne dabei die traditionellen Zielgruppen zu verprellen und ohne die Sache Judo “aufzuweichen”.

Anforderungen an Sport- und Vereinsprogrammen ernstnehmen

Die Anforderungen an die Sportvereine und damit auch an Judo-Vereine und –abteilungen werden größer. Eltern erwarten, dass ihre Kinder pädagogisch und gesundheitlich optimal angeleitet werden. Und auch Erwachsene bringen meistens ziemlich konkrete Vorstellungen mit, wie ihr Training aussehen sollte. Eine kritische Durchleuchtung der Judo-Vereinsangebote tut also Not. An die Übungsleiter/innen werden höhere Anforderungen gestellt als noch vor 10 Jahren. Deshalb sollten Informationen und Materialien zum gesundheitsfördernden Sporttreiben gesammelt und aufbereitet und Umsetzungshilfen für Übungsleiter/innen und den Judo-Unterricht gegeben werden.

Fitness-orientiertes Training richtig gestalten

Ein sportlich trainierter Organismus ist leistungsfähiger und weniger anfällig gegen Krankheiten. Fitness und körperliche Leistungsfähigkeit ist durch Judo genauso zu erlangen durch andere Sportarten. Deshalb macht Sinn sich über Inhalte und Methoden eines fitness-orientierten Trainings im allgemeinen und eines fitness-orientierten Judo-Trainings im besonderen Gedanken zu machen. Dabei sollten die Besonderheiten von Judo vor allem im psycho-sozialen Bereich aufgegriffen und positiv verstärkt werden.

Gesundheitsinitiative des DSB unterstützen und nutzen

Die vom DSB gestartete Gesundheitsinitiative setzt auf klare Qualitätsstandards in den Angeboten der deutschen Sportvereine. Diese Selbstverpflichtung der Sportvereine ist notwendig geworden, um sich gegenüber kommerziellen Anbietern behaupten zu können und die Chance auf Anerkennung seitens der Krankenkassen zu erhalten. Sportvereine sind wichtige und verlässliche Partner im Gesundheitswesen, die sich auch ihrer Verantwortung um “gesunde” Angebote bewusst sind. Der DJB will die Kampagne des DSB aktiv unterstützen und für zwei Zielgruppen eigene judospezifische Gesundheitsprogramme erarbeiten. Judo hat viele gesundheitsfördernde Eigenschaften, die es gilt herauszustellen und entsprechend überdacht anzubieten. Judo-Vereine und Verbände sollen damit die Möglichkeit erhalten, eine aktive Rolle im “Gesundheitssportmarkt” zu spielen, d.h. konkurrenzfähig auch gegenüber anderen Anbietern, Großvereinen oder Spitzenverbänden zu werden, ohne deshalb ihr Anliegen, nämlich Judo zu betreiben, aus den Augen zu verlieren.

Judo – ein gesunder Lebensstil

Gesundheitsaspekte des sportlichen Judo

“Gesundheitsorientierter Sport” - das bedeutet m.E. im klassischen oder traditionellen Sinne Gymnastik machen, Schwimmen oder Laufen gehen. Auch modische Trends wie Step-Aerobic, Anglizismen wie “Jogging” oder “Walking” können nicht darüber hinweg täuschen, dass der Kern der gesundheitssportlichen Betätigung nach wie vor in den drei traditionellen Formen zu suchen ist.

Nun hat Judo relativ wenig mit diesem im herkömmlichen Sinne gesundheitsorientierten Sport zu tun. Judo ist im Kern ein Kampfsport. Der Wettkampf, die Auseinandersetzung, ist sozusagen der “Ordnungsrahmen” von Judo. Sportliche Bewegungen sind im Judo nicht Selbstzweck oder zum Zweck der Gesundheit ausgeführt, sondern immer einem (wettkampf-)sportlichen Ziel untergeordnet. Judo-Bewegungen sind anders als beim Laufen oder Schwimmen komplex und azyklisch, selbst zyklische Übungsformen sind die Ausnahme.

Dennoch soll mein erstes Augenmerk darauf gerichtet sein, zu fragen, was das sportliche Judo von sich aus, aus der normalen Trainingspraxis heraus anbietet, was wir auch in gesundheitsorientierten Sportangeboten wiederfinden können oder dort Übungsinhalt sein könnte.

