Kinder auf- und ausrüsten

Ein Beitrag zur Tagung der Evangelischen Akademie Nordelbien zum Thema “Kampfsport und Überlebens-
kampf” vom 11. bis 13.Januar 2002 von Ralf Pöhler

Einleitung

Ich bedanke mich herzlich bei Ihnen für die Einladung zu dieser Tagung und darf Ihnen die herzlichsten Grüße des Präsidiums des Deutschen Judo-Bundes überbringen. Mit großem Interesse verfolgt der DJB die Diskussionen über Kampfsportarten, deren Risiken und deren pädagogische Chancen, die in der jüngsten Vergangenheit vor allem vor dem Hintergrund möglicher Konzepte der Gewaltprävention geführt wurden und werden.

Ich selbst betreibe Judo seit nunmehr 30 Jahren. Als Funktionär habe ich mich in verschiedenen Positionen im Verein, Landes- und Bundesverband eingebracht. In meiner Eigenschaft als Vizepräsident des DJB bin ich zuständig für den Breitensport des Spitzenverbandes. In dieser Funktion bemühe ich mich, wichtige, über den aktuellen Wettkampfsport hinausgehende Fragestellungen in regelmäßigen Abständen im DJB zu thematisieren. Es hat sich herausgestellt, dass auch innerhalb der Judogemeinschaft nach Jahren einer schleichenden Reduzierung von Judo auf das Phänomen Wettkampf nunmehr die Zeit gekommen zu sein scheint, sich auf Seiten von Übungsleitern und Funktionären einer neuen Positionsbestimmung zu stellen. Judo wird zunehmend in seiner Mehrperspektivität erschlossen. So ging und geht es in den Seminaren um Themen wie Gewaltprävention durch Judo, Judo als Schulsport oder Judo als Mittel der Therapie und zum Ausgleich motorischer Defizite.

Da ich in meiner Eigenschaft als Vizepräsident eines Kampfsportverbandes gebeten wurde zum Thema “Kinder auf- und ausrüsten” zu sprechen, beziehe ich den Titel natürlich auf Kampfsport und die Verantwortung der entsprechenden Verbände. Mit dem Titel ist ein Teil der latent vorhandenen erzieherische Mehrdeutigkeit des Bewegungssystems Kampfsport ausgedrückt. Mit dem Kampfsport verbindet man zum einen das Sich-wehrhaft-machen mittels zumeist asiatischer Kampftechniken, zugleich die vielfach geäußerte Vermutung, das Erlernen solcher Techniken fördere das Aggressionspotenzial: Was man erlernt hat, wird man irgendwann einmal auch einsetzen wollen. Zum anderen klären uns aber Familienberater, Kinderärzte und –psychologen über den therapeutischen und sozial-integrativen Charakter von Kampfsportarten auf und sprechen Empfehlungen für “Kampfzonen” schon im Kindergarten und in der Grundschule aus (ROGGE, 1998 und 1999), weisen dem Kämpfen einen wesentlichen Stellenwert in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu, machen damit Kampfsportarten quasi salonfähig.

Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung: Ich tue mich schwer sowohl mit dem Begriff “aufrüsten” wie auch mit dem Begriff “ausrüsten”. Während wir bei “aufrüsten” an Begriffe wie “Rüstungsspirale”, “Rüstungskontrolle” usw. denken, wird indirekt die Gefahr des Missbrauchs von Kampftechniken in der Hand von Kindern und Jugendlichen unnötig hoch eingeschätzt. Andererseits verkürzt der Begriff “ausrüsten” den erzieherischen Prozess, der durch Kampfsportarten eingeleitet werden kann erheblich. Ausrüsten kann aber keinesfalls bedeuten, ausbilden und dann allein lassen mit den erlernten Techniken und gemachten Erfahrungen.

Kampfsport im Zwielicht – Kampfsportklischees und einige Richtigstellungen

Zunächst möchte ich auf einen wesentlichen Punkt eingehen. Es ist nicht möglich, von dem Kampfsport sprechen. Kampfsportarten unterscheiden sich z.B. durch

  • Distanz bzw. Nähe (siehe die Distanzkampfsportart Karate und die Judo), durch
  • ihre kulturelle Einbindung bzw. Abstammung (siehe die Faustkampfsportarten Boxen, Karate, Tae-kwon-do) oder auch durch
  • die Ausübung mit oder ohne Waffen (s. Ringen oder Fechten).

Wenn ich von Kampfsport spreche, dann vor allem von den Budo-Disziplinen, d.h. von solchen, die im japanischen Kulturkreis ihre Abstammung haben und sich aus den Kampftechniken der ehemaligen japanischen Ritter, den Samurai, entwickelt haben. Auch dort gibt es die unterschiedlichsten Kampfkünste. Nicht nur dass sich in diesen unterschiedliche Menschentypen wiederfinden – wie die Folie veranschaulichen möchte. Auch Ausübung, Organisationsformen und mögliche Erfahrungen sind unterschiedlich. Aus dem jeweiligen Blick auf diese oder jene Kampfsportart wird sicherlich auch die des Thema “Kinder auf- und ausrüsten” unterschiedlich ausfallen. Wesentliche Teile meines Referates beziehe ich verständlicher Weise auf Judo. Judo stellt unter den Kampfsportarten die weltweit größte der olympischen Kampfsportarten dar.

