Betreuen und Coachen

Betreuung und Coachen bei Wettkämpfen

von Ulrich Klocke, 1992 (erweitert April 1993)

 Der große, alte Judo-Meister Jigoro K.

belehrte   dereinst einen ehrgeizigen Trainer

mit den Worten:   "Für Siege

sind die Schüler verantwortlich,

 für Niederlagen die Trainer...!"

Coachen (enger Begriff)

Der Begriff "coachen" kommt vom englischen Wort "to coach" und wird wörtlich mit "einpauken, trainieren" übersetzt. Im Judobereich wird der Begriff jedoch einengend vor allem auf die Betreuung, Beratung und Einstellung von Judokämpfern bei Meisterschaften bzw. Wettkämpfen bezogen.

 Ich möchte im folgende kurz die Aspekte des Betreuens und Coachens aufgreifen, die auf der unteren und mitleren Wettkampfebene eine entscheidende Rolle spielen.

 Ich habe diese Aspekte in zeitlich verschiedene Phasen unterteilt, in den Zeitabschnitt vor dem Kampf, während des Kampfes, nach dem Kampf und nach dem Wettkampftag.

1. Vor dem Kampf

1.1 den Judoka körperlich und geistig auf Kämpfen einstimmen:

    1.allgemeines Aufwärmen;

    2. judospezifisches Aufwärmen;

    3. individuelle Wettkampfvorbereitung  des einzelnen Judoka nach persönlichen Notwendigkeiten

1.2 den Judoka taktisch und psychologisch auf seinen ersten Gegner einstimmen

    1. Welche Matte?

    2. Welcher Kampf?

    3. Gegner eventuell bekannt?

    4. Ja, Diskussion möglicher Siegstrategien; - Motto: Schwächen des Gegners und eigene Stärken herausstellen

    5. Nein, kurzer Hinweis auf das geplante Kampfkonzept

2. Während des Kampfes

2.1 Die Selbständigkeit des Judoka in seinen Handlungen und  Entscheidungen möglichst fördern;  d.h. möglichst wenig Zurufe, wenn Zurufe, dann folgende Hinweise beachten:

    - an die taktische Marschroute erinnern ("rückwärts gehen!")

    - kurze, verständliche, technische Tips ("mit der linken Hand höher faßen", " auf Zug halten!"), mit denen der Judoka sofort etwas anzufangen weiß, d.h. die er versteht und die das Konzept  unterstützen

    - positiv motivieren: "Gut so!", "Weiter so!";   unter keinen Umständen abfällige Kritik (z.B." Mach nicht diesen Mist!","Was soll denn der Blödsinn?")

3. Nach dem Kampf

3.1 Den Judoka loben, auch wenn er verloren hat; trösten, wenn  es notwendig erscheint; manchmal auch einfach nur in Ruhe laßen; jeder hat das Recht, mit dem Ergebnis seines Kampfes zuerst einmal selbst klarkommen zu dürfen; sich als Trainer  nicht aufdrängen; der Sieg ist das Verdienst und die Leistung des Kämpfers, nicht des Trainers - verhaltet Euch  entsprechend; ein kurzes Lob ist besser, als eine ausführliche und überschwengliche Begeisterung; der nächste Kampf kommt bestimmt!

3.2 Mit dem Judoka den nächsten Kampf anschauen, damit die kommenden Gegner "studiert"  werden können: a) welcher  Griff?, Angriffsrichtung? Konter-,Angriffskämpfer? welche Techniken? b) wie und womit zu schlagen? worauf aufpassen?