  1. Da wäre zum ersten ein relativ großer, allgemeiner Gymnastikteil zu nennen, der in fast allen Gruppen vor allem mit Jugendlichen und Erwachsenen durchgeführt wird. Er dient als Vorbereitung auf die kommende Belastung (Check- und Prüffunktion) und als Kräftigung und Beweglichmachung des Organismus (Schutzfunktion).
  2. Judo wird in der Standarbeit durch vielfältige Zug- und Schubbewegungen bestimmt, die eine Stabilisierung des Rumpfes erforderlich machen. In der Bodenarbeit werden Wälz- und Rollbewegungen eingesetzt; das Zusammenspiel von Extremitäten und Arbeit der Rumpfmuskulatur gefordert. Es kommt also nicht von ungefähr, Judo mit dem Schlagwort “Rückenschule” in Verbindung zu bringen, obwohl die Partnereinwirkung ein Üben wie im gesundheitsorientierten Sport zunächst von der Sache her unmöglich macht.
  3. Judo fordert und fördert die Koordination und hier vor allem die Gleichgewichtsfähigkeit, was für Kinder und Erwachsene gleichermaßen wichtig ist. Viele Schulweg-Unfälle sind Folge mangelnder Koordinationsfähigkeit, viele Unfälle im Alltag ebenso.

Judo-Training macht schon beim ersten Hinschauen zahlreiche Angebote, die dem Schutz vor oder der Bewältigung von Alltagsbelastungen dienlich sein können. Durch Judo lässt sich vor allem Selbstsicherheit im Alltag gewinnen, denn wer eine bessere Koordination hat, stellt sich geschickter an; wer fallen kann, hat weniger Angst usw.. Durch Judo lassen sich durch vielfältige Boden- und Partnerübungen motorische Defizite vor allem bei Kindern und Jugendlichen ausgleichen.

Judo hat jedoch keine primäre Gesundheitsorientierung im Sinne der Autoren der DSB-Studie (a.a.O. S.11). Denn gleichzeitig mit den positiven Aspekten sind auch gesundheitliche Risiken zu nennen. Diese sind vor allem im teilweise unkontrollierten Partnereinfluss zu suchen. Judo ist ein Partnersport, im Training und im Wettkampf. Und ein Großteil der Diskussionen um Wettkampfregeln kreist um die Frage, wie man Judo-Sportler/innen vor diesem negativen Partnereinfluss schützen kann. Ebenso muss sich Ausbildung damit beschäftigen, wie Judo-Sportler/innen angeleitet werden können, ohne dass gesundheitliche Beeinträchtigungen auftreten.

Was Judo als gesunden Lebensstil kennzeichnet

Den eigentlichen Gesundheitsaspekt von Judo sehe ich deshalb in einer anderen Richtung. Verbunden ist damit m.E. die Chance für Judo, sich gegenüber den Anbietern klassischer gesundheitsorientierter Sportprogramme, den Mehrsparten-Vereinen, Anbietern der Programme der Landessportbünde usw. zu behaupten und zu positionieren. Dieser Gesundheitsaspekt liegt weder im (zweikampf-)sportlichen Tun des Judotrainings noch in einer “aufgesetzten” Rückenschule, einem separaten Gymnastikprogramm oder einem zusätzlichen aeroben Training im Rahmen des Judotrainings.

KANO betont in seinen grundlegenden Gedanken zwei Punkte, die mir in diesem Diskussionszusammenhang wichtig sind:

  1. Judo ist seiner Meinung nach nicht nur Sport, sondern “physical education”.
  2. Judo ist seiner Meinung nach nicht nur Sport, sondern zugleich eine Anleitung zum Leben und Geschäft.

Er betont hier die Notwendigkeit der Erziehung zum körperlichen Tun und die Auseinandersetzung mit den im Tun auf der Matte gewonnenen Erfahrungen. Judo soll sich nicht im sportlichen Tun erschöpfen. Und in der Tat bietet Judo die vielfältigsten Anlässe über das sportliche Tun hinauszugehen, wenn dazu die Möglichkeit im Unterricht eröffnet wird. Einige Beispiele:

  • Tun in der Gruppe und Tun für sich wechseln sich ab.
  • Körperliche Auseinandersetzung und gemeinsames aufeinander eingehendes Üben wechseln ab.
  • Judo ist bestimmt durch körperliche Nähe. Diese verlangt und gewährt ein intensives Wahrnehmen des anderen.
  • Technikverbesserung verlangt das genaue In-sich-und-den-anderen-Hineinhören.
  • Die Judo-Gruppe verlangt Disziplin; die körperliche Auseinandersetzung verlangt Selbstkontrolle.
  • Die Auseinandersetzung mit einem Partner vermittelt eine genaue Kenntnis über die eigenen Stärken und Schwächen.
  • Judo-Treiben bewirkt die Hinwendung zum eigenen Körper; die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper vermittelt eine genaue Kenntnis über die eigenen Vorlieben und eigenen Abneigungen.