Fakt ist: Kampfsport steht (noch immer) im Zwielicht. Jahrelang galt das Ausüben von Kampfsportarten, auch solchen, die längst Einzug in das olympische Programm hielten, wie Boxen, Fechten, Ringen oder Judo, als suspekt. Kaum eine Kampfsportart fand Eingang in die Curricula der Schulen, zumindest nicht gleichberechtigt neben den Klassikern Fußball, Volleyball, Schwimmen oder Leichtathletik, um nur einige zu nennen. Erst in jüngster Zeit setzt ein Umdenken ein, und die Diskussion um die Lehrpläne im Fach Sport in einigen Bundesländern geben Anlass zur Hoffnung. Die Erkenntnis setzt sich durch, das ein Lernfeld “Ringen und Raufen – sich kämpferisch auseinandersetzen”, wie es u.a. in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern formuliert ist, ein wesentliches Element von Erziehung darstellt und Kindern und Jugendlichen bei ihrer Entwicklung zu einem reifen Menschen hilfreich sein kann. Ein Umdenken ist auch in der außerschulischen Jugendarbeit seit längerem sichtbar. Kämpfen ist kein Tabu-Thema mehr. So beschäftigt sich u.a. die diesjährige Vollversammlung der Sportjugend Schleswig-Holstein mit dem Thema Kämpfen als Chance einer neuen Streitkultur unter Kindern und Jugendlichen.

Eine wesentliche Ursache für die von Vorbehalten geprägte Einstellung zu Kampfsportarten sehe ich u.a. in den durch einschlägig bekannte Filme (z.B. Bruce Lee ...), Literatur (z.B. “Musashi”) und Medienberichte (z.B. über den inszenierten Catchsport oder auch Boxsport) vermittelten Klischees. In diesen kämpft das Gute gegen das Böse. Mittels noch härterem Training und sogenannter “spiritueller” Hingabe gelingt es, das Böse zu besiegen. Solche Machwerke bedienen die Größenfantasien von Jugendlichen, ihr Wunsch nach Kraft und Macht, ihr Bedürfnis nach Omnipotenz, welches besonders bei Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten festzustellen ist (MARQUARDT, 2/1999). Die Gefahr des Missbrauchs solcher Kampfsporttechniken in der Hand von gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen ist nicht von der Hand zu weisen. Die Chance, die in einer tiefergehenden und ernsthaften Beschäftigung mit Kampfsport steckt, nämlich mit diesen Selbstanteilen konfrontiert zu werden, ohne dass es einer destruktiv-aggressiven Entladung bedarf, werden durch die Vorurteile verdeckt.

Lassen Sie mich deshalb gleich zu Beginn noch einmal mit einigen Vorurteilen gegenüber Kampfsportarten aufräumen:

  1. Nicht jede Kampfsportart beschäftigt sich mit Treten und Schlagen. Es gibt durchaus Kampfsportarten, in denen Nähe und Körperkontakt wesentlicher Bestandteil sind, wie z.B. das Ringen oder das Judo. Daraus ergeben sich pädagogische und therapeutische Möglichkeiten, die es wert sind, näher zu untersuchen.
  2. Kaum eine Kampfsportart bei der getreten und geschlagen wird, erlaubt Körperkontakt. Im Gegenteil: Das absichtliche oder unabsichtliche Berühren des Kontrahenden wird bestraft. Den Tritt oder Schlag rechtzeitig vor dem Partner abzustoppen, erfordert aber ein Höchstmaß an Konzentration, an technischer Perfektion und an Beherrschung, hat also überhaupt nichts mit ungezügeltem, hemmungslosem Umsichschlagen oder blindwütigem Zutreten zu tun.
  3. In den meisten Kampfsportarten wird der Partnerschutz durch Regeln oder Schutzbekleidung sehr in den Vordergrund gerückt (Beispiele Judo und Fechten). In kaum einer Kampfsportart ist der Knock-out Ziel “sportlicher” Anstrengungen. Dies ist eigentlich nur beim Boxen das erklärte Ziel. In allen anderen Kampfsportarten, vor allem im Budosport, werden Abwehrtechniken, Falltechniken usw. zum Schutz erlernt.

Eine weitere Ursache für solche Vorbehalte gegenüber Kampfsportarten liegt vielleicht auch, wie Familienberater Jan-Uwe ROGGE meint, darin, dass man annimmt, dass jede harmlose Rauferei in die Gewaltbereitschaft, in die Zerstörungswut hineinführe (in Judo-Magazin 7-8/1999). Dabei wird übersehen, “dass Aggressionen zunächst etwas Neutrales und Überlebensnotwendiges sind. Man muss sie nur, gestaltet in Ritualen und an Regeln gebunden, ausleben.”(a.a.O.). Hier werden zwei zentrale Themen von Kampfsportarten in der Vereinspraxis von ROGGE angesprochen: das von “Grenzen und Grenzsetzungen” und das Erlernen von Konfliktfähigkeit. Damit meine ich zum einen, dass im tätigen Umgang im Kampfsport Regeln des Miteinanders und Gegeneinanders erlernt und entwickelt werden, zum anderen, dass Kinder und Jugendliche geeignete Strategien erlernen, um sich in Konflikten körperlich angemessen behaupten zu können, ohne verletzen zu müssen, oder ggf. ganz auf körperliche Auseinandersetzung verzichten zu können, solche zu meiden und Konflikte verbal austragen zu können. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass man mit Anstand als Verlierer aus einer Auseinandersetzung wie auch aus einer Diskussion hervorgehen kann oder auch, dass es der Respekt vor dem Einsatz bzw. der Leistung des Kontrahenden verbietet, ihn zu verunglimpfen und herab zu würdigen. Ganz anders das Filmklischee, wo hemmungslos für eine vermeintlich gerechte Sache geprügelt und teilweise gemordet wird. Ich komme darauf noch einmal später zu sprechen.