4. Nach dem Wettkampftag

4.1 Ergebnis (bei Kindern/Jugendlichen) in den Paß eintragen

4.2 Die einzelnen Kampfresultate in das Wettkampftagebuch  eintragen

4.3 Mit dem Kämpfer ein Fazit seiner Kämpfe ziehen (z.B.   Erwartungen des Kämpfers erfüllt?, Erwartungen des Trainers erfüllt?, wenn nicht, woran kann es gelegen haben?  - fehlende konditionelle Voraussetzungen, fehlende technische Vorausetzungen, fehlende taktische Voraussetzungen, individuelles Kampfkonzept war nicht angemessen -)

4.4 Das Wettkampfergebnis (d.h. die gemachten positiven und  negativen Erfahrungen) für die kommenden Trainingseinheiten in Zielsetzungen für den einzelnen Judoka umsetzen (d.h. "Du mußt unbedingt eine Technik nach hinten (vorne, rechts oder links) dazu lernen!"; " Deine Unterarme müßen stärker werden, damit Du Deinen Griff besser durchsetzen kannst!"; "Du mußt kontern lernen!"; "Du mußt gegen einen sperrenden Gegner angreifen lernen!")

4.5 Im Training den Bezug zum letzten Wettkampftag herstellen

Coachen (weiter Begriff)

Der Trainer hat als "Coach" nicht nur die Aufgabe, seinen Schützling im Wettkampf zu Erfolgen zu führen, er muß ihn auch im Training und außerhalb des Trainings auf diese Erfolge vorbereiten. Diese Vorbereitung umfaßt nicht nur die technische, konditionelle und taktische Ausbildung in der gewählten Sportart sondern beinhaltet im Idealfall auch die psychologische Betreuung und Ausbildung sowie erzieherische Aufgaben im Hinblick auf den Aufbau der gesamten Sportlerpersönlichkeit.

RICHTIGES COACHEN

Die Funktion von Trainern und Betreuern bei Wettkämpfen

(Sechs Stufen von Kampftag zu Kampftag)

nicht

 

sondern

 

1. vor dem Kampf

 

einfach sagen: "Wärm Dich jetzt mal auf!"

 

"Führe das im Training geübte Aufwärmprogramm durch!"

 

den Athleten alleine üben lassen

 

 

ev. mit der Stoppuhr Zeiten vorgeben

 

an den Kaffeestand gehen

 

 

dem Athleten bei der Orientierung in der Halle helfen

 

über Dinge sprechen, die der Athlet (noch) nicht kennt und kann

 

 

die erlernten Strategien noch einmal besprechen

 

erklären, daß man nichts erwartet oder der Gegner viel zu stark ist

 

 

ruhig die Chancen suchen und die eigenen Stärken herausstellen

 

2. während des Kampfes

 

allgemeine Floskeln zurufen: "Gib alles!"; Pack ihn!"; Laß Dir das nicht gefallen!"; etc.

 

konkrete, umsetzbare Hinweise geben, die auf den jeweiligen Judoka passen; "Nicht nach-laufen!";Aufrecht kämpfen!" "Rechte Hand lösen" etc.

 

den Judoka beschimpfen:"Das darf doch nicht wahr sein!"; "Stell Dich nicht so blöd an!" Beweg Dich endlich!" etc.

 

 

ihn positiv ansprechen: "Gut gemacht!"; Weiter so!" "Das ist richtig!"

 

3. nach dem Kampf

 

überschwenglich jubeln oder abfällig schimpfen

 

das Kampfergebnis sachlich und angemessen kommentieren

 

bei Niederlagen sagen: "Das war mir schon vorher klar!"; "Da hattest Du einfach keine Chance!"

 

 

mit dem Kämpfer die Gründe suchen und ihm klarmachen, daß man diese durch Training ändern kann

                     

"stundenlang" über den vergangenen Kampf diskutieren

 

 

sich den nächsten Kampf, nachsten Gegner mit dem Athleten anschauen

 

3. nach dem Kampf

 

 

die Stärken und Schwächen des nächsten Gegners überbewerten

 

 

die Schwachstellen und Angriffspunkte herausstellen

 

sagen: "Das schaffst Du schon irgendwie!"

 

 

einige konkrete Situationen mit dem Judoka erarbeiten: "Gehe rückwärts und halte ih auf Zug!"; "Warte auf Deine Konterchance!"