JANALIK fasst diese Aspekte wie folgt zusammen (JANALIK, 1986 in TREUTLEIN/FUNKE, S.99):

“Durch die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper und dem des Partners beim gemeinsamen Üben, Gestalten und Kämpfen kommt es zu einem Selbstgewahrsein als einem Zustand des Fühlens, daß man ist und wie man ist. Zusätzlich entwickelt sich ein hohes Maß an Sensibilität im körperlichen Umgang miteinander und die Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe (zweites Prinzip von Kano).

Besonders erwähnenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang der Hinweis, daß die zen-orientierten Bewegungsmeditationen die Aufmerksamkeit des Übenden auf körperliche Vollzüge und Vorgänge lenken, denen beim Sporttreiben und im Alltag zumeist keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt wird, weil sie auch ohne diese gelingen. Hierzu zählen Atemrhythmus, Schwerpunktsverlagerung, muskuläre Spannungszustände usw.- ureigene Körpererfahrungsbereiche im Ju-Do. ...

Die richtige Ausübung in Form von Kata, Randori und Shiai zwingt zur restlosen, radikalen Auseinandersetzung mit sich selbst und bleibt auf Dauer nicht ohne Wirkung auf die Art der Lebensgestaltung. Die erzielte Bewußtseins- und Willensentkrampfung, die Fähigkeit zur Entspannung und ein neues Verhältnis zum eigenen und anderen Körper sowie zur Umwelt fördern das Wohlbefinden und die Zufriedenheit. (S.103)”

Im Judo-Unterricht liegt die Chance “... sich die Zeit und Ruhe zu nehmen, etwas wirklich und ausschließlich zu tun.” Diese Zeitlassen, Zeitnehmen und - von Übungsleiterseite - Zeitgeben ist ein Kern dafür, sich selbst besser zu verstehen.

JANALIK spricht hier m.E. etwas Wesentliches in Hinblick auf unsere heutige Diskussion an: Judo kann aufgrund der intensiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper zu einem gesunden Lebensstil werden. Judo zu treiben allein kann deshalb schon ein Beitrag zur Gesundheitsprävention sein.

Ich möchte die Eckpunkte aufzeigen, die m.E. einen solchen “gesunden Lebensstil” durch Judo kennzeichnen. Diese sind

  • Judo ist Partnerarbeit.
  • Judo lebt vom Körperkontakt und vermittelt Körpererfahrung
  • Judo ist das Einbringen und Erleben östliche Weisheit und Tradition
  • Judo ist das Umsetzen moderner sportwissenschaftlicher Erkenntnisse

 

Die Realisierung eines gesunden Lebensstils durch Judo hängt zum großen Teil vom Wie des Unterrichtsangebotes ab. In der Realisierung und bewussten Vernetzung aller vier Punkte im Judo-Unterricht sehe ich die Chance für gesundheitsorientierte Angebote im Judo-Verein. In diesem Viereck der wichtigsten Bausteine lassen sich vielfältige judobezogene, aber auch judofremde Angebote und Maßnahme in den Judo-Unterricht oder das Umfeld des Judo-Vereins integrieren, die der angestrebten Gesundheitsorientierung entsprechen. Der Judo-Verein hat m.E. heute durchaus die Chance, sich als Wellness-Oase zu etablieren.