Auch hier noch eine Anmerkung: Um einen Zweikampf zu gewinnen, ist m.E. ein gewisses Maß an Aggressivität notwendig. Sie ist notwendig, um eine Technik ggf. auch gegen den Widerstand eines Gegenübers in Übereinstimmung mit den sportlichen Regeln durchzusetzen. Damit ist Kampfsport aber noch nicht gewalttätig, denn:

  • Kampfsportarten geben sich Regeln nach denen die körperliche Auseinandersetzung stattfindet.
  • Sie setzen Freiwilligkeit bei der körperlichen Auseinandersetzung voraus.
  • Das Kämpfen wird von einem Schiedsrichter/Kampfri chter begleitet.
  • Im allgemeinen herrscht ein Gleichgewicht der Partner.
  • Es gibt die Möglichkeit auszusteigen, bzw. den Kampf jederzeit zu beenden.

Viele Eltern verbinden mit dem Besuch ihres Kindes z.B. beim Judokurs sehr wohl die Erwartung, dass “der Kleine” sich besser zur Wehr setzen kann. “Wehr dich doch!”, ist die häufige Antwort, wenn Kindergartenkinder sich bei der Mutter beschweren, wenn ihnen ein anders Kind das Spielzeug weggenommen hat. Das kann doch auch der Schüchterne im Karate- oder Judoverein so gut lernen – oder? Wenn es dann aber wirklich zu einer Rauferei zwischen zwei Kleinen kommt, werden allerdings beide sofort auseinander gebracht und das ganze “besprochen”. Wo sollen Kinder also so etwas wie Sich-durchsetzen lernen, wenn jegliche Art von körperlicher Aggression sogar schon im Kindergartenalter, wo keine anderen Konfliktlösungsstrategien zur Verfügung stehen, unterbunden, ja tabuisiert wird? Im Kampfsportverein dürfen sie, wie gesagt, “gestaltet in Ritualen und an Regeln gebunden”, zu ihren Aggressionen stehen, vielleicht auch erst entdecken, aber gleichzeitig beherrschen lernen.

Eine Erwartungshaltung in Sachen Aufrüstung ist bei vielen Erwachsenen, die ihre Kinder zum Kampfsport schicken, vorhanden. Bei Selbstverteidigungskursen für Mädchen und Frauen geht bei den Teilnehmerinnen diese Erwartungshaltung schnell noch darüber hinaus. Es geht um die Ausrüstung mit Körpertechniken zur Abwehr von Angriffen. Der Schritt, dann auch die Fähigkeit besitzen zu wollen, eigene Angriffe zu starten und damit ein persönliches Bedrohungspotenzial darzustellen, ist nur ein kleiner.

Die Gefahr des Missbrauchs solcher Schlag-, Tritt-  oder Wurftechniken insbesondere in der Hand von gewaltbereiten Jugendlichen ist nicht zu leugnen. Ebenso ist die Gefahr, dass durch Kampfsport Kinder und Jugendliche sich selbst aufrüsten oder aufgerüstet werden sollen nicht von der Hand zu weisen. Diese ist immer dann gegeben, wenn Eltern, Trainer oder die Jugendlichen selber Kampfsport instrumentalisieren, d.h. ihm einem entsprechenden “inhumanen” Sinn zuschreiben.

Ein Beispiel: Viele meinen, unsere Ellenbogengesellschaft brauche Durchsetzungskraft und Durchsetzungswillen. Im Kampfsport wird dann vielleicht das geeignete Mittel gesehen, Kindern dies beizubringen. Jetzt besteht die Gefahr der Aufrüstung durch und des Missbrauchs von Kampfsport. Ein anderes Beispiel: Natürlich kann ich Kampfsport betreiben, um mich anschließend besser wehren zu können (das nutzen Berufsgruppen wie Türsteher oder Sicherheitsbeamte) oder aber auch um mich besser prügeln zu können (das nutzen Rechte oder andere gewaltbereite Jugendliche). In beiden Fällen wird jedoch das Erlernen der Kampfsporttechnik ausschließlich unter einem technischen Aspekt gesehen. Kampfsport wird instrumentalisiert für einen beruflichen, gesellschaftlich akzeptierten, im zweiten Fall für einen dubiosen Gesinnungs-Zweck. Es gibt in der Kampfsport-Szene solche Anbieter bei denen das Training vor allem in der Technikvermittlung und “Abhärtung” besteht. Hier besteht die Gefahr der Fehlleitung, die Gefahr, dass bewusst Teilnehmer angeworben werden, die das Kampfsportklischee suchen oder auch bewusst Feindbilder ausgebildet werden wie in der rechten Szene. Die Dunkelziffer der “schwarzen Schafe” ist bei Distanzkampfsportarten größer als bei solchen mit Körperkontakt.

Aber die beschriebene Gefahr einer möglichen Aufrüstung durch Kampfsport oder gar der Heranzüchtung kleiner “Kampfmaschinen” ist bei weitem nicht in dem Maße vorhanden wie von Skeptikern befürchtet und die Vorteile der Beschäftigung mit Kampfsport überwiegen, wie ich im folgenden Abschnitt zu zeigen versuche. Aber dennoch: Was für den Sport im allgemeinen gilt, trifft auf den Kampfsport im besonderen zu: “Sport ist nicht per se präventiv und erziehend.”, stellte PILZ 1998 fest (39) und ich möchte ergänzen, Kampfsport rüstet Kinder und Jugendliche auch nicht per se mit vielen guten Eigenschaften aus. Ebenso wenig macht nicht Sport und auch nicht Kampfsport Kinder per se stark, auch wenn der Slogan des DSB (“Kinder stark machen”) dies vermuten lassen könnte. Denn dies alles kann nur unter reflektierter fachlicher und pädagogischer Anleitung gelingen. Insofern macht es Sinn einige Prüfsteine für ein ausrüstendes und nicht aufrüstendes Kampfsportangebot für Kinder und Jugendliche vorzustellen.

