Budo-Charta

Die Budo-Charta (Budo Kensho), niedergelegt am 23. April 1987 durch die japanische Budo-Vereinigung (Nippon Budo Shingikai), definiert den Begriff  "Budo" und den Sinn der  "Budo-Ausbildung". Dem zu diesem Zwecke gegründeten "Budo-Charta-Ausschuss" gehörten namhafte und offizielle Vertreter aus den folgenden  Budo-Disziplinen an: Judo, Kendo, Kyudo, Sumo, Karatedo, Aikido, Shorinji Kempo, Naginata und Jukendo (Bajonettfechten).

DIE BUDO CHARTA

(Übersetzung: Feliks Hoff,  Hamburg 1997)

Budo, verwurzelt im Geist der Krieger des alten Japans, ist ein Aspekt seiner traditionellen Kultur, in der sich in einer über Jahrhunderte dauernde historische und soziale Entwicklung die Kriegskünste von "jutsu" zum "do" entwickelt haben.

Der Grundidee folgend, nach der Geist und Technik eine Einheit sind, wurde Budo zu einer Form entwickelt und verfeinert, in der durch Disziplin, Ernsthaftigkeit, Etikette, Training von Technik und Körperkraft, die Einheit von Geist und Körper angestrebt wird. Das moderne Japan hat diese Werte geerbt und sie spielen eine wesentliche Rolle bei der Bildung des japanischen Persönlichkeitscharakters. Im modernen Japan ist der  Budo-Geist eine Quelle mächtiger Energie und trägt zur Befriedigung des Einzelnen bei.

Heute ist Budo in der ganzen Welt verbreitet und genießt internationales Interesse. Jedoch Vernarrtheit in eine ausschließlich technisch orientierte Ausbildung und ein “Gewinnen-Wollen um jeden Preis” sind Bespiele dafür, dass die Essenz von Budo bedroht ist. Um eine Pervertierung der Kunst zu verhindern, sind wir aufgefordert, uns fortwährend zu prüfen und uns zu bemühen, dies nationale Erbe zu bewahren und zu vervollkommnen. In der Hoffnung, dass die grundlegenden Prinzipien des traditionellen Budo erhalten bleiben, wurde diese Budo-Charta verfaßt.

ARTIKEL 1 ZWECK

Der Zweck von Budo besteht darin, den Charakter zu kultivieren, die Fähigkeiten zur Beurteilung und Entscheidung zu erweitern und an der physischen und geistigen Ausbildung durch die Kampftechniken teilzunehmen.

ARTIKEL 2 KEIKO

In der täglichen Übung muß man beständig den Regeln des Anstands folgen, muß den Grundlagen treu bleiben und der Versuchung widerstehen, ein ausschließlich an technischen Fähigkeiten orientiertes Training zu betreiben anstatt die Einheit von Geist und Technik anzustreben.

ARTIKEL 3 SHIAI

In einem Wettkampf und bei der Ausführung von Kata, muß sich der Budo Geist offenbaren. Strengen Sie sich auf das Äußerste an! Siegen Sie mit Bescheidenheit, nehmen Sie Niederlagen bereitwillig an, und zeigen Sie stets eine angemessene Haltung!

ARTIKEL 4 DOJO

Das Dojo ist ein geheiligter Ort für die Ausbildung unseres Geistes und Körpers.  Hier müssen Disziplin, richtige Etikette und Förmlichkeit herrschen. Der Übungsort muß eine ruhige, reine, sichere und ernsthafte Atmosphäre bieten.

ARTIKEL 5 UNTERRICHTEN

Um beim Unterrichten ein wirksamer Lehrer zu sein, muß ein Budo-Meister stets danach streben, den Charakter und die Fähigkeiten seiner SchülerInnen zu kultivieren und die Beherrschung von Geist und Körper zu fördern. Er/ Sie soll nicht wankelmütig durch Gewinnen oder Verlieren werden, keine Arroganz bei überlegener Fähigkeit zeigen, sondern stets eine Haltung zeigen, die als Vorbild geeignet ist.

ARTIKEL 6 VERBREITUNG

Beim Verbreiten von Budo, soll man den traditionellen Werten und dem Wesentlichen des Trainings folgen sowie das Äußerste dazu beitragen, um diese traditionellen Künste zu erforschen und zu erhalten, mit einem Verständnis für internationale Sichtweisen.

ZUR ENTSTEHUNG DER BUDO CHARTA

ALLGEMEINES

Um 1981 konnte ein deutlich zunehmendes, internationales Interesse an Budo registriert werden, das u.a. zur Gründung der "Internationalen Budo-Universität" führte, um Menschen aus aller Welt die Gelegenheit zu bieten, Budo studieren zu können. Als eine Folge des internationalen Einflusses  begann Budo wie ein Sport zu werden. Schul-Budo wurde populärer durch Meisterschaften und ihrer Förderung. In dieser Zeit wertete die Japanische Budo Vereinigung das wachsende nationale wie internationale Interesse an Budo als einen Ausdruck von traditioneller japanische Kultur. Als Antwort auf diese Trends präsentierte Goro Yamanaka, ein Vertrauensmann der Japanischen  Budo Vereinigung, dem Vertrauensleute-Komitee einen Vorschlag zur Gründung eines Ausschusses, mit dem Arbeitstitel "Zur Begründung der Bedeutung von Budo". Dem Vorschlag wurde am 16. April 1981 zugestimmt. Der Auftrag des Ausschusses bestand darin, die Frage "Was ist Budo?" zu untersuchen und zu beantworten. Man stimmte darin überein zu klären, welches die geistigen Eigenschaften sind, die durch Budo im Individuum entwickelt werden können und in jedem der "Do" innewohnen. Im nächsten Schritt sollte dann der Vergleich dieser grundsätzlichen Budo-Prinzipien mit anderen (internationalen) Sportarten geführt werden.

