Erziehung durch Judo

Der Beitrag des Judo zur Erziehung

Jigoro Kano, 1936 (Zusammenfassung von U.Klocke)

  1. Kodokan bedeutet “Schule zum Studium des Weges”. Die wirkliche Bedeutung des “Wegs” ist der Begriff des Lebens.
  2. Die Wege, den Sieg über einen Gegner durch Jiu-jitsu zu erringen, sind nicht darauf beschränkt, den Sieg durch Nachgeben zu erringen. Manchmal schlagen, stoßen und würgen wir auch im körperlichen Kampf, aber im Gegensatz zum Nachgeben sind dies verschiedene Formen von positivem Angriff.
  3. Ja, es gibt einen Grundsatz, der das ganze Feld (des Kampfes, Anmerkung von UK) abdeckt, das ist der Grundsatz des möglichst wirksamsten Gebrauch von Geist und Körper und Jiu-jitsu ist nichts anderes als die Anwendung dieses alldurchdringenden Grundsatzes anzugreifen und zu verteidigen.
  4. Denselben Grundsatz kann man anwenden zur Vervollkommnung des menschlichen Körpers, um ihn kräftig, gesund und nützlich zu machen.
  5. Er kann ebenso angewandt werden zur Vervollkommnung von Kost, Kleidung, Wohnung, gesellschaftlichem Verkehr und Geschäftsgebahren und bedeutet Studium und Übung auf den Wegen des Lebens.
  6. Ich gab diesem alles durchdringenden Grundsatz den Namen “Judo”.
  7. So ist Judo in weitem Sinne ein Studium und eine Übungsmethode für Geist und Körper wie auch für die Vorschriften des Lebens und Geschäfts.
  8. Daher kann Judo in einer von diesen Formen studiert und geübt werden mit Angriff und Verteidigung als Hauptziel. Ich kam zu der Einsicht, daß das Studium dieses alles durchdringenden Grundsatzes wichtiger ist als das bloße Üben des Jiu-jitsu, weil das richtige Verstehen dieses Grundsatzes uns nicht nur befähigt, ihn in allen Lebenslagen anzuwenden, sondern auch große Dienste leistet beim Studium der Kunst des Jiu-jitsu.
  9. Man kann diesen Grundsatz nicht nur so erfassen wie ich es tat. Man kann zu demselben Schluß kommen durch philosophische Betrachtungen der täglichen Geschehnisse oder durch abstrakte philosophische Ergründung.
  10. Aber als ich anfing zu lehren, hielt ich es für ratsam, demselben Verlauf zu folgen, den ich beim Studium der Sache nahm, denn dadurch konnte ich den Körper meiner Schüler gesund, kräftig und nützlich machen. Gleichzeitig konnte ich ihnen helfen, diesen überaus wichtigen Grundsatz zu begreifen. Aus diesem Grund begann ich die Unterweisung im Judo mit Übungen in Randori und Kata.
  11. Ich habe diesen Gegenstand (körperliche Erziehung) lange studiert und habe zwei Formen gefunden, welche wohl alle diese Anforderungen erfüllen (Bewegungen sollen einen (1) Sinn haben, (2) keinen großen Raum, besondere Kleidung oder Ausrüstung verlangen und (3) sowohl einzeln als auch in Gruppen ausgeführt werden können).
  12. Eine Form nenne ich die “darstellende Form”. Dies ist der Weg, Gedanken, Ideen und Gemütserregungen durch Bewegungen der Glieder, des Körpers und des Kopfes darzustellen.
  13. Dann gibt es noch eine andere Form, die ich “Angriffs- und Abwehrform” nenne. In dieser habe ich verschiedene Methoden des Angriffs und der Abwehr vereinigt, und zwar so, daß das Ergebnis zu einer harmonischen Entwicklung des ganzen Körpers führt.... Man kann sagen dies erfüllt zwei Zwecke: 1. Körperliche Entwicklung, 2. Übung in der Kunst des Kampfes.
  14. Geistiges Training kann sowohl beim Kata als auch beim Randori geschehen, aber erfolgreicher bei dem letzteren. ...Solch eine Gewohnheit des Geistes, Angriffsmittel zu finden, macht den Schüler ernst und aufrichtig, vorsichtig und überlegend in seinem ganzen Wesen. Gleichzeitig wird man geübt in schnellem Entschluß und sofortigem handeln., denn wenn man im Randori sich nicht schnell entschließ und sofort handelt verliert man die Gelegenheit sowohl zum Angriff wie zur Verteidigung. ....Man muß auf plötzliche Angriffe vorbereitet sein, ...und entwickelt einen hohen Grad an geistiger Gemütsruhe. ...Um Mittel zum Siege zu finden sind Übungen der Kraft der Vorstellung, der Folgerung und des Urteils unentbehrlich und diese Fähigkeit wird beim Randori entwickelt.