Wie ich versuchte an den Beispielen zu verdeutlichen führt nicht der Kampfsport selbst zur Aufrüstung, sondern das Umfeld in dem Kampfsport angeboten wird. Deshalb möchte ich als Fazit dieses Abschnittes:

  • Nicht der Kampfsport ist aufrüstend oder schlecht, sondern zunächst die Anbieter, Vermittler, die die Klischees bedienen oder zum Aufrüsten anleiten, d.h. Kampfsporttechniken für andere Zwecke instrumentalisieren.
  • Die Verantwortung in welchem Kontext sich Kampfsport abspielt, liegt bei den Vereinen und Übungsleitern, d.h. bei den verantwortlichen Erwachsenen, die solche Angebote initiieren, aber auch den Erwachsenen – vor allem Eltern - , die Kinder mit bestimmten Vorstellungen der Abhärtung, Willensschulung und Wehrhaftigkeit dort hingeben.

Soziale und pädagogische Erfahrungsmöglichkeiten im Kampfsport-Unterricht am Beispiel Ju-Do

Vorbemerkungen

Solche von mir skizzierten aufrüstende Angebote blenden bewusst bestimmte Erfahrungsmöglichkeiten im Kampfsport aus. Sigrid Happ ist in ihrem Beitrag ausführlich auf die pädagogischen Erfahrungsmöglichkeiten durch Kampfsport eingegangen, so dass ich mich hier auf wesentliche Punkte beschränken kann.

Judo als Beispiel

Judo ist eine Zweikampfsportart mit relativ engem Körperkontakt. Die beiden Antagonisten tragen einen Judoanzug aus reißfestem Baumwollstoff. Ziel bei der Auseinandersetzung ist es,

  • den Partner zu werfen, so dass er/sie auf dem Rücken zu liegen kommt,
  • ihn für eine gewisse Zeit am Boden festzuhalten,
  • ihn am Ellenbogengelenk zu hebeln oder zu würgen und in beiden Fällen zur Aufgabe zu zwingen.

Judo geht aber auch über den Zweikampfsport hinaus. Ursprünglich war Judo von seinem Begründer Jigoro KANO (1860 – 1938) als ein Selbstverteidigungssystem gedacht. Nur um ein sportliches Gegeneinander zu ermöglichen wurden Schlag- und Tritttechniken aus dem Wettkampf herausgenommen. Um diese, im regelgeleiteten Gegeneinander und in der Kombination mit Wurf- und Grifftechniken verletzungsträchtigen Techniken ebenfalls üben zu können, etablierten sich in den japanischen Kampfsportarten, also auch im Judo, festgelegte Bewegungsformen, sogenannte Katas. Übungsgrundlage jedoch ist das Randori, d.h. das freie Üben mit bestimmten Aufgabenstellungen, in denen man Situationsverständnis schult und Techniken erprobt.

Soziale und pädagogische Erfahrungspotenziale des Kampfsports vorgestellt am Beispiel Ju-Do

Beim Judoüben können und sollen wesentliche andere Erfahrungen als das Erlernen und Anwenden von Fertigkeiten/Techniken gemacht werden. Diese kommen meines Wissens in keiner Prüfungsordnung und keinem Lehrbuch über Judo ausführlich zur Sprache. Sie machen aber gerade den Kern dessen aus, womit wir im Judo Kinder und Jugendliche ausrüsten können, was wir ihnen mit auf ihren Lebensweg (“Do”) geben können. Kampfsportvereine und –verbände werben oftmals mit ihren Erfolgen; wichtiger wäre es m.E. auf diese Erfahrungsmöglichkeiten hinzuweisen.

Ich möchte im folgenden einige nennen:

  1. Judo spricht Kinder und Jugendliche über die verschiedensten Aspekte von Leiblichkeit und die körperliche Beziehungsebene an. Hierin liegt eine wesentliche pädagogische Chance, weil sich vor allem Jugendliche über ihren Körper definieren, Körper als ihr Potenzial in einer “verbetonisierten” Umwelt erfahren. Im Judo-Unterricht werden beiläufig oder auch ausdrücklich Fragen thematisiert wie “Wie stark bin ich, was kann ich leisten?” “Welche Berührungen sind angenehm, welche unangenehm?”, “Was traue ich mir zu, wieviel Mut habe ich?”, “Kann ich mein Gleichgewicht halten?”
  2. Körperkontakte erfahren und Körperkraft messen: Beides ist für Kinder ungemein wichtig. Und vor allem sind hier auch Kontakte zwischen Erwachsenen und Kinder außerhalb des familiären Rahmens möglich. Zwei Aspekte sind dabei in Bezug auf Kinder und Jugendliche besonders hervorzuheben:
    • STRUCK (S.90) weißt auf die Bedeutung einer ausgeglichenen Körperkontaktbilanz hin, z.B. in Hinblick auf den Schutz vor Gewalttätigkeit gegen sich selbst.
    • Kampfsport ermöglicht Kontakt und Kräftemessen mit Erwachsenen und vor allem mit männlichen Bezugspersonen. In einer Zeit in der kaum noch spontan innnerhalb der Familie gerauft wird (ROGGE, a.a.O.), muss das Toben wieder – pädagogisch angeleitet - gelernt werden. So lautet ein Angebot der evangelischen Familienbildungsstätte Norderstedt “Richtig toben lernen”.
  3. Im Üben und vor allem im Kämpfen werden Emotionen und körperliche Reaktionen hautnah erfahren (noch enger beim Ringen).
  4. Das Üben in einer Kampfsportart fördert das Sich-hinein-versetzen in den anderen. Im Üben müssen Rollen übernommen werden, um Übungssituationen zu schaffen. Spielerisch wird ein Rollenverständnis erworben.
  5. Gewinnen und Verlieren, d.h. auch mit Anstand verlieren lernen und im Verlieren die bessere Leistung des anderen anzuerkennen
  6. Wer mit einer Kampfsportart beginnt merkt schnell: Es ist ein langwieriger, langjähriger Übungsprozess, bis die Techniken “sitzen”. D.h. das mögliche Ziel, diese Techniken alsbald für die nächste Prügelei einsetzen zu können oder auch für die Selbstverteidigung einsetzen zu können, rückt zunächst einmal in die Ferne. Üben, üben, üben ist angesagt. Deshalb geht TIWALD weiter als ROGGE zu Beginn meiner Ausführungen. Er schreibt: “Es mag sein, dass sich besonders aggressive Menschen dem Kampfsport hinzugezogen fühlen und ihn auch betreiben wollen. Das ist gut so, denn nirgendwo anders wird ihre Aggressivität mehr abgebaut, als in einem ernst betriebenen und gut geleiteten Kampfsport-Training.” (1981, S.34) Und zuvor: “Wer Kampfsport ... ernstlich auch hinsichtlich einer persönlichen Leistungssteigerung betreibt, wird sehr schnell erkennen und auch in der Praxis körperlich spüren, dass sich Wut, Angst und Hass nicht lohnen, ja dass sie sogar die Kampfkraft mindern und man dadurch mehr Schläge einstecken muss. Der Kampfsport ist gerade jener Sport, in dem eine Aggression sofort mehr oder weniger mit eigenem Schmerz oder einer Niederlage bezahlt werden muss. Nichts ist so lehrreich, wie diese Rückkoppelung!” (a.a.O., S.33). Aufgabe im Kampfsporttraining ist es also u.a. solche Rückkopplung “sichtbar zu machen”.
  7. Durch das Kampfsporttraining wird eine gewisse Frustrationstoleranz ausgebildet, d.h. konditionelle und psychische Ausdauer entwickelt, vermittelt, positive Selbstgespräche zu führen (z.B. im Wettkämpfen). Erreichte Ziele vermitteln Selbstvertrauen, schaffen Zuversicht und die Bereitschaft, sich etwas zuzutrauen, etwas zu wagen und in der Folge selbstbewusster auftreten zu können.
  8. Kampfsport konfrontiert mit den eigenen Allmachtsvorstellungen: Der Lehrer ist Projektionsfläche und Modell zugleich (“Wie geht der, der das kann, was ich aus den Filmen kenne, was ich können möchte, mit seinem Können um?”)

Einige der genannten sozialen und pädagogischen Erfahrungsmöglichkeiten im Ju-Do werden realisiert, ohne dass es der bewussten gelenkten Initiierung eines Judolehrers bedarf. Dennoch muss die pädagogische Arbeit in einem Kampfsportverein m.E. genauso wichtig erachtet werden wie die Technikvermittlung und fachmethodisch optimiertes Lernen. Dies kann nur in einer Art Selbstverpflichtung des Vereins und seiner Übungsleiter/innen zu den von mir vorgestellten pädagogischen Leitlinien KANOs geschehen.

Kampfsportarten als ein Erziehungs- und Wertesysteme (am Beispiel von Ju-Do)

Asiatischen Kampfkunst-Meister wie KANO (Begründer des Ju-Do), FUNAKOSHI (Begründer des Shotokan-Karate-Do) oder UESHIBA (Begründer des Aiki-Do) haben die sozialen und pädagogischen Einwirkungsmöglichkeiten mittels Kampfsportarten gesehen und bewusst weiter entwickelt. Leider ist jedoch diese sogenannte Bu-Do-Philosophie vielfach zum Zitat verkommen. Deshalb ist eine Rückbesinnung auf den pädagogischen Gehalt, die pädagogischen Kerngedanken, ohne den fremden Mystizismus oder fernöstliche Philosophie heute unter der aktuellen Diskussion um Kampfsport z.B. im Schulsport sinnvoll und notwendig.

Wenn ich KANO richtig verstanden habe, beschreibt er das, was bei der Ausübung von Ju-Do neben dem Erlernen von Technik geschieht folgendermaßen:

  1. Grundlage im Judo ist das körperliche Training und die körperliche Auseinandersetzung. Diese führen zu ...
  2. einem besseren Kennenlernen der eigenen Persönlichkeit und einem besseren Verständnis des anderen. Dies führt zum ...
  3. Verständnis der beiden Grundsätze vom “Besten Einsatz der körperlichen und geistigen Kräfte” und vom “Gegenseitigen Verstehen und Helfen”


 

KANO stellt also ganz bewusst pädagogische Leitlinien über den Kanon von zu erlernenden Techniken. Diese Leitlinien sind:

  1. Durch das Üben den bestmöglichen Nutzen aus seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu ziehen und ...
  2. Durch die stetige Arbeit an der eigenen Persönlichkeit einen Beitrag zum gemeinsamen Wohlergehen zu leisten.