Judo-Trainings bedarf dazu allerdings der geschulten Übungsleiter/innen, die sich der präventiven Aufgabe von Sport im allgemeinen und den Chancen von Judo, die sich vor allem aus den von mir aufgezeigten Eckpunkten ergeben, im besonderen bewusst sind. Judo-Übungsleiter/innen sollten in den von ihnen angeleiteten Übungsstunden mit Hinweisen und Übungsreihen Bewusstsein für einen pfleglichen Umgang mit sich und anderen schaffen. Dazu können vielfältige Partnerübungen im Judotraining selbst oder ergänzende Angebote von Fußreflexzonen-Massage, Akkupressur oder Meditation - um nur einige Beispiel zu nennen - Anlass geben. Im Judo ist es z.B. durch die Verbundenheit von östlicher Tradition und moderner Sportwissenschaft möglich, Angebote zu machen, die mancherorts nur mit esoterischem “Heiligenschein” zu teuren Preisen verkauft werden. Jedoch setzt das Anbieten von Partnermassage nach der Trainingseinheit die Auseinandersetzung mit Massagetechniken seitens des/der Übungsleiters/in voraus, das Anbieten von Tai-Chi- oder Yoga-Formen die Auseinandersetzung und das Vormachen-können derselbigen, das Anbieten von Entspannungstechniken das Beherrschen und Anleiten-können, der Einsatz von Theraband oder Großem Ball das Beherrschen der Übungen und das Wissen um die Wirkung auf die Muskulatur. Neben dem Judo-Fachverstand setzt eine gesundheitliche Trainingsorientierung bei den Übungsleitern/innen die Bereitschaft zur sachlichen Auseinandersetzung mit weitergehenden sportpraktischen und theoretischen Themenstellungen voraus.

Was man selbst nicht bereit ist zu leben, kann man nur schwerlich von anderen fordern. Insofern sind Judo-Übungsleiter/innen im “Gesundheitssport Judo” immer auch Vorbilder in Bezug auf einen solchen gesunden Lebensstil. Auch der Judo-Verein ist keine Oase der Seligen, heißt: Auch hier gibt es Alkohol- und Tabakkonsum. Aber auf das vorgelebte Maß kommt es an. Auch bedeutet der Anspruch eines gesunden Lebensstils nicht, dass alle Judo-Übungsleiter/innen bekennende Tee-Trinker und Vegetarier werden sollen und zusätzlich täglich meditieren. Dennoch tut ein wenig Diät in Bezug auf Ernährung und Bewegung Not, wenn man andere überzeugen will.

Die Pflege eines gesunden Lebensstils ist zugleich Selbstverpflichtung der Judo-Vereine, denn dieser neue Vereinstil muss sich in Vereinsangeboten, -aktionen und auch der Gestaltung von Vereinsräumlichkeiten wiederfinden. Sicherlich ist dies in manchen Fällen nur schwer realisierbar, denn die Turnhalle ist nicht unbedingt der Nährboden für Vereinkultur. Doch dort, wo die Voraussetzungen für eigene Räumlichkeiten gegeben sind, sollten diese den Wellness-Bedürfnissen der Mitglieder gemäß ausgestaltet werden. In allen Fällen aber ist es möglich durch zusätzliche Angebote draußen wie drinnen Körper- und Gesundheitsbewusstsein bei den Teilnehmer/innen zu fördern.

Gesundheits- und Körperorientierte Angebote von Judo-Vereinen und -verbänden

Gesundheitsorientierte Angebote erfordern nach BÖS u.a. eine spezifische Gestaltung der sportlichen Aktivität und zielen auf spezifische Aspekte der Gesundheit. Außerdem fordern die Autoren, dass gesundheitsorientierter Sport von anderen Feldern des Sports insbesondere durch die Zielsetzungen sowie durch die Bedingungen der Durchführung abzugrenzen ist.

Der ersten Bedingung nach Gestaltung spezifischer Angebote kann sicherlich auch im Judo-Verein in mancherlei Hinsicht nachgekommen werden. Es mangelt nicht an guten Ansätzen z.B. im Kinder und Jugendbereich durch Judo Bewegungsdefizite aufzuarbeiten oder auf Verhaltensauffälligkeiten einzugehen. Auch im Erwachsenenbereich lassen sich Programme entwickeln, die partnerbezogen, körperorientiert und risikoarm vor allem im psycho-sozialen Bereich wirksam werden könnten. Schwieriger ist schon die zweite Bedingung nach Abgrenzung der gesundheitssportlichen Aktivitäten von der gewöhnlichen Trainingspraxis, setzt dieses doch im Mono-Judoverein die Schaffung neuer Gruppen und Bereitstellung zusätzlicher Übungsleiter-Stunden voraus.

Ich erklärte bereits, warum ich glaube, dass sich Judo nicht als klassischer Gesundheitssport etablieren oder umfunktionieren lassen wird. Dennoch braucht sich Judo in der Gesundheitsdiskussion nicht zu verstecken, denn im Judo sind sehr wohl gesundheitsfördernde Angebote machbar. Diese Machbarkeit gilt es herauszustellen, Programme zu entwickeln und potentiellen Zielgruppen näher zu bringen. Das dabei der Sinn-Kern von Judo nicht entleert werden soll, ist m.E. eine Selbstverständlichkeit.