VERFAHREN

Der Budo-Charta-Ausschuss wurde von dem Vertrauensleute-Komitee der Japanische Budo Vereinigung gegründet. Sie trafen sich zu mehr als zwanzig Diskussions-Sitzungen in der Zeit zwischen Juli 1981 bis März 1984 zusammen mit den Vertretern der verschiedenen “Do”. Jeder dieser Delegierten sprach seine Grundsätze und Ansichten zur Fragestellung aus. Während dieses Vorgehens wurden sowohl Informationen über die Budoprinzipien gesammelt, als auch gleichzeitig die Übereinstimmungen in den “Do” festgestellt. Vier Budo-Gelehrte unterstützten während dieser Treffen das Komitee durch Fachvorträge. Eiichi Eriguchi hielt einen Vortrag über “Die Internationalisierung von Budo und daraus erwachsene Probleme”, Dr. Yoshio Imamura sprach über die “Veränderungen in der Bedeutung von Budo”, Katsumi Nishimura über “Veränderungen des Budo in der Schul-Erziehung”, und Shinichi Oimatsu über “Die grundlegende Bedeutung von  Jigoro Kano´s Judo (der Gründer des  Kodokan-Judo) und der Zweck eines ernsthaften Trainings”. Im März 1983 veröffentlichte das Komitee eine zusätzliche Ausgabe des Journals “Berichte über modernes Budo”, das den Stand der geleisteten Arbeit zusammenfasste. Währenddessen, man war bereits in der Vorbereitung zur Abfassung der Budo Charta, arbeiteten die Mitglieder des Ausschusses mit Vertretern eines jeden “Do”, um die Übereinstimmungen unter den “Do” festzustellen. Anfang Mai 1982 wurde eine Serie von Artikeln unter dem Titel  “Eine umfassende Erklärung zum modernen Budo” durch das Nippon Budokan in seinem monatlichen Journal “Budo” veröffentlicht. Zusätzlich wurden drei Unterausschüsse zu folgenden Themenkreisen gegründet:

1. Der Ursprung und die Geschichte von Budo (Vorsitz Tatsuo  Saimura)

2. Der Ausblick Budo zu vereinen (Vorsitz Shinichi Oimatsu)

3. Das Image des idealen Menschen (Vorsitz Kisshomaru Ueshiba)

Im Juni 1983  übernahm Hiroichi Tsujihara das Amt von Goro Yamanaka und damit die Verantwortung für das Forschungsprojekt “Budo Charta”. Später kam noch Hiroichi Tsujihara zu diesem Ausschuss. Dieser Vorstand stimmte überein, dass der Inhalt der Charta eindeutige Aussagen enthalten und als zusammenfassende Richtlinie für ernsthafte Trainer dienen sollte. Im Oktober 1984 wurde der “Sonderausschuss zur Entwicklung der Budo-Charta” gebildet und  Hiroichi Tsujihara wurde als Vorsitzender gewählt. Kihei Kijima übernahm im Juli 1986 das Amt. Dem Ausschuss gehörten an: Dr. Yuzo Kishino, Katsumi Nishimura, Goro Hagawa und Shinji Naka-bayashi. Der Ausschuss traf sich sechszehnmal. Um Übereinkommen um die Prinzipien von Budo zu erreichen, studierte der Ausschuss die Veröffentlichungen der Konferenzen der “Japanischen Budo Akademie” und die anderer Symposien. Sie präsentierten dann einen Vorschlag der Budo Charta der  Japanischen Budo Vereinigung, sowie den Vertretern der “Do”. Nach Revision wurde dann am 19. Januar 1987, durch das Vertrauensleute-Komitee der Japanische Budo Vereinigung der vorliegenden Budo-Charta die Zustimmung erteilt.

WIDMUNG

Die Budo Charta wurde im gemeinsamer Absicht durch die Japanische Budo Vereinigung geschaffen, um zu einer angemessenen Entwicklung des Budo zu ermutigen. Jeder der “Do” hat die Budo-Charta bestätigt und wird diese Richtlinien subjektiv, gemäß seinen eigenen Notwendigkeiten zur Anwendung bringen.

ANMERKUNGEN

1. Das chinesische Schriftzeichen (kanji) für “jutsu” besteht aus den Zeichen “gyo”, (Straße oder Weg), und “shutsu” (am Stamm festhalten). Jutsu ist die Weisung zu einem Weg, dem die Menschen lange folgen. Als eine Deutung bedeutet “jutsu” die Methode oder den Weg, dem die Menschen seit alter Zeit folgten, sinngemäß: ein traditioneller Weg. “Jutsu” hat die folgenden Bedeutungen:

1. Kunst, Fähigkeit;

2. traditionelle Disziplin;

3. Unterrichten oder Lehren, wie man es selbst erfahren hat.

2. Das Schriftzeichen (kanji) für “Do” (oder “michi”) ist zusammengesetzt aus den Zeichen “shinnyu” (Fußbewegung) und “shu” (Kopf). Der Kopf zeigt in die Richtung, die man zu gehen beabsichtigt. Es sollte der Weg oder Pfad sein, den man zu gehen in der Lage ist. Das Schriftzeichen, “Do” bedeutet

1. Denkweise,

2. Disziplin,

3. die Methode, der man folgen muß.

Die Anmerkungen Nr. 5 - 8 sind weggelassen)

(Namen der Ausschuss-Mitglieder - hier fortgelassen)

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