Sport ist einerseits immer Spiegelbild der Gesellschaft. Sport ist heute Spiegelbild unserer Leistungsgesellschaft. Dem Sport wohnt andererseits aber immer zugleich auch die Kraft zu einem gesellschaftlichen Gegenentwurf inne, einer Utopie, die vielleicht im Kleinen realisiert werden kann. KANOs pädagogische Leitlinien könnten eine Gegenvision zur heute herrschenden Meinung von Leistung als Erfolg und von Gegeneinander als Konkurrenz darstellen:

  • Leistung wird beim ihm nicht im Sinne von Selektion und Verdrängungsprozess verstanden, sondern im Sinne von kompetenter werden in einer Sache, deren Tiefe und Vielfalt erfahren.
  • Gegeneinander ist nicht das Ausschalten und Kaltstellen der Konkurrenz, sondern wird als gemeinsames Erproben an der Sache verstanden.

Zentral ist KANOs Prinzip vom beiderseitigen Nutzen aus dem Übungsprozess, der Chance, dass beide Übungspartner im Übungsprozess miteinander lernen, ihr Können entwickeln und auch zusammen an der Sache und zwar in Auseinandersetzung mit diesem Partner wachsen.

KANO gelangte zu diesem “philosophisch-pädagogisch en Entwurf” durch eine fundamentale Erfahrung: Gerade im Kampfsport, wo das Gegeneinander seinen intensivsten, unvermitteltsten Ausdruck findet, kann etwas erfahren werden, was FUNKE-WIENEKE 1999 auf dem DJB-Workshop folgendermaßen beschreibt: “... in dieser (tätigen Philosophie) stellt sich die paradoxe Möglichkeit ein, im Widerstreit Fürsorge zu tragen. Das halte ich für die eigentlich menschliche Botschaft eines geregelten Kämpfens ... dass man es versteht, den Widerstreit einzugehen und die Fürsorge zugleich zu gewähren.

Schon im Training sollte das “Miteinander im Gegeneinander” oberster Grundsatz sein. Dieses Prinzip, so die Hoffnung, kann dann auch Leitlinie für den täglichen Umgang mit anderen Menschen sein (vgl. PÖHLER, 1994, S.15/16).

Ju-Do in diesem Sinne hat einen hohen Integrationswert. Jeder kann sich mit seinem Können und seinen Fähigkeiten in das Training einbringen. So ist es nicht nur im Ju-Do, sondern auch in anderen Budodisziplinen im allgemeinen selbstverständlich, wenn von der Sache her ältere Schüler den jüngeren helfen und sie unterstützen. Keine Leistung wird geschmälert, sondern vor dem Hintergrund der eigenen Leistungsfähigkeit gewürdigt.

Zur Verantwortung von Judo-Verbänden und –vereinen

Vorbemerkung

Ich halte noch einmal fest, dass für mich die Ausübung eines Kampfsports durch Kindern und Jugendlichen nicht “platt” mit “Aufrüstung” gleich zu setzten ist. Die vielfältigen, von mir nur zum Teil beschriebenen sozialen und pädagogischen Erfahrungen, die sie im Übungsprozess machen können, werden Kinder und Jugendliche im Gegenteil ausrüsten für ein menschlicheres Miteinander, das von Verstehen und nicht von Abwertung des Anderen geprägt ist, einsetzen können. Dass dies gelingt liegt in der Verantwortung der erwachsenen Übungsleiter und Funktionäre des jeweiligen Kampfsports.

Fasst man Kampfsport als ein Erziehungs- und Wertesystem im Sinne des Judobegründers Jigoro Kanos auf, so bedarf es der Selbstverpflichtung von Vereinen und Verbänden zu einer solchen pädagogischen Grundhaltung und einer Sicherung einer solchen Grundhaltung in ihren Reihen. Dies fordert die Durchleuchtung angestammter versportlichter Strukturen in Lehre, Ausbildung und Wettkampf, ggf. die Bereitschaft zu einschneidenden Veränderungen zugunsten von mehr “Beziehungsarbeit”/”Erziehungsarbeit”. Die Diskussion in Reihen des DJB darüber, wieweit die ÜbungsleiterInnen und Vereine dazu bereit sind, hat gerade erst begonnen.

Was können Kampfsportvereine und Verbände tun, um eine pädagogische Grundhaltung zu sichern, damit Kinder dort nicht mit Kampftechniken aufrüstet, sondern mit Beziehungsfähigkeit ausrüstet?

Zusammenleben im Dojo

Die Umsetzung eines solchen pädagogischen Erziehungs- und Wertesystems beginnt vor Ort in der Judogruppe und sicherlich nicht mit vollmundigen Kampagnen von Landes- oder Spitzenfachverbänden.