 

4. wenn der Kampftag vorbei ist

 

 

einfach zur Tagesordnung übergehen

 

 

mit dem Judoka neue Trainingsziele formulieren; Wettkampfergebnisse als Rückmeldung fürs Training betrachten

 

5. beim nächsten Training

 

 

mit dem üblichen Programm fortfahren

 

 

die technischen und taktischen Erkenntnisse des Wettkampfs umsetzen

 

nur die erkannten Schwächen des eigenen Judoka herausstellen

 

 

die Stärken ergänzen, ausbauen, stärker, komplexer machen

 

nicht nur über die vergangenen Kämpfe sprechen

 

 

auch die kommenden Kämpfe geistig-seelisch vorbereiten

 

6. vor dem nächsten Kampftag

 

 

den Kampf überbewerten oder Angst aufbauen oder den Kampf abwerten und Überheblichkeit erzeugen

 

 

auf das gute Training hinweisen und erklären, daß der Gegner gut sein muß, um zu gewinnen; ruhiges Selbstvertrauen erzeugen

 

VORBEREITEN - KÄMPFEN - NACHBEREITEN - VORBEREITEN - KÄMPFEN

...wie sagte der große Jigoro K. doch einst

zu einem jungen, siegreichen Judoka:

" Nach dem Kampf ist vor dem Kampf..."

Im Wettkampftraining vorbereiten

  • individuelle Vorbereitung auf die kommende Saison
  • individuelle Vorbereitung auf den anstehenden Kampftag
  • spezielle, individuelle Vorbereitung vor dem anstehenden  Kampftag

Am Wettkampftag vorbereiten

* Vorbereitung am Kampftag

  • allgemeines und judospezifisches Aufwärmen

* Vorbereitung auf den ersten Kampf

  • wann, auf welcher Matte, gegen wen?
  • Gegner bekannt: kurze Kampfstrategie mit Trainer besprechen
  • Gegner unbekannt: sich auf eigene Stärken besinnen; Selbstvertrauen im Selbstgespräch aufbauen;
  • Siegeswillen erzeugen

* nach dem ersten Kampf vorbereiten

  • gewonnen: Socken anziehen und nächsten Gegner anschauen
    1. Gegner auf Stärken und Schwächen studieren
    2. überlegen, wie man ihn schlagen kann
  • verloren: anziehen und die Gewichtsklasse weiter verfolgen
    1. um eventuelle Gegner in bzw. für die Trostrunde zu studieren
    2. um zu vergleichen, worin die anderen mir z.zt. noch überlegen  sind, warum sie gewinnen und mit welchen Techniken

* vor dem nächsten Kampf vorbereiten

  • Gegner bekannt: s.o.
  • Gegner zum ersten Mal: Strategie mit Trainer besprechen

* nach dem letzten Kampf nachbereiten

  • Verlauf des Turniers kurz mit Trainer besprechen
  • überlegen, ob bestimmte technisch-taktische Handlungen an diesem  Kampftag besonders positiv
  • bzw. negativ aufgefallen sind und daher im Training besprochen und geübt werden sollen

Nach dem Kampftag nachbereiten

  • gewonnen:
    1. wie ist der Sieg im Vergleich mit den Gegnern zu bewerten;
    2. wie ist die eigene technich-taktische Leistung einzuschätzen
    3. Sieg genießen und feiern
  • verloren:
    1. worin lagen bei mir die Gründe für die Niederlage (nicht einfach sagen: "Der andere war besser!")
    2. was muß ich sinnvollerweise trainieren, um mich zu verbessern

Bei den nächsten Trainingseinheiten nachbereiten/vorbereiten

  • die aus dem Wettkampf gewonnenen Erkenntnisse mit dem Trainer in  konkrete Trainingsaufgaben umsetzen
  • sich technisch, taktisch und geistig auf die nächsten Wettkämpfe vorbereiten ( sich darauf freuen, das im Training gelernte im nächsten Wettkampf anzuwenden!!)

Im Wettkampftraining vorbereiten

  • veränderte, spezielle, individuelle Vorbereitung auf den neu anstehenden Kampftag (danach weiter  wie ganz oben)

 

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