Die Autoren der DSB-Studie formulierten folgende Kernziele von Gesundheitsprogrammen im Sportverein als Maßstab und Bewertung für die vorgefundenen und von den Autoren analysierten Angebote. Diese Kernziele sind:

  1. Stärkung von physischen Gesundheitsressourcen
  2. Verminderung von Risikofaktoren
  3. Bewältigung von Beschwerden und Missbefinden
  4. Stärkung von psychosozialen Gesundheitsressourcen
  5. Herausbildung eines gesunden Lebensstils (vgl. a.a.O. S.11)

Judo-Angebote decken m.E. vor allem die Punkten 1, sowie 4 und 5 ab. Spezifische Angebote zur Verminderung von Risikofaktoren oder der Bewältigung von bestimmten Beschwerden werden sich jedoch kaum finden lassen.

Judo-Angebote stellen, auch wenn sie sich einer Gesundheitsorientierung verschreiben, eher unspezifische Präventionsmaßnahmen dar, deren Vorteile aufgrund der Gesamtkörpereinsatzes vor allem in der unspezifischen Stärkung der physischen Ressourcen sind und bedingt durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Körper zu einer Steigerung der Körper-Kompetenz führt. Beide Aspekte begründen u.a. den Wert von Judo für Kinder und Jugendliche. Erwachsene, sowohl Ehemalige als auch Wiedereinsteiger, werden ebenfalls diese unspezifische Stärkung des Organismus durch Judo herausstellen, verbunden mit dem Gefühl etwas in einer Gruppe Gleichgesinnter und Partner zu tun. Gerade bei den Erwachsenen muss man aber zusätzlich verstärkt spezifischere Bedürfnislagen aufgreifen und in den Unterricht integrieren. Hierzu rechne ich z.B. den Wunsch nach Entspannungs- und Relax-Angeboten, den Wunsch zu schwitzen, aber nicht mehr hart zu fallen, den Wunsch nach körperlicher Auseinandersetzung mit einem Partner, ohne unkontrollierte Bewegungen.

Schwieriger ist es für Vereine und Übungsleiter, wenn sie sich um neue Mitglieder aus dem Pool der Erwachsenen bemühen wollen, und dabei mit den Vorteilen für die Gesundheit unseres Sports werben wollen. Nach wie vor wird Judo von Erwachsenen mit einem erhöhten Verletzungsrisiko in Verbindung gebracht. Dennoch finden sich Punkte, die in Bezug auf das Gesundheitsimage von Judo positiv genutzt werden könnten, wenn sie entsprechend z.B. durch Landesverbände und DJB verstärkt würden. Hilfreich ist hier u.a. die von ENGELMANN 1999 durchgeführte Imageanalyse der Sportart Judo. Im folgenden zähle ich die dort bei der Befragung am meisten genannten Items zur Sportart Judo auf:

  • Meditation/Konzentration
  • Körperbeherrschung
  • Technik
  • (Selbst-)Disziplin
  • Kraft
  • Kameradschaft
  • (Selbst-)Verteidigung
  • Kampf-(Kunst)

Wenn es also Übungsleitern, Vereinen und Verbänden gelingt, Begriffe wie Körperbeherrschung oder (Selbst-)Disziplin im Judo positiv darzustellen, also nicht als Selbstgeißelung, sondern in dem von mir genannten Sinn als gesunden Lebensstil, sehe ich gute Chancen auch in dem hart umkämpften Gesundheitsmarkt für Erwachsene ein Nische zu finden. Positive Elemente wie Kameradschaft, Kraft und Konzentration sollten im Judo-Unterricht aufgegriffen und verstärkt werden. Dazu gehört auch das mehr Zeitlassen, um in sich hinein hören zu können, jedoch ohne esoterischen Überbau, sondern einfach um merken zu können, was mir als Übendem gut tut.

Es wird keine leichte Aufgabe für den DJB und seine Landesverbände sein, sportartspezifische Programme zu konzipieren, die das Führen eines Gesundheitssiegels oder eine Zertifizierung als Gesundheitsorientiertes Sportprogramm rechtfertigen. Dennoch sehe ich hier eine Chance für unsere Vereine, sich z.B. gegen die erdrückende Übermacht seitens der Turngruppen zu behaupten. Obwohl viele Judo-Vereine meinen werden, gerade im Kinder- und Jugendbereich als vielmehr im Erwachsenenbereich.