Das sogenannte “Dojo” ist traditioneller Weise der Ort, an dem Judosport betrieben und Ju-Do im Sinne KANOs zur Entfaltung kommt. “Dojo” ist deshalb m.E. auch mehr als eine Turnhalle, selbst wenn Judo in einer solchen geübt wird. “Dojo” in einem ideellen Sinne ist ein pädagogischer Raum . Eindeutige Grenzsetzungen und Verhaltensregeln geben in diesem Raum Sicherheit beim Üben für alle, Sicherheit vor körperlicher Schädigung wie auch vor Herabwürdigungen. Mehrere Faktoren bestimmen m.E. einen solchen Übungsrahmen im Sinne des Ju-Do:

  • Höflichkeit und Respekt gelten nicht nur als traditionelle asiatische Tugenden. Das Miteinander von Schülern und Lehrer ist durch gegenseitige Achtung geprägt. Kinder werden als Personen ernst genommen. Hier hat eigentlich kein rüder Umgangston, Kommandoton oder das Anherrschen von Übenden Platz. Wichtig ist vor allem das gemeinsame Begrüßen und Verabschieden, aber auch schon das Betreten der Übungshalle: Man “schneit” nicht mal eben in die Stunde hinein. Jede Partnerübung wird von einer Verneigung vor dem Partner eingeleitet und mit einer Verneigung vor dem Partner beendet (Verneigung und nicht Verbeugung!).
  • Durch einen äußeren Rahmen (Raumaufteilung, ausgelegte Matte, Schüler- und Lehrerseite usw.) und weitere klare Strukturelemente im Unterricht, zu denen z.B. Unterrichtsstruktur (Stundenaufteilung) und Übungsstruktur (zeitliche Begrenzung und angemessene Dosierung der Intensität) gehören, bekommen vor allem Kinder Verhaltenssicherheit.
  • Das Dojo ist ein Schutzraum: In diesem Schutzraum gibt es keine mutwilligen Körperverletzungen, keine Beleidigungen, keine Ungleichbehandlungen und keine Sachbeschädigungen. Dies gilt für Erwachsene wie für Kinder gleichermaßen. Dazu gehört auch, dass es keine, auch keine versteckte Gewalt von Kindern untereinander aber auch gegenüber Kindern und Jugendlichen z.B. durch Übungsleiter gibt. Für die Wahrung dieses Schutzraumes müssen Judolehrer/innen und Vereinsvorstände mit ihrer ganzen Person einstehen. Verletzungen des Schutzraumes bedürfen deshalb auch der konsequenten Ahndung.
  • Wichtig ist, dass es klare Regeln des Zusammenübens gibt, die immer wieder während des Unterrichts erläutert werden. Unmittelbar einsichtig ist die “Goldene Regel”: “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.” So ergeben sich Fragen wie: “Warum darf ich nicht unfair kämpfen? Warum soll ich nicht schlecht über die Leistung eines anderen reden? Warum muss die Halle/die Matte saubergemacht werden?” usw. unmittelbar aus dem Zusammenüben.
  • Vor allem intoleranter Umgang innerhalb der Übungsgemeinschaft (z.B. zwischen Breitensport- und Wettkampfgruppe oder zwischen motorisch auffälligen Kindern und anderen) darf nicht stillschweigend akzepiert werden

Lehren und Ausbildung

Wie in anderen Sportverbänden auch gibt es auch im Judoverband ein kaum zu lösendes Problem: Es gibt zu wenige ehrenamtliche Übungsleiter/innen. Die Folge ist, dass jeder, der einige Zeit Judo betreibt, vor allem aber fast jeder, der als Erwachsener Judo betreibt, irgendwann einmal mit der Frage konfrontiert wird, ob er/sie sich als ÜL zur Verfügung stellen würde.

Der Verein sieht im zukünftigen Übungsleiter meistens nur den Stundenanleiter. Aus der Not heraus wird aber die wesentliche Frage an den zukünftigen ÜL nicht gestellt: Ob er/sie sich vorstellen kann und die Bereitschaft vorhanden ist, sich der Beziehungsarbeit, die Ju-Do-Unterrichten darstellt, zu öffnen. Dazu gehört vor allem auch Themen und Trainingssituationen aufzugreifen und nicht nur Techniken fachmethodisch korrekt zu vermitteln. Dies ist teilweise auch von weniger fachkompetenten Judoka hervorragend zu leisten, wenn ihnen technisch erfahrenere fachlich assistieren. Der DJB und andere Kampfsportverbände tun also gut daran, angestammte Ausbildungsstrukturen in Hinblick auf die Förderung und Reflexion pädagogischen Handelns hin zu überprüfen und zu verändern, stellte doch die Ausbildung von Übungsleitern und Trainern bisher überwiegend auf den fachmethodischen Teil ab. Der DJB hat hier bereits mit der inhaltlichen Neugestaltung seiner Fortbildungsangebote begonnen.

Kampfsportlehrer sind für Kinder und Jugendliche oftmals echte Idole. Ihr Wort und ihr Handeln sind größeres Vorbild als das von Eltern oder anderen Lehrern. Gleichzeitig werden natürlich auch die negativen Seiten solcher Idole übernommen. Kinder und Jugendliche stellen sich natürlich die Frage, wie der Kampfsportlehrer, der das kann, was man selbst einmal können möchte (und das zeigen kann, was man im Film gesehen hat), sein Können einsetzt. Insofern kann es dem Kampfsportlehrer nicht gleichgültig sein, was mit dem von ihm vermittelten Wissen anschließend geschieht. Kampfsportlehrer sind Projektionsfläche für die Allmachtsvorstellungen von Jugendlichen. MARQUARDT führt deshalb aus: “ Es geht zumindest in den asiatischen Kampfkünsten nicht nur um Technik und Körperbeherrschung, sondern Reifung und psychisches Wachstum sind ebenso Teil des Systems. Daher kommt dem Meister hier die Aufgabe zu, seine Schüler auch auf diesen Ebenen unterstützten zu wollen und zu können.” MARQUARDT spricht hier indirekt die Verantwortung in der Ausbildung von Kampfsport-Meistern (Danträgern) und Trainern im Kampfsport an. Kampfsport ist Beziehungsarbeit und im Kampfsport Unterrichtende sollten diese ein Stück weit leisten können. Die Ausbildung von Danträgern, die ebenfalls in den Händen des DJB bzw. anderer Kampfsport-Verbände liegt, bedarf also gleichfalls einer kritischen Durchleuchtung.