  15. Andererseits ist das Studium des Randori das Studium der Beziehung zwischen zwei kämpfenden Parteien. ... Es ist unbedingt notwendig, die Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß der Weg, einen Gegner durch Beweise zu überzeugen nicht der ist, irgendeinen Vorteil ihm gegenüber auszunutzen, sei es den der Kraft, des Wissens oder des Reichtums, sondern ihn zu überzeugen durch die unwiderleglichen Regeln der Logik.
  16. Die Anwendung dieser Lehren (aus dem Randori) im täglichen Leben ist ein interessantes Studium und ist vor allem für junge Leute höchst wertvoll als geistige Übung.
  17. Nur bei getreuester Befolgung des Prinzips der größten Wirksamkeit - das ist Judo - können wir das Ziel erreichen, unser Wissen (nützliches Wissen, im Gegensatz zu solchem Wissen, das für uns selbst und auch für die Gesellschaft schädlich ist) und unsere geistige Kraft (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Beobachtung, Urteil, Überlegung, Vorstellungsgabe usw.) auf vernünftige Weise zu mehren.
  18. Ich will nun über die sittliche Seite von Judo sprechen. ....und erklären, wie das Prinzip der größten Wirksamkeit hilft, die moralische Führung zu verbessern. ... Erregt zu sein bedeutet einen unnötigen Verlust an Energie und kann oft einem selbst und anderen schaden. ...Judo kann einen aus der Tiefe der Verstimmung in ein Stadium energischer Tätigkeit mit einer frohen Hoffnung in die Zukunft führen. ....Unzufriedene Leute sind oft schlechter Laune und machen andere verantwortlich, ohne sich genügend um ihren eigenen Beruf zu kümmern. Die Lehre vom Judo... wird ihnen klarmachen, daß sie mit der getreuen Befolgung dieses Prinzips sehr viel heiterer werden.
  19. Schließlich möchte ich noch einige Worte über die Gefühlsseite vom Judo sagen. Wir kennen alle das angenehme Gefühl, das unsere Muskeln durch Übung geben, wir finden es angenehm, Fortschritte beim Gebrauch unserer Muskeln zu machen und ebenso erfreulich ist für uns die Empfindung der Überlegenheit über andere beim Kampf. Aber zu diesen angenehmen Empfindungen kommt noch die weitere aus den schönen Stellungen und Bewegungen, einerlei, ob man sie selbst ausführt oder bei anderen sieht.  Die ästhetische Seite des Judo besteht in der Übung und Beobachtung solcher Bewegungen, die gleichzeitig Symbole verschiedener Ideen sind.
  20. Judo ist Studium und eine Übung von Geist und Körper, die für die Führung des Lebens und aller Angelegenheiten gilt. ... Wie dieses auf die Methoden von Angriff und Verteidigung angewendet Jiu-jitsu bedeutet, so bedeutet dasselbe Prinzip auf körperliche, geistige und sittliche Kultur angewendet das Wesen vom Judo.
  21. Das letzte Ziel vom Judo ist also, in den Geist eines jeden Respekt für das Prinzip der größten Wirksamkeit einzupflanzen und so allgemeine Wohlfahrt und Glück zu verbreiten.

Erziehungsaspekte des Judo (in Anlehung an Kano)

  • körperliche Erziehung: den Körper kräftig, gesund und nützlich machen
  • geistige Erziehung: ernst, aufrichtig, vorsichtig, überlegend, entschlußfreudig, schnell handelnd, geistig ruhig und ausgeglichen
  • partnerschaftliche Erziehung: Studium der Beziehungen zweier kämpfenden Parteien
  • sittliche und moralische Erziehung: Selbstkontrolle, Optimismus, Zufriedenheit, Heiterkeit
  • emotionale Erziehung: Körpergefühl erleben, Fortschritte erleben, Überlegenheit empfinden
  • ästhetische Erziehung: Freude an Schönheit von Stellungen und Bewegungen bei sich und anderen empfinden

 

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