Es macht Sinn, wenn sich der DJB und seine Landesverbände an der Gesundheitsinitiative des DSB beteiligt und eigene Programme entwickelt, die dann das Gesundheitssiegel des DSB führen dürfen. Ziel einer Gesundheitsinitiative des Judosports wäre aus meiner Sicht das bewusste Propagieren eines eigenen “Judo-Lebensstils” auf Vereins- und Verbandsebene. Judo ist mehr als Wettkampfsport. Eine intensive Diskussion im Rahmen einer solchen Gesundheitsinitiative bringt vor allem auch neue Impulse und das Aufgreifen vernachlässigter Aspekte von Judo:

  • gesundheitliche Risiken für das Kinder- und Erwachsen-Judo analysieren und in Training und Wettkampf entschärfen
  • gesundheitliche Chancen, die in der Sache Judo selbst angelegt sind (Koordination, Kraft, Technik), aufgreifen und verstärken
  • Partnerbezogenheit und Körpererfahrung nach Jahren der Vernachlässigung wieder verstärkter in den Mittelpunkt von Judo-Unterricht zu rücken
  • zu den Eckpunkten eines gesunden Lebensstils durch Judo möglichst judonahe Angebote suchen, vorstellen und auf Wunsch der Teilnehmer/innen in die Trainingspraxis integrieren
  • naheliegende Werte und Assoziationen, die Laien mit Judo verbinden, und die im Bezug zu Aspekten der Gesundheitsprävention stehen, aufgreifen
  • Anregungen für das Umfeld des Judovereins als “Raum für einen gesunden Lebensstil” geben (weg von der “Turnhallen-Mentalität”)
  • Diskussion und Austausch über neue sportwissenschaftliche und medizinische Erkenntnisse und deren Umsetzung in der Übungspraxis

Gesundheit, Fitness, Wohlbefinden in Lehre und Ausbildung

Zur Zeit gibt es die Gesundheitsinitiative des DJB noch nicht. Dennoch hat die Gesundheitsorientierung in der Übungsleiter- und  Judo-Lehrer-Ausbildung bereits Einzug gehalten. Der DJB als Vorreiter im DSB in der breitensportlichen Qualifikation (Fachübungsleiter-B = Judolehrer-B) hat schon seit längerem Module zum Thema Fitness-Training und Gesundheit in die Aus- und Fortbildungsmaßnahmen integriert. Dennoch erfordert die Beteiligung am DSB-Gütesiegel erneute Anstrengungen und erneute Durchleuchtung der bereits bestehenden Qualifizierungsangebote. Es wird sicherlich notwendig werden, eine spezielle Qualifizierung zum “Gesundheitstrainer im Judosport” zu etablieren.

Die damit verbundenen Anstrengungen kämen dann jedoch allen Übungsleiter/innen zu gute. Denn die Frage, wie ein gesundheitsorientierter Judo-Unterricht aussehen sollte, beschäftigt sicherlich nicht nur Judo-Vereine, die sich an den hohen Qualitätsstandards des DSB-Gütesiegels messen lassen wollen. Handreichungen, Materialien, Übungsreihen und Programme stehen selbstverständlich allen Vereinen des DJB zur Verfügung.

Wichtig aus meiner Sicht ist es, zum einen Übungsleiter/innen in den Stand zu versetzen, die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene unter gesundheitlichen Aspekten zum Judotreiben anleiten zu können, zum anderen auch, ihnen Beobachtungskriterien zu vermitteln, um Auffälligkeiten erkennen und danach gezielt fördern zu können. Die ortsnahe Verbindung zu Ärzten oder Therapeuten ist diesbezüglich anzustreben und unterstützend.

Nicht jeder Judo-Verein wird das zu erarbeitende DSB-Gütesiegel führen dürfen und nicht für jeden Judo-Verein wird dies überhaupt ein erstrebenswertes Ziel sein. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, das die Qualität der Judo-Praxis in allen Judo-Vereinen von der Erarbeitung der dazugehörigen Programme verbessern wird. Deshalb wird sich der DJB um das Gütesiegel “Sport pro Gesundheit” beim DSB bewerben und eine aktive Rolle in der Kampagne des DSB spielen.

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