Wettkämpfen

Wettkampfsport ist heute Erfolgssport geworden. Es geht nicht mehr um den Vergleich, wer besser ist, sondern wer nachher auf dem Treppchen steht. Denn danach werden im Spitzensport die Gelder verteilt, - nur danach. Orientierung im Sport auf diesen Erfolgssport ist verbunden mit Selektion. Die “Sportflaschen” werden ausgesondert. Dieses Selektionsprinzip setzt schon früh im Kindesalter ein und erfasst alle Niveaustufen, auch die Kreisebene, auch das Denken in Vereinen. Aber gibt es die “Sportflasche” überhaupt? Gerade in den Kampfsportarten erfahren wir, dass mit Fleiß und Ausdauer auch motorisch ungeschickte Kinder mit der notwendigen Zuwendung beachtliche Leistungen vollbringen können. Leistung sollte also am einzelnen Menschen gemessen werden.

Im Judosport setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass eine eindimensionale Trainings- und Organisationsausrichtung auf den Wettkampfsport nicht weiterführt. Es ist an der Zeit den Erfolgs- und Wettkampfsport zu relativieren (nicht zu verdammen!).

Vor allem die Wettkampforientierung und die Betonung von Leistung als Selektion und Konkurrenz, so stellen mehrere Autoren übereinstimmend fest (u.a. PILZ), fördern Gewalt im Sport. Dies gilt uneingeschränkt auch für den Judosport.

Innerhalb des DJB sind deshalb zwei Projekte in Vorbereitung, Wettkampfsport im Kindes- und Jugendalter aus Sicht von Pädagogen zu durchleuchten und Alternativen zu schaffen:

  1. Wird es im Wettkamp hitzig, streiten oftmals Trainer, Betreuer und Eltern vom Mattenrand aus kräftig mit. Leider auch einmal mit Aufrufen zu unfairem Verhalten oder verbalen Entgleisungen. Es soll das Trainer- und Elternverhalten am Mattenrand unter die Lupe untersucht werden, damit die Gremien des DJB dann fundiert über geeignete Regelungen nachdenken können.
  2. Es gibt Überlegungen im DJB zu neuen Wettkampfmodellen die ohne Selektion auskommen und gleichzeitig als Dokumentation der individuellen Leistungsentwicklung für Kinder und Jugendliche eingesetzt werden können (KESSLER).

Abschlussbemer
kungen

  1. Kampfsportarten bergen die Gefahr in sich, dass Kinder und Jugendliche mit ihnen aufgerüstet werden. Die Gefahr ist jedoch aufgrund des langwierigen Übungsprozesses, der notwendig ist, diese Techniken auch wirklich einsetzen zu können, relativ gering.
  2. Die Ausübung von Kampfsport erhöht bei Kindern und Jugendlichen nicht die Gefahr der Gewaltbereitschaft, wenn Kampfsportangebote in einen pädagogischen Rahmen eingebettet sind. Festzuhalten ist aber, dass Kampfsportangebote nicht per se gewaltpräventiv, beziehungsfördernd usw. sind.
     
  3. Kampfsportarten lassen aufgrund des engen Körperkontakts und vor allem der körperlichen Auseinandersetzung vielfältige soziale und pädagogische Erfahrungsmöglichkeiten aufkommen, die Kindern in ihrer Entwicklung und Reifung helfen.
  4. Deshalb muss die Beziehungsarbeit in Kampfsportangeboten wichtiger sein, als die Technikvermittlung.
  5. Übungsleiter und Kampfsportmeister sind für Kinder und Jugendliche Modelle, an denen sie lernen. Deshalb müssen sie auf diese zu leistende Beziehungsarbeit vorbereitet werden.
  6. Kampfsportarten rüsten Kinder und Jugendliche mit vielen Dingen aus, die im Leben gebraucht werden, wie Durchsetzungswillen, Frustrationstoleranz, Durchhaltevermögen, usw. vor allem aber mit der wesentlichen Erfahrung des Miteinanders im Gegeneinander, die Fürsorge im Widerstreit.
  7. Kampfsportarten können ein Entwurf für ein humanes Leistungsprinzip sein, ein Gegeneinander an der Sache ohne Abwertung der Leistung des anderen.

Literatur

  • Funke, Jürgen “Ringen und Raufen” (in Sportpädagogik, 12.Jg., 4/1988, S.13-21)
  • Funke-Wieneke, Jürgen “Die pädagogische Bedeutung des Judo für Kinder und Jugendliche” (in Judo & Pädagogik, Hrsg. R.Pöhler, DJB 2000)
  • Happ, Sigrid “Zweikämpfen mit Kontakt” (in Sportpädagogik, 22.Jg., 5/1998, S.13-23)
  • Marquardt, Arwed “Psychoanalytische Pädagogik und Kampfsport – eine mögliche Allianz” (in Behindertenpädagogik, 38.Jg., 2/1999, S.187-202)
  • Pöhler, Ralf “Judo – in zehn Schritten zum Grünen Gürtel”, München, 1994
  • Rogge, Jan-Uwe “Interview” (in Stern, 43/1998, 122-128)
  • Rogge, Jan-Uwe “Rangelzone Matte” (in Judo-Magazin 7-8/1999, S.47-49)
  • Struck, Peter “Wie schütze ich mein Kind vor Gewalt in der Schule?”, Frankfurt/M., 2001

 

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